Nils Cremer, Hydrogeologe und stellvertretender Leiter der Grundwasserabteilung beim Erftverband, hält diese Sorge für nachvollziehbar. „Die Sorgen der Menschen sind völlig berechtigt, wir hatten sie auch“, sagt er gegenüber der „Aachener Zeitung“. Grundlage der Planung ist ein pegelstandabhängiges Entnahmekonzept: Bei niedrigem Rheinpegel wird kaum Wasser entnommen, bei hohem Pegel entsprechend mehr.
Bei niedrigem Pegel wird kaum Wasser entnommen, maximal dürfen 18.000 Liter pro Sekunde entzogen werden.
Maximal dürfen dem Fluss 18.000 Liter pro Sekunde entzogen werden, bei Niedrigwasser sinkt diese Menge auf ein Zehntel, also 1.800 Liter. Dieses reduzierte Volumen dient laut Cremer ohnehin nicht der Seenbefüllung, sondern einem anderen Zweck: dem Erhalt der Feuchtgebiete im Naturpark Schwalm-Nette und der Sicherung der dortigen Trinkwasserbrunnen, die durch die tagebaubedingte Grundwasserabsenkung sonst langfristig trockenfallen würden.
Wie gering diese Menge im Verhältnis zum Gesamtabfluss tatsächlich ist, verdeutlicht Cremer mit Zahlen: Selbst beim historischen Tiefstand dieses Sommers, als der Kölner Pegel unter 50 Zentimeter fiel, führte der Rhein noch rund 630.000 Liter Wasser pro Sekunde, verglichen mit über zwei Millionen Litern im Normalfall. Die geplante Entnahme von 1.800 Litern entspreche damit selbst in dieser Extremsituation weniger als drei Promille der Wassermenge. Auf den Pegel selbst hätte die Maßnahme laut Cremer Anfang August nicht einmal eine Absenkung um einen halben Zentimeter bewirkt. Für die eigentliche Seenbefüllung bedeutet das laut Cremer, dass bei Niedrigwasser über Monate hinweg schlicht kein Wasser eingeleitet wird, was die Seen ohne Weiteres verkraften. Entscheidend sei nicht eine kontinuierliche Entnahme, sondern die übers Jahr verfügbare Gesamtmenge. Nach Klimaprognosen mit zunehmend extremeren Wetterphasen sollen Füllpausen bei Niedrigwasser durch verstärkte Entnahme in winterlichen Hochwasserphasen ausgeglichen werden, dann fließen die vollen 18.000 Liter pro Sekunde durch die Leitungen. Damit der Hambacher See wie geplant in rund 40 Jahren gefüllt ist, seien etwa 200 Tage im Jahr mit maximaler Entnahme nötig, an den übrigen 165 Tagen könne dagegen kein Tropfen fließen. Untersuchungen der Rhein-Anliegerstaaten gingen selbst in extremen Klimaszenarien nur von einer Verzögerung oder Beschleunigung der Befüllung um etwa zehn Prozent aus. RWE will die Genehmigungsunterlagen für den Hambacher See noch in diesem Jahr bei der Bezirksregierung Arnsberg einreichen. Der Erftverband unterscheidet dabei zwei Wege: Wasser, das im Nordraum direkt ins Grundwasser infiltriert und rasch an Wasserwerken ankommt, müsse RWE auf eigene Kosten vollständig reinigen, da auf dem kurzen Weg kaum natürliche Filterung stattfinde. Beim Wasser in den Tagebauseen selbst sieht der Verband es anders: Zwar strömten rund 60 Prozent davon zurück ins Grundwasser, erreichten aber laut Prognosen in den kommenden 100 Jahren kein einziges Wasserwerk und stellten daher keine unmittelbare Gefahr dar.
Neben der Wassermenge steht auch die Wasserqualität im Fokus.
Größere Sorgen bereiten dem Erftverband stattdessen Sulfate, die durch die tagebaubedingte Freilegung von Pyrit im Boden entstehen und bereits einzelne Brunnen außer Betrieb gesetzt haben. Eine technische Lösung dagegen gebe es nicht, RWE müsse deshalb Rücklagen für nötige Ersatzwasserwerke bilden. Bei der Ewigkeitschemikalie PFAS sieht Cremer dagegen kaum Risiko: Der aktuelle Rheinwert liegt mit acht Nanogramm pro Liter deutlich unter dem seit Januar geltenden Grenzwert von 100, auch bei den ab 2028 strenger regulierten Einzelstoffen liegt der gemessene Wert klar im unbedenklichen Bereich. (max)

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