Ärzte und Politik lancieren flammenden Appell für Testen und Tracen in der DG

<p>Mit der gebotenen Distanz warben Ärzte und Politik für Tracing und Testing (v.l. René Jost, Norbert Heukemes, Antonios Antoniadis und Karin Cormann; per Video zugeschaltet: Ingrid Mertes und Silviu Braga).</p>
Mit der gebotenen Distanz warben Ärzte und Politik für Tracing und Testing (v.l. René Jost, Norbert Heukemes, Antonios Antoniadis und Karin Cormann; per Video zugeschaltet: Ingrid Mertes und Silviu Braga). | Foto: GE

In Coronazeiten braucht man, wegen der notwendigen Abstände, für eine Pressekonferenz mit mehr als zehn Teilnehmern schon einen Raum wie den Europasaal des Ministeriums. Dort hatte der zuständige DG-Gesundheitsminister Antonios Antoniadis (SP) den Generealsektretär des Ministeriums, Norbert Heukemes, sowie dessen Mitarbeiter Karin Cormann, Nathalie Miessen und Yorck Pommée, die Leiter der beiden ostbelgischen Krankenhhäuser, Ingrid Mertes und René Jost, den Chefarzt von St.Nikolaus Dr. Frédéric Marenne sowie die Vorsitzenden der Ärztekreise im Norden wie im Süden der DG, Dr. Marc Franckh und Dr. Silviu Braga, um sich versammelt. Wobei Ingrid Mertes und Silviu Braga per Video zugeschaltet waren.

„Wir können nicht ewig so leben.“

„Wir können nicht ewig unsere sozialen Kontakte einschränken, wir können nicht ewig das Wirtschaftsleben aufhalten. Wir können nicht ewig so leben“, erklärte der Minister einleitend.

In Belgien, verteidigte Antoniadis den auf föderaler Ebene eingeschlagenen Weg, habe man sich für eine „gesunde Mischung aus dem, was in Schweden passiert“, und dem Vorgehen in anderen Ländern entschieden. Man setze verstärkt auf die „Eigenverantwortung der Menschen“, die einhergehe mit der „wiederlangten Freiheit. Es liegt in unser aller Hand, dass die Geschäfte ab dem 11. und dem 18. Mai geöffnet bleiben werden“. Gleiches gelte für die sozialen Kontakte. Für ihn seien deshalb fünf Punkte entscheidend: die Abstands- und Hygienemaßnahmen einzuhalten; bei Begegnungen Mundschutz zu tragen (auch wenn dieser kein Zwang ist, A.d.R.); bei Grippe-ähnlichen Symptomen den Hausarzt anzurufen; sich testen zu lassen, wenn man Symptome habe; dem Tracing-Team der DG dabei zu helfen, potenziell infizierte Menschen aufzuspüren.

Den Hausärzten kommt eine Schlüsselrolle zu.

Gerade Letzteres ist neu. Belgien hat dabei auf ein bereits bei Masern oder Tuberkulose bewährtes Instrument zurückgegriffen und dieses ausgebaut, wie Dr. Franckh erklärte. Eine App wird es in Belgien vorerst nicht geben. Minister Antoniadis sieht sie eh als Ergänzung des am Freitag vorgestellten Tracings.

Die Hausärzte werden bei dem System eine Schlüsselrolle spielen. Sie verschreiben bei entsprechender Information durch ihre „Kunden“ einen Test. Dieser wird, auf Anmeldung, in einem Drive-In-Verfahren, also im Auto, an den beiden Krankenhäusern der DG vorgenommen. Dieses Verfahren, so bestätigten die Verantwortlichen beider Häuser, habe sich seit Wochen bewährt.

