Es war ein sonniger Sonntag und Kirmes in der Eupener Oberstadt. August Boffenrath saß mit Gästen zu Hause in seiner Eupener Wohnung als der Einsatz um 17.30 Uhr begann. Der langjährige Leiter des Rettungsdienstes, Heinz Altenberg, holte ihn mit dem Dienstfahrzeug an der Bergstraße ab. Die Angaben, die die Zentrale zu diesem Zeitpunkt mitgeteilt hatte, waren spärlich. „Wir wussten, dass es eine Explosion an der Fina-Tankstelle in Eynatten gab, hatten aber keinerlei Informationen zum Umfang“, erinnert sich der 60-Jährige.
Je näher sie dem Ort des Geschehens kamen, umso klarer wurde ihnen, dass es sich um eine Katastrophe handelte, zu der sie gerade ausgerückt waren. „Als wir in Kettenis die Apotheke passierten, sahen wir aus sieben Kilometern Entfernung die Rauchwolken und die gewaltigen Flammen in die Höhe schlagen. Vor allem dieses Bild hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war für uns klar, dass etwas ganz Schlimmes geschehen sein musste“, blickt der heutige Raerener Schöffe zurück. Die Anfahrt verlief problemlos, noch versperrten keine Schaulustigen den Weg.

Durch die Wucht der Explosion wurden das Geschäft und die Tankstelle zerstört. „Ich bekam Gänsehaut und dachte nur ‘Mein Gott’, als wir die Tankstelle erreichten. Der Zentrale habe ich dann mitgeteilt, dass sie alles schicken soll, was zur Verfügung steht“, schildert August Boffenrath die Ankunft auf dem Gelände unmittelbar neben der Autobahnauffahrt. Das Gebäude brannte zu diesem Zeitpunkt lichterloh, es herrschte eine gespenstische Atmosphäre. „Es war extrem heiß, die Haare schmolzen praktisch auf den Armen, und wir konnten uns dem Gebäude kaum nähern. Unsere große Angst, ja Panik war, dass weitere Benzin- oder Gastanks in die Luft fliegen. Wir befragten drei britische Lkw-Fahrer, die spontan geholfen hatten, zur Zahl der Menschen, die zum Zeitpunkt der Explosion im Gebäude waren, doch sie konnten uns nichts Genaueres sagen. In der Nähe entdeckten wir dann drei verletzte Personen, die wir in Sicherheit brachten, indem wir sie auf den Parkplatz des benachbarten Möbelgeschäfts brachten. Bei unserer Arbeit wurden wir immer wieder von einem Kameramann behindert“, spult Boffenrath seinen Film ruhig und sachlich ab. Inzwischen war auch personelle Verstärkung eingetroffen. Am Ende waren es 150 Rettungskräfte, die den Einsatz abarbeiteten.
Erst der Expertenbericht verschaffte später Klarheit über die Ursache. Im Kriechkeller unterhalb des Tankstellengeländes war Propangas ausgeströmt. Durch Öffnungen in der Kellerdecke sei das Gas in das Gebäudeinnere gedrungen. Die Vermischung von Gas und Luft hatte dann zur verheerenden Explosion geführt. Unter den Toten befanden sich die Tochter des Geschäftsführers der Tankstelle und der Koch, der am darauffolgenden Samstag seine schwangere Lebensgefährtin hätte heiraten sollen. Alle 16 Toten hatten sich im Lokal aufgehalten.

Den Brand hatte die Feuerwehren schnell im Griff. „Als wir ankamen, brannten die Restbestände in den Zapfsäulen. Wir haben die verkohlten Leichten herausgezogen. Wir waren von drei, vier Leuten ausgegangen, doch wurden es immer mehr. Wir wussten nicht, woran wir waren, weil wir keine Informationen darüber hatten, wie viele Leute sich dort aufgehalten hatten“, blickte der ehemalige Eupener Feuerwehrkommandant Willy Valkenberg später auf seinen schlimmsten Einsatz zurück, bei dem er den Katastrophenplan ausgelöst hatte. Raerens Bürgermeister Bruno Fagnoul stand an der Spitze des Krisenstabs. Bis spät in die Nacht wurde jedes eingestürzte Teil umgedreht, um zu überprüfen, ob nicht noch ein Mensch darunter lag. Vergebens. Die Hoffnungen eingetroffener Familienmitglieder erfüllten sich nicht. Die Leichen wurden in der Turnhalle der Gemeindeschule aufgebahrt. König Albert II. verschaffte sich noch am Abend selbst in Eynatten einen Überblick vom Ausmaß der Katastrophe und spendete Mut.
Gespräch mit Kollegen zur psychologischen Aufarbeitung
Über drei Jahrzehnte war August Boffenrath mit großer Begeisterung Rettungssanitäter. „Von der Anzahl der Toten her war es zweifelsohne der dramatischste Einsatz, doch haben mich andere Einsätze psychologisch mehr belastet“, räumt er zehn Jahre nach seiner letzten Fahrt im Rettungswagen ein. „Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir vor Ort eigentlich kaum noch etwas tun konnten. Wir ahnten, dass kein Lebender unter den Trümmern lag. Damals waren wir Freiwilligen ja noch ohne Notarzt unterwegs und haben häufig schlimme Sache erlebt. Allein in meiner ersten Woche als Rettungssanitäter hatte ich es mit acht Toten zu tun.“

Psychologische Hilfe hat er nach dem Inferno nicht in Anspruch genommen. „Mir haben eigentlich immer die Gespräche unter Kollegen gereicht“, so Boffenrath. Nach Mitternacht kehrte er nach dem Einsatz an der Tankstelle in seine Wohnung zurück. Der Besuch war längst weg. Die Erinnerung ist geblieben.

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