Vor der EM: Keine Thiam, dafür viele Fragezeichen rund um Team Belgium

<p>Landesmeisterin und Rekordhalterin über 10.000 Meter: Jana Van Lent reist mit Selbstvertrauen nach Birmingham.</p>
Landesmeisterin und Rekordhalterin über 10.000 Meter: Jana Van Lent reist mit Selbstvertrauen nach Birmingham. | Foto: Photo News


Wie groß ist der Stellenwert der EM?


Sehr groß. In nichtolympischen Jahren sind die Europameisterschaften der Saisonhöhepunkt für Europas Elite, dementsprechend starten alle (gesunden) Stars. 2024 wurde kurz vor den Sommerspielen von Paris wie üblich ein reduziertes Programm (ohne Marathon und lange Geh-Distanz) absolviert. 2022 stand München im Schatten der WM von Eugene, die wenige Wochen zuvor mit einem Jahr Verspätung wegen der Corona-Krise ausgetragen wurde. Die letzte „konkurrenzlose“ EM gab es somit 2018 in Berlin. Zudem sind die Titelkämpfe eine wichtige Standortbestimmung auf halbem Weg zu den Olympischen Spielen 2028.


Mit welchen Ambitionen reist Belgien auf die Insel?


60 Athletinnen und Athleten schickt Team Belgium ins Rennen. Vor zwei Jahren sammelten Nafi Thiam und Co. in Rom ein halbes Dutzend Medaillen – eine Ausbeute, die auch diesmal anvisiert wird.


Aber?


Mit Nafi Thiam und Alexander Doom sind zwei große Anwärter(innen) nicht mit von der Partie. Die dreifache Siebenkampf-Olympiasiegerin will erst Ende August wieder in den Wettkampf einsteigen und kündigte am Donnerstag ihre Teilnahme am Hochsprung beim Mémorial Van Damme an (4./5. September). In Rom hatte Thiam vor zwei Jahren zum dritten Mal den europäischen Siebenkampf-Thron erklommen, Doom sicherte sich über 400 Meter gar seinen allerersten internationalen Einzeltitel außerhalb der Halle. Auch auf Hürdenläufer Michael Obasuyi muss Belgien verzichten. Der 26-Jährige wartet zwar noch auf seine erste internationale Medaille im Seniorenbereich, verbesserte beim Diamond League Meeting in Paris im Juli allerdings gleich zweimal den Landesrekord über 110 Meter Hürden und befand sich auch im europäischen Vergleich in absoluter Bestform – bis ihn bei den belgischen Meisterschaften Ende Juli eine Oberschenkelblessur ausbremste. Staffelläuferin Cynthia Bolingo sowie Bashir Abdi und Koen Naert auf den Langdistanzen brechen ebenfalls weg. Zudem gehen Jochem Vermeulen (Silber in Rom über 1.500 Meter) und Noor Vidts (Bronze im Siebenkampf) nicht in ihrer gewohnten Verfassung an den Start.


Wer soll dann für die Medaillen sorgen?


Auch ohne Bolingo und Doom rechnen sich die sechs Staffelteams einmal mehr Chancen auf Edelmetall aus. Jana Van Lent geht mit dem belgischen Rekord und der Landesmeisterschaft im Rücken über 10.000 Meter an den Start. Ilona Masson lieferte in diesem Jahr bisher die zweitbeste europäische Leistung im Dreikampf ab. Fragezeichen stehen hinter Isaac Kimeli (5.000 und 10.000 Meter) sowie Eliott Crestan (800 Meter), die diese Saison noch nicht wirklich überzeugen konnten.


Warum gab es Diskussionen rund um Team Belgium?


Weil der belgische Verband seine zunächst strengen Auswahlkriterien während des Qualifikationsprozesses mehrfach änderte und schließlich deutlich lockerte. Nachdem zunächst nur 47 Athletinnen und Athleten nominiert worden waren, wurde das Aufgebot wenige Tage später auf 60 erweitert. Zudem wurden nun auch Sportler berücksichtigt, die nur die europäischen, nicht aber die belgischen Kriterien erfüllt hatten. Das Hin und Her führte zu Unmut. Die Marathonläufer Dorian Boulvin und Thomas De Bock lehnten ihre nachträgliche Nominierung ab, da sie ihre Saisonplanung bereits an der ursprünglichen Entscheidung ausgerichtet hatten.


Welche internationalen Stars starten?


Zehn Weltmeister und Weltmeisterinnen von Tokio 2025 treten in Birmingham an, zudem sechs Olympiasieger und -Siegerinnen von Paris 2024. „A-Promi“-Status tragen vor allem die Weltrekordler Armand Duplantis (Schweden/Stabhochsprung), Karsten Warholm (Norwegen/400 m Hürden) und Jaroslawa Mahutschich (Ukraine/Hochsprung) sowie Italiens Tokio-Olympiasieger Marcell Jakobs (100 m/Staffel).


Was ist neu?


51 Entscheidungen bedeuten eine Rekordzahl für Europameisterschaften. Neu dabei ist die 4x100-m-Mixedstaffel. Die Geher-Distanzen werden an die gängigen Laufdistanzen angeglichen: Statt 20 und 50 km feiern nun Halbmarathon (21,0975 km) und Marathon (42,195) internationalen Premiere.


Was ist mit Russland?


Der Kontinentalverband folgt der Linie des Weltverbandes, die Verbände Russlands und Belarus' sind wegen des Angriffs auf die Ukraine weiter vom internationalen Geschehen ausgeschlossen. Auch neutrale Athleten sind nicht zugelassen. Der russische Verband ist wegen Dopingvergehen seit 2015 suspendiert.


Wo ist die EM zu sehen?


Tipik überträgt die EM im Free-TV. Auf deutscher Seite strahlen ARD und ZDF fast alle Wettkämpfe im täglichen Wechsel aus. (sid/belga/tf)

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