Das Erinnerungsvermögen der Ostbelgier auf harter Probe

Fällt ein Test positiv aus, greift das neue System des Tracings. Der Hausarzt informiert, sobald er das Ergebnis hat, das eigens eingerichtete Callcenter des Tracing-Teams, das im Ministerium der DG mit insgesamt 20 DG-Mitarbeitern besetzt ist. Einer der „Tracer“ ruft dann die infizierte Person an, erläutert ihr die für sie geltenden Maßnahmen (in erster Linie Zwangsquarantäne für 14 Tage) und bittet sie, die Personen zu nennen, mit der sie in den letzten Tagen in Kontakt war. Es steht jedem frei, seine Kontakte zu nennen oder aber zu verschweigen. Nennt er sie nicht oder kann er sich nicht an seine Kontakte erinnern, kann das Tracing-Team logischerweise die eventuell bei diesem Kontakt infizierten Personen nicht zu einem Test einladen. Die Krankheit droht sich weiter auszubreiten.

Ärzte und Politik rufen die Menschen auf, beim Tracing kooperativ zu sein.

Daher appellierten am Freitag alle gemeinsam an die Ostbelgier, bei der Operation mitzumachen. Datenschutz und Schweigepflicht, hieß es, „haben oberste Priorität“. Man erhebe auch nur für die Bekämpfung der Pandemie relevante Daten. Dazu gehören Identität und Adresse des Betroffenen, sein Geburtsdatum, die Nummer aus dem Nationalregister, der Ort und der Zeitpunkt der Entnahme der Probe, die LIKIV-Nummer des verantwortlichen Arztes, seine Kontaktdaten sowie die einer Kontaktperson, Informationen zu der Personengemeinschaft z.B. Familie des Betroffenen und letztendlich die Info, ob die betroffene Person einen Job im Gesundheitswesen ausübt.

Nur wenn im Display 02 2141919 steht, ruft ein Tracer an.

Wichtig sei, so wurde betont, dass man immer von der gleichen Nummer angerufen werde: 02 214 19 19. Erscheine eine andere Nummer im Display, sei das mit Sicherheit nicht das Tracing-Team.

In Belgien werden die Daten an eine zentrale Stelle weitergegeben, und zwar an das wissenschaftliche Gesundheitsinstitut Sciensano. Dort würden sie in einer gesicherten Datenbank gespeichert, auf die weder Arbeitgeber, noch Polizei, Justiz oder andere Behörden Zugriff hätten, wurde versichert. Alle mit der Handhabung des System betroffenen Personen unterlägen der Schweigepflicht. Sei das Testergebnis negativ, würden die Daten sofort gelöscht, anderenfalls geschehe die Löschung binnen eines Monats.

Bei intensivem Kontakt folgt eine zweiwöchige Quarantäne.

Wird eine Person positiv getestet, stellt der Hausarzt ein Attest aus. Die betroffene Person wird zwangsweise unter Quarantäne gestellt. Auch die Mitglieder der Familie werden gebeten, sich zu isolieren. Der Hausarzt stellt auch diesen Personen im Bedarfsfall ein Attest aus. War der Kontakt zwischen einem positiv Getesteten und einer anderen Person länger als 15 Minuten und wurde die kritische Distanz von 1,5 m unterschritten, spricht man von einem „hochschwelligen Kontakt“. Das Tracing-Team kontaktiert, ohne den Namen des Infizierten zu nennen, diese Personen per Telefon oder begibt sich in ihr Domizil und bittet sie, „Präventions- und Früherkennungsmaßnahmen“ zu ergreifen. In der Regel bedeutet dies, 14 Tage zu Haus zu bleiben. Das Haus soll man dann nur für dringendste Bedürfnisse wie das Besorgen von Lebensmitteln oder Medikamenten verlassen.

Der Hausarzt ist für die Bürger erster Ansprechpartner sowie Dreh- und Angelpunkt.

Der Hausarzt bleibt die zentrale Kontaktperson für vom Virus befallene oder unter Symptomen leidende Personen. Er ergreift oder empfiehlt die gebotenen Maßnahmen, auch im Fall einer Verschlimmerung des Zustandes einer betroffenen Person. Er stellt auch das Verschwinden oder die Abschwächung des Virus sowie die Arbeitsfähigkeit eines Betroffenen fest.

