Entführungsfall: Viele Fragen bleiben offen

<p>Guido Vermeiren (l.), Prokurator des Königs in Limburg, und Kris Vandepaer von der Föderalen Gerichtspolizei Limburg bei der Pressekonferenz am Montag in Hasselt.</p>
Guido Vermeiren (l.), Prokurator des Königs in Limburg, und Kris Vandepaer von der Föderalen Gerichtspolizei Limburg bei der Pressekonferenz am Montag in Hasselt. | Foto: belga

Es hört sich an wie ein Fall aus einem Kriminalroman, doch das Ganze hat sich tatsächlich so abgespielt: Ein 13-jähriger Junge ist in Genk von schwer bewaffneten Kriminellen aus seinem Elternhaus entführt und erst nach über 40 Tagen Geiselhaft in der Nacht zum Montag wieder freigelassen worden.

Die Staatsanwaltschaft von Limburg meldete am Montag bei einer Pressekonferenz in Hasselt die Festnahme von sieben Verdächtigen, nachdem es Razzien an mehreren Orten gegeben hatte. Zwölf Hausdurchsuchungen seien bis zum frühen Montagmorgen durchgeführt worden – vier in der Provinz Antwerpen und acht in Limburg (darunter jeweils eine in Maaseik, Zutendaal und Houthalen-Helchteren), so Guido Vermeiren, der Prokurator des Königs in Limburg. Der Untersuchungsrichter werde später über einen möglichen Haftbefehl entscheiden, hieß es weiter. Bei den meisten Verdächtigen soll es sich um radikalisierte Muslime handeln, berichtete der flämische Rundfunk VRT unter Berufung auf Justizkreise. Und obschon die Ermittler sich am Montag zu dem Fall äußerten, bleiben immer noch viele Fragen offen.

Immer wieder Kontakte zwischen der Familie und den Entführern

Die Entführung dauerte insgesamt 42 Tage. Zwischen den Entführern und der Familie habe es immer wieder Kontakte gegeben, bei denen es auch um Lösegeld-Forderungen ging. Details zur Zahlung des Lösegeldes nannten die Behörden allerdings nicht. Zwei Mal hätten die Entführer Lebenszeichen des Kindes geschickt. „Der Junge wurde am Montag, kurz nach Mitternacht, freigelassen und kam zu Fuß zu Hause angelaufen. Man hatte ihn in der Nachbarschaft abgesetzt“, erklärte Kris Vandepaer von der Föderalen Gerichtspolizei Limburg, die die Ermittlungen in Zusammenarbeit mit den lokalen und föderalen Polizeidienststellen und einer Spezialeinheit leitet. Das Opfer sei in Anbetracht der Umstände in einem „überraschend guten“ Zustand gewesen. „Jeder war positiv überrascht von der mentalen Stärke des Jungen“, so Kris Vandepaer. Die Föderale Gerichtspolizei Limburg habe mit 25 Personen rund um die Uhr an diesem Fall gearbeitet. Hilfe habe es von mehr als Hundert Personen aus dem Umfeld gegeben, aber auch internationale Ermittler aus den Niederlanden, Frankreich und den USA seien beteiligt gewesen. In der gesamten Zeit habe das Wohl des Kindes im Mittelpunkt gestanden, und nach der Freilassung habe man von der intensiven Ermittlungsarbeit profitieren können. Diese habe schließlich zu den Festnahmen geführt, teilte die Justiz weiter. Das Kind und die Familie erhielten dringend benötigte medizinische und psychologische Unterstützung.

Die Justiz bittet die Presse darum, keine Angaben zu der betroffenen Familie zu veröffentlichen. Weiter hieß es, gewisse Medien hätten bereits während der Ermittlungen von dem Entführungsfall gewusst. Doch um eine schnelle Lösung voranzutreiben, seien diese gebeten worden, auf eine Veröffentlichung zu verzichten. Die Staatsanwaltschaft bedankte sich am Montag bei der Pressekonferenz ausdrücklich dafür, dass diese Vorgabe eingehalten worden sei.

Schwer bewaffnete und maskierte Kriminelle drangen in das Zuhause der Familie ein.

Offiziell schilderte die Staatsanwaltschaft den Fall so: In der Nacht zum 21. April seien schwer bewaffnete und maskierte Kriminelle in das Zuhause der Familie in Genk eingedrungen und hätten den 13-Jährigen mit Gewalt verschleppt. Die VRT ergänzte später, auch andere Familienmitglieder seien dabei bedroht worden. Offen ließen die Behörden den Hintergrund der Gewalttat und ob tatsächlich Lösegeld gezahlt worden sei.

