Um Mitternacht ist der nationale Notfallplan in Kraft getreten. Um das neue Coronavirus einzudämmen, wird in allen Schulen im Land der Unterricht ausgesetzt, bleiben Restaurants und Cafés geschlossen, und werden alle Veranstaltungen abgesagt. Die drastischen Maßnahmen gelten vorläufig bis 3. April (siehe auch „Hintergrund“). Sie wurden auf Basis alarmierender Berichte von Experten des Gesundheitsinstituts Sciensano, sozusagen der belgischen Robert-Koch-Stiftung, getroffen. Sie hatten den Regierungen aufgrund der aktuellen Ausbreitung des Virus deutlich gemacht, dass, wenn nicht sofort eingeschritten wird, um die Ansammlung von Menschen zu verhindern, in zehn Tagen italienische Verhältnisse in Belgien herrschen und ein Lockdown unvermeidbar wäre. Belgien reiht sich nun in die Reihe der Länder ein, die hart eingreifen, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen.
Ob die Maßnahmen, die Belgien seinen Bürgern auferlegt, wirksam genug sind, um das Blatt zu wenden, bleibt abzuwarten. „Mit den vom Nationalen Sicherheitsrat beschlossenen Mitteln können wir hoffentlich die steigende Kurve der Infektionszahlen glätten“, sagt der Virologe Marc Van Ranst. Er bezeichnet die Maßnahmen als weitreichend, aber dennoch verhältnismäßig. „Das Land funktioniert weiter“, sagt er. „Das Virus existiert, wir können es nicht stoppen, weil es keinen Impfstoff oder antivirale Mittel gibt, also müssen wir die Dinge gemeinsam angehen.“ Van Ranst betont, dass das Hauptziel darin besteht, die älteren Menschen, die anfälliger für das Virus sind, zu schützen und die Auswirkungen des Coronavirus auf das Gesundheitssystem so gering wie möglich zu halten.
Die Anzahl Infektionen in unserem Land ist erneut stark angestiegen – um 160 Fälle. Mehr als 1.000 Proben waren am Donnerstag im Netzwerk der Labors analysiert worden. Bis Freitagmittag waren insgesamt 559 Infektionen offiziell bestätigt. Dies sei aber immer noch eine Unterschätzung, sagt der Virologe Steven Van Gucht, Leiter des wissenschaftlichen Corona-Ausschusses. „Die Epidemie gewinnt an Fahrt, aber sie steht noch am Anfang. Die Zahlen werden weiter steigen. Was wir jetzt tun, wird erst in ein bis zwei Wochen Wirkung zeigen. Die Patienten, die jetzt und in den kommenden Tagen identifiziert werden, wurden vor gut einer Woche infiziert.“ Van Ranst schätzt die tatsächliche Anzahl Infektionen in Belgien zehn Mal höher ein. Die offizielle Zahl umfasse nämlich nur die getestete Personen. Wann der Höhepunkt der Epidemie überwunden sein wird, sei schwierig vorauszusagen, so Van Ranst, der tippt, dass in der zweiten Monatshälfte Mai das Schlimmste überstanden sein könnte.
Van Gucht betont, dass die vom Nationalen Sicherheitsrat getroffenen Maßnahmen notwendig sind. „Wir müssen verhindern, dass das Gesundheitssystem überlastet wird. Die Eingriffe haben Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben, die Wirtschaft und die Institutionen. Aber sie werden Leben retten. Die Einhaltung der Maßnahmen ist eine Frage der Solidarität. Je strenger wir sie einhalten, desto größer ist die Wirkung und desto schneller können wir die Epidemie stoppen", unterstreicht er. Der neue Anstieg könne mit der exponentiellen Zunahme verglichen werden, die zu Beginn der Epidemie in Italien beobachtet wurde, „aber mit diesen neuen Maßnahmen sollten wir diesen Trend drastisch verlangsamen. Es mag der Beginn eines exponentiellen Anstiegs sein, aber wir greifen schnell ein“, so Van Gucht.
Nach Ansicht des Experten ist die Zusammenarbeit mit den politischen Verantwortungsträgern sehr zufriedenstellend. „Wir sind uns alle einig, dass die ergriffenen Maßnahmen ein klares Ziel haben. Die Ärzte und das Pflegepersonal helfen bei der Bekämpfung des Virus“, so Van Gucht. „Ich denke, dies ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass die Politik auf die Wissenschaft hört. Dies kann ein Vorbild für andere Bereiche sein", sagt er.
In Belgien gilt nach wie vor Phase II des Corona-Notfallplans. Mit den neuen Maßnahmen wurde die föderale Phase eingeläutet. Das bedeutet: Alle neuen Entscheidungen werden auf föderaler Ebene getroffen und gelten für das gesamte Land; die Föderalregierung hat das Kommando, die lokalen Behörden haben die Beschlüsse auszuführen. Das schafft Deutlichkeit und Einheit in der Kommunikation.
In den flämischen Krankenhäusern werden ab diesem Samstag den Notfallplan aktivieren, was zur Folge hat, dass nicht dringende Eingriffe und Sprechstunden ausgesetzt werden. Auf diese Weise sollen die maximalen Ressourcen zur Bekämpfung der Corona-Epidemie genutzt werden.
Der Telekomanbieter Proximus kündigte am Freitag eine Reihe „außerordentlicher Maßnahmen“ aus „Solidarität“ mit seinen Kunden an. Diese erhalten die Möglichkeit, rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche unbegrenzt von ihrem Festnetz- oder Mobiltelefon aus ins Festnetz zu telefonieren. Angeboten wird auch die unbegrenzte Nutzung des festen Internetanschlusses zu Hause. Schließlich erhalten TV-Kunden freien Zugang zu bestimmten Kanälen und Inhalten.
Im Hafen von Ostende durften die Passagiere eines Hotelschiffes von Bod gehen. Sie hatten seit Mittwoch auf dem Schiff festgesessen, weil zwei Personen an Bord möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert sind. Sie zeigen leichte Krankheitssymptome.

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