Arbeitsrechtsmäßig gelten die üblichen Regeln. Wer in einem Arbeitsverhältnis steht, erhält Krankengeld. Auch für Selbstständige gelten die bekannten Regeln im Krankheitsfall. Informationen zu den Details gibt es auf den einschlägigen Webseiten.

„Das Tracing ist unsere einzige Waffe gegen das Virus.“

Am Freitag wurde mehrfach betont, dass in Belgien das Tracing bereits Tradition habe. Viele Menschen kännten es nur nicht, weil Masern und Tuberkulose selten aufträten und das System daher nicht oft genutzt werden müsse. Auch wurde von den Vertretern der Krankenhäuser und der Ärzteschaft betont, dass man in Ostbelgien schon sehr früh gut zusammengearbeitet und dass diese gute Kooperation auch dazu beigetragen habe, dass man in der DG bislang glimpflich davongekommen sei.

„Das Tracing ist unsere einzige Waffe gegen das Virus.“ appellierte der Vorsitzende des Ärztekreises Eifel, Silviu Braga, „Es geht darum, gesellschaftlich zu überleben.“ Man war sich einig, dass die Bekämpfung des Virus bis zur Bereitstellung von Medikamenten bzw. eines Impfstoffes dauern werde. Wie Gesudnheitsminister Antoniadis betonte, müsse man mit einer Zeitspanne von 18 Monaten rechnen. Dr. Marc Franckh vom Ärztekreis im Norden der DG erklärte, auch gegen SARS und Ebola gebe es noch kein Medikament und auch keinen Impfstoff. Ebensowenig habe man eine Herdenimmunität hergestellt. Trotzdem stelle das Virus im Moment keine Gefahr dar. Wichtig sei, dass man durch gezielte Maßnahmen wie eben die Kombination von Tracing und Testing die Kontrolle über die Ausbreitung des Coronavirus behalte. Die hätte man nach den ersten positiven Fällen in Belgien verloren. Dadurch sei der Lockdown notwendig geworden, erläuterte Dr. Franckh. Man habe Situationen wie in Bergamo vermeiden wollen. Es ginge darum, ergänzte Dr. Braga, die Sterblichkeit niedrig zu halten. Dort, wo das Virus der Kontrolle entglitten sei, habe man eine zehn Mal höhere Sterblichkeitsrate registriert. Umso wichtiger sei es, dass „die Bürger beim Tracing mitmachen, sich an ihre Kontakte erinnern und diese ehrlich melden“. Die Alternative sei eine Rückkehr in den Lockdown.

Deutliche Unterschiede zwischen Grippe und Covid-19

Dr. Franckh machte auch klar, dass es deutliche Unterschiede zwischen einer Grippe und Covid-19 gebe. Bei einer Grippe käme es zwar regelmäßig vor, dass Patienten bakterielle Folgeinfektionen entwickelten. Die könne man dann nach bekannten Methoden, u.a. mit Antibiotika bekämpfen. Bei Covid-19 hätten viele Betroffene vor allem mit Appetitlosigkeit oder Verwirrung zu kämpfen, wie er selbst in den Seniorenheimen festgestellt habe. Manche würden zusätzlich Lungenprobleme entwickeln. In den allermeisten Fällen könne man die Betroffenen aber im Heim selbst behandeln, viele ältere Menschen wollten auch keine Verlegung in ein Krankenhaus.

Alle betonten die gute Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern, Heimen, Hausärzten usw. in Ostbelgien. Ingrid Mertes freute sich darüber, dass der Gesetzgeber den Rahmen für solche Formen von Kooperation gesetzt habe.

Ob Tracing und Testing funktioniert haben, wird man bald wissen. Davon werden weitere Schritte aus dem Lockdown abhängen.

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