Der Rundfunksender RTBF meldete, ein Teil der geforderten Summe sei gezahlt worden. Die Familie des Jungen sei wegen Verbindungen zum Drogenhandel polizeibekannt. Allerdings stellte der Sender auch klar, dass bisher nicht bestätigt sei, ob es sich um „Gewalt zwischen Drogenbossen“ gehandelt habe. Die VRT berichtete, der Vater des Jungen sei einst in einem großen Drogenfall verurteilt worden. Der Bruder des Vaters sitzt den Angaben zufolge noch immer in Haft. Die VRT geht von einem Lösegeld von fünf Millionen Euro aus.

Eric Snoeck, Direktor der Föderalen Gerichtspolizei, lobte den Ermittlungserfolg seiner Behörde mitten in der Coronakrise. Die Beamten hätten unter oft sehr schwierigen Umständen aktiv und diskret ermittelt. Er sei stolz auf den täglichen Kampf seiner Mitarbeiter gegen das organisierte Verbrechen und den Terrorismus, meinte Eric Snoeck, der aus Gemmenich stammt und mehrere Jahre bei der Kriminalpolizei in Eupen tätig war.


 

In der belgische Kriminalgeschichte kam es bereits zu mehreren spektakulären Fällen, die für Schlagzeilen gesorgt haben. Ein Überblick:


Guy Cudell, zwei Tage (1984):
Der langjährige Bürgermeister der Brüsseler Gemeinde Saint-Josse-ten-Noode wurde am 24. Juni 1984 von einem „unzufriedenen“ Bewohner entführt und in Tellin (Provinz Luxemburg) festgehalten. Es wurde eine Lösegeld in Höhe von 40 Millionen Franken gefordert. Zwei Tage später wurde gemeldet, dass Guy Cudell gesund und munter zurück sei. Die genauen Umstände der Entführung kamen nie ans Licht. Cudell selbst gab zu Protokoll, er habe sich selbst befreien können und sei geflüchtet.


Paul Vanden Boeynants (VDB), 30 Tage (1989):
Der ehemalige Premierminister (CVP-PSC) trug den Beinamen VDB. Am 14. Januar 1989 wurde er an seinem Wohnsitz in Brüssel überwältigt und ins nordfranzösische Le Touqet verschleppt, wo er 30 Tage festgehalten wurde. Erst nach der Zahlung eines Lösegeldes von 63 Millionen Franken wurde er freigelassen – und zwar am 13. Februar 1989 in Tournai. Danach fuhr er mit dem Taxi zurück nach Brüssel. Die sogenannte Haemers-Bande um Patrick Haemers hatte den Politiker entführt, wie sich später herausstellte. Die Gangster wurden schnell gefasst, aber vom Lösegeld tauchte nur ein Teil wieder auf. In Erinnerung geblieben ist der Fall auch wegen einer Pressekonferenz, die Vanden Boeynants nach seiner Freilassung gab.


Anthony De Clerck, 32 Tage (1992):
Am 4. Februar 1992 wurde der damals elfjährige Anthony De Clerck, Enkel des berühmten Geschäftsmannes Roger De Clerck (Gründer des Textilunternehmens Beaulieu) entführt. Die Eltern wendeten sich danach an die Öffentlichkeit. 32 Tage wurde der Junge in Engreux (Houffalize) festgehalten und erst nach einer Zahlung von umgerechnet 6,4 Millionen Euro wieder freigelassen. Die Entführer wurden später geschnappt und im Jahr 1994 zu lebenslanger Haft verurteilt.


Sabine und Laetitia, 80 und 6 Tage (1996):
Der grausamste Entführungsfall in der Kriminalgeschichte Belgiens ist mit dem Kinderschänder Marc Dutroux verbunden. Sabine Dardenne (damals 12) verschwindet am 28. Mai 1996 spurlos. Erst als am 9. August 1996 auch Laetitia Delhez (14) in Bertrix entführt wird, kommen die Ermittler auf die Spur von Marc Dutroux. Am 15. August 1996 werden beide von der Polizei befreit. Für Julie, Melissa, An und Eefje kommt aber jede Hilfe zu spät. (sc/belga/vrt)

Kommentare

  • Eine Frage kann ich Ihnen hier schon mal beantworten, hätte dann aber sogleich einen neue Frage:

    Warum wird hier verschwiegen, daß es sich bei einem der Geiselnehmer um den syrischen Kämpfer Khalid Bouloudo aus Maaseik handelt, der unter Bewährung stand, weil er junge Kämpfer für den bewaffneten Kampf der Daesh/ISIS in Syrien rekrutiert hat?

    Von den mutmaßlichen Drogengeschichten mal abgesehen ...

  • Ein weiterer Fall, einer von vielen, von Bereicherungsversuch... Oder soll ich eher "tatsächlicher Bereicherung" schreiben? Belgien hört nicht auf bereichert zu werden und es gibt stimmen, die nach noch mehr solcher Goldstücken verlangt. Ob dieser nette DAESH Kämpfer eine schlechte Kindheit hatte? DAs wird es wohl sein! Und wer ist schuld? Klar doch...

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