Die Ansprache des Königs wird traditionell am Vortag des Nationalfeiertags ausgestrahlt. Belgien feiert am 21. Juli die Vereidigung Leopolds I. im Jahr 1831. Mit dem Eid des ersten Königs der Belgier wurde die Entstehung des unabhängigen belgischen Staates besiegelt.
Hier Auszüge der Ansprache von König Philippe auf Deutsch.
Zu Beginn seiner Rede erinnerte König Philippe an die außergewöhnliche Hitzewelle im Juni. Besonders betroffen seien erneut die Schwächsten der Gesellschaft gewesen. „Unser Land hat im Juni, besonders früh im Jahr, eine Hitzewelle von beispielloser Intensität und Dauer erlebt. Wir haben alle darunter gelitten, doch es sind wieder einmal die Schwächsten, die den höchsten Preis zahlen: die Senioren, Menschen in prekären Lebensverhältnissen und jene, die ganz auf sich allein gestellt sind. Diese Hitzewelle hat Hunderte von Menschenleben gefordert. Das medizinische Personal und die Rettungsdienste wurden auf eine harte Probe gestellt.“ Das Staatsoberhaupt stellte die Hitzewelle in einen größeren Zusammenhang. „Die aktuellen klimatischen, geopolitischen, technologischen und gesellschaftlichen Umbrüche sind eine anhaltende Bedrohung für unseren Zusammenhalt. Doch erst recht wenn wir unsere Kräfte vereinen, können wir gestärkt aus diesen Krisen hervorgehen.“
Ein weiterer Schwerpunkt der Ansprache lag auf der angespannten Haushaltslage. Philippe verwies auf die Notwendigkeit, das Defizit zu senken und die Staatsverschuldung zu begrenzen. Gleichzeitig müssten Investitionen in die Verteidigung finanziert werden. „Unser Land steht vor großen Herausforderungen im Bereich der öffentlichen Finanzen. Budgetäre Maßnahmen sind erforderlich, um das Defizit zu verringern und unsere Verschuldung unter Kontrolle zu halten. Dies vor dem Hintergrund volatiler Zinssätze und Energiepreise, sowie angesichts der notwendigen Investitionen in unsere Verteidigung.“ Dabei äußerte der König Vertrauen in die politisch Verantwortlichen. „Ich bin davon überzeugt, dass unsere Regierungen diese Herausforderungen meistern werden im Dialog und mit sozial gerechten Lösungen.“
König Philippe sprach sich zudem für eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Gliedstaaten aus. Bei einem Besuch in Flandern und der Wallonie habe er gemeinsam mit Unternehmensleitern erlebt, wie groß der Wunsch nach mehr Austausch sei. „Diese beiden Tage haben Türen geöffnet und neue Kooperationen entstehen lassen.“ Auch eine engere Zusammenarbeit der öffentlichen Arbeitsverwaltungen und eine größere Mobilität von Arbeitnehmern könnten aus seiner Sicht helfen. „Eine intensivere Zusammenarbeit und eine größere Mobilität der Arbeitnehmer zwischen den Regionen können zu mehr Beschäftigung beitragen.“
Besorgt äußerte sich der König über die Lage im Bildungswesen. Schulen seien zunehmend mit gesellschaftlichen Problemen konfrontiert, während die Belastung der Lehrkräfte steige. „Für den Zusammenhalt in der Gesellschaft spielt das Bildungswesen eine oft unterschätzte Rolle. Doch heute steht das Unterrichtswesen unter enormem Druck. Nahezu alle gesellschaftlichen Probleme treffen dort zusammen und lasten schwerer denn je auf den Schultern unserer Lehrer.“ Nach den Spannungen der vergangenen Monate hoffe er auf eine Beruhigung der Lage. „Ich hoffe, dass wir nach den Spannungen der vergangenen Monate wieder Ruhe und gegenseitigen Respekt unter allen Beteiligten zurückfinden, damit die Schulen zu Beginn des neuen Schuljahres ihren Auftrag in vollem Umfang erfüllen können.“
Ausführlich ging König Philippe auch auf den Umgang mit schwächeren und pflegebedürftigen Menschen ein. Die Stärke einer Gesellschaft zeige sich nicht allein an Selbstständigkeit und Leistung, sondern vor allem daran, wie sie mit jenen umgehe, die auf Unterstützung angewiesen seien. „Wir leben in einer Zeit, in der die Selbstständigkeit des Einzelnen und die Leistung im Vordergrund stehen. Doch die Stärke einer Gesellschaft misst sich vor allem daran, wie sie für ihre schwächsten Mitglieder sorgt. Ich denke dabei insbesondere an die Menschen, deren geistige Fähigkeiten mit der Zeit nachlassen.“ Der König würdigte Pflegekräfte, Vereinigungen und Angehörige, die Menschen mit Demenz begleiten. „Ich bewundere zutiefst die Pflegekräfte, die Vereine und all jene, die sich um diese Patienten kümmern und ihnen ein sicheres Umfeld bieten. Mit Respekt vor ihrer Würde.“ Daran knüpfte der Monarch einen grundsätzlichen Appell: „Sollten wir uns nicht ein Beispiel an ihnen nehmen und mehr Menschlichkeit und Zärtlichkeit in unsere Gesellschaft bringen?“ Der Kommunikation mit Menschen, die an Demenz leiden, ist deshalb in diesem Sommer eine der Ausstellungen im Königspalast gewidmet.
Auch die internationale Lage nahm in der Ansprache breiten Raum ein. König Philippe kritisierte Staaten und bewaffnete Gruppen, die das Völkerrecht missachteten und Kriege führten. „In dieser turbulenten Welt setzen sich viele Staaten und bewaffnete Gruppen über die Regeln des Völkerrechts hinweg. Unter falschen Vorwänden führen sie sinnlose und grausame Kriege.“ Gleichzeitig dürften andere globale Herausforderungen nicht aus dem Blick geraten. „Diese Krisen dürfen uns nicht die großen globalen Herausforderungen vergessen lassen: die Armut, den Klimawandel, den Rückgang der Biodiversität und die Erschöpfung unserer natürlichen Ressourcen.“ Der König forderte gemeinsame Regeln und starke internationale Institutionen. „Um sie zu lösen, müssen wir im Einvernehmen handeln, dafür sorgen, dass gemeinsame Regeln tatsächlich respektiert werden und die Institutionen unterstützen, die für deren Einhaltung sorgen. Ich sehe keinen anderen Weg, um den Gefahren zu begegnen, die uns bedrohen.“
Zum Abschluss führte König Philippe die unterschiedlichen Themen seiner Ansprache zusammen. Von der Haushaltslage über die gesellschaftliche Polarisierung bis hin zur geopolitischen Instabilität und zur Erderwärmung seien die Herausforderungen zwar verschieden. Entscheidend sei jedoch, ihnen gemeinsam zu begegnen. „Doch eines haben sie alle gemeinsam: Wir können sie nur bewältigen, wenn wir von dem ausgehen, was uns vereint, statt von dem, was uns spaltet. Wenn wir die Verbundenheit pflegen – und die Kunst lebendig halten, eine echte Gemeinschaft zu bilden.“ (sc)

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