Die Zeremonie begann mit der Verlesung der Namen aller 262 Bergleute, die am 8. August 1956 im Bois du Cazier ums Leben gekommen waren. Unter den Opfern befanden sich 136 Italiener und 95 Belgier. Das Unglück hinterließ damit nicht nur in der Region Charleroi, sondern auch in Italien tiefe Spuren.
Für Diskussionen sorgte am Samstag die Anwesenheit von Ignazio La Russa. Der Präsident des italienischen Senats gehört wie Meloni der rechtsnationalen Partei Fratelli d’Italia an. Bereits kurz vor Beginn der offiziellen Gedenkfeier hatten einige antifaschistische Aktivisten auf dem Gelände gegen seinen Besuch protestiert. Die Polizei von Charleroi beschlagnahmte nach Angaben von Belga ein Transparent und Flugblätter und forderte die kleine Gruppe auf, das Gelände zu verlassen.
Auch während der Zeremonie blieb der Protest sichtbar: Als La Russa ans Rednerpult trat, drehten ihm belgische Gewerkschafter schweigend den Rücken zu.
Meloni spricht von „beschämender Geste“
In Rom löste die Aktion deutliche Kritik aus. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bezeichnete sie in den sozialen Medien als „schwere und beschämende Geste“. Aus einer politischen Protestaktion sei eine „Geste der Verachtung gegenüber den Institutionen des Staates“ geworden.

„Marcinelle ist kein Ort für politische Spaltungen. Es ist ein Ort der Erinnerung, des Respekts und der Würde der Arbeit“, erklärte Meloni. Wer sich entschieden habe, La Russa den Rücken zuzudrehen, habe all dem keinen Respekt erwiesen.
Die Aktivisten wiederum begründeten ihren Protest damit, dass die Anwesenheit rechtsnationaler italienischer Politiker ihrer Ansicht nach einen Schatten auf das Gedenken an die Opfer werfe.
De Wever: Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit

Premierminister Bart De Wever (N-VA) erinnerte unterdessen mit einer Videobotschaft an die Katastrophe. Darin schlug er den Bogen zur italienischen Arbeitsmigration und zu den schwierigen Bedingungen, unter denen die Bergleute damals arbeiteten.
„Am 8. August 1956 schlug das Schicksal erbarmungslos zu. Ein Feuer tief im Schacht schnitt sie von der Außenwelt ab“, sagte De Wever. Der Tod der 262 Bergleute habe „tiefe Spuren in Hennegau, Belgien, Italien und ganz Europa“ hinterlassen.
Die Katastrophe habe zugleich Konsequenzen für den Arbeitsschutz gehabt. „Marcinelle erschütterte unsere Gemeinschaft und Europa in seinen Grundfesten“, erklärte der Premier. Sicherheitsvorschriften und Arbeitsnormen seien anschließend verschärft worden. „Es ist ein Vermächtnis, über das wir jeden Tag aufs Neue wachen müssen.“
De Wever stellte dabei auch einen Bezug zur Gegenwart her und verwies auf tödliche Arbeitsunfälle der jüngeren Vergangenheit. Sie zeigten, „dass die Sicherheit der Arbeitnehmer niemals als selbstverständlich angesehen werden darf“. (belga/calü)

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