Héctor Aguirre kann sich ein Leben ohne das schwarze Getränk kaum vorstellen. „Seit meinem zweiten Lebensjahr trinke ich Kaffee“, sagt der 28-Jährige. „Hier gibt man Kleinkindern Fläschchen mit Kaffee, nicht mit Milch.“
Heute verdient Aguirre mit dem Heißgetränk sein Geld, auf der Farm El Carmen Estate im Hochland El Salvadors. An diesem Tag zeigt er den Besuchern des Landguts am Rand seines Heimatortes Ataco die Lager, Maschinen und Fließbänder mit der Qualitätsauslese. Dort sitzen Frauen, die voll konzentriert die guten Bohnen von den schlechten trennen. Handarbeit unter Neonlicht. Was daraus wird, präsentiert Aguirre im Anschluss: Spitzenkaffee. So mancher hat vielleicht schon Kaffee aus El Salvador getrunken. Doch die wenigsten kennen das kleine Land in Mittelamerika aus eigener Anschauung. Als Reiseziel bietet es auf kleiner Fläche eine außergewöhnliche Vielfalt abseits ausgetretener Touristenpfade.

Noch ansehnlicher als Ataco ist Suchitoto im Herzen des Landes. Die Fassaden strahlen in Orange, Blau und Grün um die Wette. Sorgsam drapierte Blumentöpfe bilden hübsche Fotomotive. Vom Hauptplatz führt der Weg zu einer Frauenvereinigung, dahinter befindet sich wiederum eine Initiative gegen häusliche Gewalt. Die Vorsitzende Ana María Menjíbar, 65, nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie beklagt den anhaltenden Machismus und ruft Frauen dazu auf, die Stimme zu erheben und selbst aktiv zu werden. So entstand auch die Werkstatt, der zehn Frauen aus umliegenden Gemeinden angehören.
Wer durch die kopfsteingepflasterten Gassen Suchitotos streift, entdeckt neben Hauseingängen öfters Graffiti mit dem Nationalvogel Torogoz. Prangt der Vogel an der Fassade, bedeutet das: Hier gibt es keine häusliche Gewalt - eine Kampagne der Frauenvereinigung.

Vielen Bauten in El Salvador haben Vulkanausbrüche zugesetzt. In einem Fall war dies keine Katastrophe: Den Ascheschichten des Vulkans Loma Caldera ist es zu verdanken, dass Joya de Cerén, ein Mayadorf aus dem 7. Jahrhundert nach Christus, bis zur zufälligen Wiederentdeckung 1976 wie in einer Blase erhalten blieb. Die Bewohner des Dorfes hatten sich rechtzeitig retten können.
Wer das einzige Weltkulturerbe des Landes besichtigt, darf jedoch keine Tempel wie in Mexiko und Guatemala erwarten. „In Joya de Cerén lebte die niedere soziale Klasse der Maya, die Landwirtschaft betrieb“, erklärt Guide Dionisio Mejía, 43. Entsprechend bescheiden kommen die Gebäudereste unter Schutzdächern daher. Als klein, aber fein lassen sich auch die Zeugnisse der Maya in anderen archäologischen Parks beschreiben. Tazumal, das mehr als ein Jahrtausend lang bewohnt wurde, hat kulturelle Einflüsse aus dem heutigen Mexiko. Verstörend ist der Überzug aus Zement über dem eigentlichen Baumaterial aus Vulkangestein. Auch der Opferaltar blieb nicht verschont. In den 1940er Jahren entschied sich der US-Archäologe Stanley Boggs für diese Maßnahme des Erhalts - ein Beispiel für gut gemeint, aber verheerend umgesetzt.

Und dann sind da noch die Vulkane. Über der Hauptstadt thront der gleichnamige San Salvador, ein schlafender Gigant. Ein größerer Kraftakt ist die Besteigung des Santa Ana, mit 2381 Metern der höchste Vulkan des Landes. Für die geführte Wanderung vom Besucherzentrum im Park Cerro Verde aus sind zwei Stunden zu veranschlagen. Der harmlose Aufstieg führt durch Wald und Gesträuch, über Felsen, Wurzelwerk und Geröll.


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