Erstmals den Mont Ventoux hoch: Frauen-Tour erklimmt den Mythos

<p>Zum ersten Mal steht das Erklimmen des legendären Mont Ventoux auf dem Programm der Tour de France Femmes.</p>
Zum ersten Mal steht das Erklimmen des legendären Mont Ventoux auf dem Programm der Tour de France Femmes. | Foto: dpa

Inmitten der beängstigenden Mondlandschaft fiel Tom Simpson einst ohnmächtig vom Rad und wachte nie wieder auf. Lance Armstrong und Marco Pantani lieferten sich ein atemberaubendes Kletterduell. Und Chris Froome musste nach einem spektakulären Malheur mit einem TV-Motorrad gar mal einen unfreiwilligen Berglauf einlegen.

Willkommen am Mont Ventoux, dem Berg des Schreckens, der Riese der Provence. 1.910 Meter hoch, Rampen mit bis zu 15 Prozent Steigung, die zu einer Wetterstation auf dem Gipfel führen. Es gibt kaum einen Berg, der den Radprofis derart viel Respekt einflößt wie dieser Koloss aus Kalkstein. Am Freitag nehmen auch erstmals die Frauen bei ihrer Tour de France den Mythos in Angriff.

„Es ist wirklich schön zu sehen, wie der Frauen-Radsport wächst. Wir haben ja zum Beispiel dieses Jahr am Angliru schon gezeigt, dass wir alles schaffen können, dass nicht nur Männer die großen Berge bezwingen können“, sagt die deutsche Meisterin Franziska Koch. Nach der Planche des Belles Filles in den Vogesen zum Comeback des Frauen-Rennens 2022, dem Col du Tourmalet 2023, Alpe d'Huez 2024 und bei der letzten Ausgabe der Col du Madeleine steht nun der nächste ikonische Tour-Gigant erstmals auf dem Programm.

<p>Der kanadische Radsportfan Art Everton (links) stellt am Gedenkstein des während der Tour de France 1967 tödlich verunglückten Tom Simpson ein Erinnerungsfoto auf.</p>
Der kanadische Radsportfan Art Everton (links) stellt am Gedenkstein des während der Tour de France 1967 tödlich verunglückten Tom Simpson ein Erinnerungsfoto auf. | Foto: dpa

Zahlreiche mythische Geschichten hält dieser Schicksalsberg bereit. Eine der größten Tragödien der Tour ereignete sich am 13. Juli 1967. Der Brite Simpson – vollgepumpt mit einem Mix aus Amphetaminen und Alkohol – quälte sich in der Favoritengruppe den Berg hinauf. Drei Kilometer vor dem Ziel – die Vegetationsgrenze war längst überschritten – fiel er entkräftet vom Rad. Ein Zuschauer half ihm wieder aufs Rad. Im Zickzack-Kurs ging es weiter, ehe Simpson erneut stürzte. Im Krankenhaus von Avignon starb er schließlich.

1,5 Kilometer vor dem Ziel steht ein Gedenkstein für Simpson. Als Eddy Merckx 1970 auf dem Weg zu seinem Sieg die Stelle passierte, bekreuzigte er sich. Oben angekommen war die Rad-Legende fix und fertig und benötigte eine Sauerstoffmaske.

Dies hatten Armstrong und Pantani nicht nötig, die sich im Jahr 2000 ein famoses Duell lieferten. Am Ende siegte der italienische Kletterkönig, die Tour gewann aber Armstrong. Dass beide bei ihren Ausnahmeleistungen nachgeholfen hatten, kam später ans Tageslicht.

Einen großen Schrecken hinterließ der Ventoux beim viermaligen Tour-Sieger Froome. 2016 kam der Brite 1,2 Kilometer vor dem Ziel durch ein TV-Motorrad zu Fall. Zu allem Überfluss wurde er auch noch von einem hinteren Motorrad getroffen, wodurch der Rahmen seiner Rennmaschine brach. In seinen Spezialschuhen lief er verzweifelt den Berg hinauf, ehe er ein viel zu kleines Ersatzrad vom neutralen Wagen gereicht bekam.

<p>Christopher Froome rennt nach einem Sturz ohne Rennrad auf den Mont Ventoux.</p>
Christopher Froome rennt nach einem Sturz ohne Rennrad auf den Mont Ventoux. | Foto: dpa

Später entschied die Rennleitung, dass die Abstände zum Zeitpunkt des unfassbaren Sturzszenarios genommen wurden. Der Crash hatte keine Folgen, Froome gewann die Tour. Eine weitere Episode am Ventoux war aber geschrieben. Welches Kapitel bringt die Premiere bei der Frauen-Tour?

Kein Pogacar, keine Langeweile, mehr Spannung

Für Tour-Direktorin Marion Rousse ist der legendäre Anstieg ein „weiterer Meilenstein“ in der Entwicklung des Frauen-Radsports. Diese schreitet in großen Schritten voran – getragen von dem gestiegenen Interesse, vor allem in Frankreich. Der Gesamtsieg der Französin Pauline Ferrand-Prévot im Vorjahr sorgte für einen enormen Schub, zwölf Monate später säumen Hunderttausende Zuschauer die Straßen. Diskutierten ihre Landsleute damals noch über ihren auffälligen Gewichtsverlust, ist nun die Formschwäche der Titelverteidigerin das Thema. Und ein möglicher BH-Trick.

Eine Auspolsterung im Büstenhalter soll verbotene Vorteile in der Aerodynamik ermöglichen, vor allem im Zeitfahren. Der Weltverband UCI kontrollierte deshalb vor dem Kampf gegen die Uhr am Dienstag besonders gründlich. Boulevardmedien erfreuten sich. Für die große Show sorgte Sigrid Haugset, die mit ihrem 88-km-Solo sogar Tadej Pogacar in den Schatten stellte. Die Norwegerin überbot den Dominator am Montag mit dem längsten erfolgreichen Alleingang der letzten 35 Jahre – und bewies, dass ein derartiger Ausreißer-Coup in der heutigen Zeit eben doch noch möglich ist. Pogacar ausgeschlossen.

Möglich macht dies auch die Professionalität, die im Frauen-Radsport schnell vorangetrieben wird. Einige Teams verfügen mittlerweile über dieselben Bedingungen wie in der Männer-Konkurrenz. Dass die Tour de France Femmes „nur“ neun Tage umfasst und damit deutlich weniger als die der Hommes (21) stört dabei nur wenige. Vielmehr allerdings das Preisgeld. Strich Pogacar noch eine halbe Million Euro ein, erhält die Siegerin des Gelben Trikots nur 50.000 Euro. Noch wird das gebotene Spektakel nicht angemessen belohnt – was aber auch für die Männer gilt. (dpa/sid/tf)

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