„Es ist wie die Wiedergeburt von Jesus“: Oasis in Venedig

<p>Noel Gallager (l.) und Liam Gallagher posieren auf dem roten Teppich für die Filmvorführung von „Oasis: Don’t Look Back In Anger“ im Rahmen der 83. Ausgabe der Filmfestspiele von Venedig.</p>
Noel Gallager (l.) und Liam Gallagher posieren auf dem roten Teppich für die Filmvorführung von „Oasis: Don’t Look Back In Anger“ im Rahmen der 83. Ausgabe der Filmfestspiele von Venedig. | Foto: Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa

Es sind Bilder, die man von den lange zerstrittenen Oasis-Brüdern nicht gewöhnt ist: Liam und Noel Gallagher lachen, geben sich eine Umarmung, halten sich an den Händen. Bei den Filmfestspielen in Venedig entfaltet sich die Geschichte vom Streit und der Versöhnung zweier Brüder nicht nur auf der Leinwand, sondern auch live. Oasis sind zurück und haben in Venedig eine Doku über ihre spektakuläre Reunion-Tour präsentiert. Im Film geben die Manchester Rocker nach über 20 Jahren erstmals wieder gemeinsam ein Interview vor der Kamera und deuten an, wie die Versöhnung ablief.

Die Gepflogenheiten des Festivals ignorieren sie.

Wie es sich für die notorisch unberechenbaren Gallaghers gehört, halten sie sich bei ihrem Filmfest-Debüt an keine Regeln. Erst schwänzen sie die nachmittägliche Pressekonferenz. Und zur Premiere kommen sie nicht wie alle anderen mit einem Auto am roten Teppich an, um dann für Fotografen zu posieren. Stattdessen platzt Liam plötzlich aus dem Eingang des Festivalpalastes, schreitet im lässig schlackernden Gang zu den Hunderten Fans und verteilt Fistbumps und Autogramme. Sein Bruder Noel tut es ihm gleich. Über den Lido schallt, natürlich, in diesem Moment „Wonderwall“.

Wie haben sich Oasis wieder versöhnt?

„Oasis: Don't Look Back in Anger“ erzählt, wie sich Liam und Noel Gallagher nach 15 Jahren Funkstille wieder angenähert haben. Nämlich: ohne große Aussprache. So legt es zumindest der Film nahe und so erzählen es die Filmemacher. „Es sind britische Working-Class-Männer, also werden sie weder High Fives austauschen noch sich umarmen oder weinen“, sagt Drehbuchautor Steven Knight auf der Pressekonferenz. Ein bisschen später im Film gibt Liam zumindest zu, sich vielleicht nur so doof benommen zu haben, weil er seinen Bruder vermisst hat. Noel sagt: „Es wurde alles vergeben, ohne dass ein Wort darüber verloren wurde.“ Und: „All die Dinge, die uns früher aneinander gestört haben, sind verschwunden.“ Liam: „Die Musik hat uns wieder zusammengebracht.“ Die Doku von den Regisseuren Dylan Southern und Will Lovelace handelt aber vor allem davon, was die Band für ihre Fans bedeutet. In vielen Aufnahmen der Konzerte aus dem vergangenen Jahr in Cardiff, São Paulo oder Manchester sehen wir weinende Fans, sich umarmende Fans, singende Fans. Fans, die erklären, wie sie mit Hilfe von Hits wie „Don't Look Back in Anger“ ihre Vergangenheit bewältigt haben oder der Song „Acquiesce“ sie an eine besondere Freundschaft erinnert.

„Auf diesen Ausbruch von Freude war ich absolut nicht vorbereitet“

Wer auf viele intime Bandmomente hofft, wird vermutlich enttäuscht. Die wenigen Blicke hinter die Kulissen sind aber spannend. Wir sehen Noel, der darauf wartet, dass sein Bruder endlich zur ersten Probe erscheint. Dann kommt er, und ohne große Gesten oder auch nur eine wirkliche Begrüßung geht's los. Das Kommunizieren klappt noch nicht so – das Musizieren aber sofort wunderbar. Wir sehen die Söhne der beiden, die sich backstage bei den Konzerten anfreunden. Wir sehen auch, wie Noel angespannt vor dem ersten Konzert in Cardiff auf Liam wartet. Er kommt erst kurz, bevor es losgeht. Dann nimmt er die Hand seines Bruders, sie gehen auf die Bühne und die Band stimmt den Song „Hello“ an. Die beiden sind sichtbar angespannt. Man hört die Musik aber ohnehin kaum angesichts des Jubels im Stadion. „Auf diesen wahnsinnigen Ausbruch von Freude war ich absolut nicht vorbereitet“, sagt Noel. Liam klingt wie gewohnt etwas eigenwilliger. Er singe sonst eigentlich nie, sagt er. Das fühle sich an, wie Dämonen herauszulassen. Es sei auch nicht so, dass sie irgendwelche Superhelden seien.

Liam warf eine Pflaume nach Noel

Was löste eigentlich die Funkstille zwischen den beiden Brüdern aus? Der finale Streit eskalierte früheren Erzählungen von Noel zufolge 2009 backstage in Paris, nachdem die Brüder sich wohl schon lange um verschiedene Dinge gezankt hatten. Liam soll mit einer Pflaume nach Noel geworfen und seine Gitarre zertrümmert haben. Noel verkündete noch am selben Abend das Ende der Band. Warum die beiden danach so lange keinen Kontakt hatten, bleibt auch nach der Doku offen. Früher sei Liam jedenfalls unberechenbar gewesen, sagt Noel anfangs. „Er hätte sich sogar mit seinen eigenen Zehennägeln gestritten.“ Im Laufe der Tour werden die Umarmungen zwischen den Brüdern jedenfalls ein bisschen inniger. Doch wirklich emotional sind die Musiker in der Doku nie. Das überlassen sie ihren Fans. Einer sagt zum Beispiel über das Comeback: „Es ist wie die Wiedergeburt von Jesus.“ Ein anderer sagt: Die Trennung der beiden habe sich angefühlt, als hätte er ein Kind verloren.

Ein Pfarrer baut Oasis in seine Predigt ein

„Die Beziehung entwickelt sich“, sagt Drehbuchautor Knight, „während sie auf Tour sind. Ihre Kinder freunden sich an. Es ist wieder eine Familie. Und ich glaube, wir hatten großes Glück, dass es genau so gekommen ist, denn das hatten wir uns erhofft. Von Anfang an wollten wir einen Film über Versöhnung und Erlösung drehen.“ Jeder, der schon mal auf einem großen Konzert einer geliebten Band war, weiß, dass sich das wie eine religiöse Erfahrung anfühlen kann. Mit dieser Überhöhung spielt die Doku, nicht zuletzt, als ein Pfarrer eingespielt wird, der anhand von Oasis über Versöhnung predigt. Die Band selbst will die Erzählung über sich in neue Bahnen lenken, sagt Noel im Film. Weg von den ewigen Anekdoten über Chaos und Streits, hin zum musikalischen Vermächtnis. Dabei haben sie dieses längst zementiert. Am Wochenende sieht man in Venedig viele Leute mit den für Oasis typischen Fischerhüten herumlaufen. Einige tragen Oasis-Shirts, auf einem steht: „Heirate mich, Noel.“ (dpa/sc=

Kommentare

Kommentar verfassen

0 Comment