Vor dem XXL-Härtetest gegen den amtierenden Europameister und Mitfavoriten auf den WM-Titel blickte Fußball-Belgien erneut gespannt auf die Entscheidungen von Nationaltrainer Rudi Garcia. Wenige Tage nach dem überzeugenden 4:1 gegen die USA überraschte der Franzose erneut: Jérémy Doku erhielt den Vorzug vor Dodi Lukebakio, der im Achtelfinale noch zu den stärksten Roten Teufeln gehört hatte. Kevin De Bruyne rückte nach zuletzt 90 Minuten auf der Bank für den am Knie verletzten Amadou Onana (Kreuzbandriss) wieder ins zentrale Mittelfeld. Angreifer Romelu Lukaku schaute gegen Spanien zunächst zu.
Kurz vor dem Anpfiff kam es zu einem ungeplanten Wechsel, der Belgien wehtat: Der zuletzt gegen die USA bärenstarke Kapitän Youri Tielemans musste das Aufwärmen angeschlagen abbrechen und wurde kurzfristig durch Hans Vanaken ersetzt. Durch den Ausfall von Tielemans führte De Bruyne die Roten Teufel als Kapitän auf den Platz.
Spaniens Trainer Luis de la Fuente nahm im Vergleich zum 1:0-Erfolg über Portugal lediglich eine Änderung vor: Im Mittelfeld begann Fabian Ruiz anstelle von Pedri.

Unter anderem an der Eupener Bergstraße verfolgten unzählige Fans, wie die Roten Teufel als Außenseiter um den Einzug in ihr drittes WM-Halbfinale nach 1986 und 2018 kämpften – zunächst jedoch den Rückwärtsgang einlegen mussten. Spanien drängte Belgien mit viel Bewegung im Offensivspiel in die eigene Hälfte und übernahm früh die Kontrolle über die Partie. Im SoFi-Stadium von Los Angeles rückte die belgische Abwehr schnell in den Fokus, zeigte sich jedoch konzentriert: Ngoy blockte einen ersten Schussversuch von Rodri ab (10.).

Unter den Augen von Tribünengast König Philippe ließ Belgien trotz größerer Spielanteile Spaniens kaum eine Chance zu, sorgte immer wieder für Entlastung und versteckte sich keineswegs. Nach einem schnellen Konter über Doku wurde ein Abschluss von De Ketelaere, dem Doppeltorschützen gegen die USA, geblockt (15.).
Ruiz nutzt die erste spanische Chance, De Ketelaere antwortet für effiziente Teufel.
Die belgische Taktik, auf den spanischen Ballbesitz zu reagieren, ging vor 70.400 Zuschauern auf. Doch kurz nach der ersten Trinkpause schlug der Europameister zu: Courtois wehrte einen Abschluss von Olmo noch stark ab, ehe Ruiz die erste klare spanische Gelegenheit im Nachschuss zum 1:0 nutzte (30.). Für Belgien wurde die ohnehin schwere Aufgabe damit zur Mammutaufgabe – zumal Spanien bis zum Duell gegen die Roten Teufel noch kein einziges Gegentor kassiert hatte.

Mit der Führung im Rücken und einem spielfreudigen Lamine Yamal auf der rechten Außenbahn erhöhte Spanien den Druck – musste stattdessen aber den belgischen Ausgleich und den ersten Gegentreffer nach 649 Minuten hinnehmen: De Ketelaere verwertete nach 41 Minuten eine Hereingabe von Castagne per Kopf zum 1:1. Ein mutiges Belgien war dank seines dritten WM-Treffers und gnadenloser Effizienz wieder im Spiel – alles auf Anfang, alles wieder möglich. Entsprechend konnten die Roten Teufel zur Halbzeitpause mit einem guten Gefühl in die Kabine.

Nach dem Seitenwechsel bot sich zunächst ein ähnliches Bild wie vor der Pause: Spanien hatte mehr Ballbesitz, doch Belgien hielt gut dagegen. Nach einem gelungenen Angriff über Doku und De Bruyne knallte De Cuyper den Ball ins Seitennetz und verpasste die Führung der Roten Teufel knapp.
Spanien reagierte mit einem Doppelwechsel und brachte Pedri und Torres für Torschütze Ruiz und Baena. Kurz darauf wechselte Rudi Garcia dreifach – und überraschte: Witsel, Seys und Lukaku kamen für Vanaken, Trossard und De Cuyper. Sekunden nach seiner Einwechslung lauerte Lukaku im Strafraum, als Rodri der Ball an den Arm flog. Weil der Spanier von einem Mitspieler angeschossen worden war, zeigte Schiedsrichter Michael Oliver nicht auf den Punkt.

Hatte Spanien die Roten Teufel direkt nach der ersten Trinkpause mit dem 1:0 geschockt, folgte nach der zweiten Trinkunterbrechung der nächste Rückschlag: Thibaut Courtois musste angeschlagen und unter Tränen das Feld verlassen. Für ihn rückte ManUnited-Schlussmann Senne Lammens zwischen die Pfosten. Trotz des wieder zunehmenden spanischen Drucks wurde der ehemalige Antwerpener dank einer weiterhin starken Abwehrarbeit zunächst nicht gefordert. Beim Stand von 1:1 ging die Partie in die Schlussphase – die wiederum ohne Kevin De Bruyne endete: Der Offensivspieler wurde mit Krämpfen durch Alexis Saelemaekers ersetzt.

Als praktisch alles auf eine Verlängerung hindeutete, legte Spanien zum zweiten Mal vor: Lammens ließ einen Distanzschuss nach vorne abprallen, ehe der erst Sekunden zuvor eingewechselte Merino das 2:1 besorgte. Der Angreifer hatte bereits das Achtelfinale gegen Portugal mit einem Jokertreffer entschieden – und schien nun auch das belgische Aus zu besiegeln.
Den Roten Teufeln blieben sieben Minuten Nachspielzeit, um sich doch noch in die Verlängerung zu retten. Über Saelemaekers kam Belgien noch einmal gefährlich vor das spanische Tor und gab sich nicht geschlagen. Doch die Uhr tickte gegen die Roten Teufel – und blieb um 22.59 Uhr stehen. WM-Aus für Belgien gegen den Titelkandidaten Spanien, der nun im Halbfinale auf Frankreich trifft (Di., 21 Uhr). Raus mit viel Applaus.
NAMEN · FAKTEN
Spanien:
Simón - Porro - Cubarsí - Laporte - Cucurella - Rodri - Ruiz - Yamal - Olmo - Baena - Oyarzabal
55. Torres für Baena
55. Pedri für Ruiz
79. Williams für Oyarzabal
86. Merino für Olmo
Belgien:
Courtois - Castagne - Ngoy - Mechele - De Cuyper - Vanaken - Raskin - Trossard - De Bruyne - Doku - De Ketelaere
60. Witsel für Trossard
60. Lukaku für Vanaken
61. Seys für De Cuyper
71. Lammens für Courtois
86. Saelemaekers für De Bruyne
1:0 Ruiz (30.)
1:1 De Ketelaere (41.)
2:1 Merino (88.)
Cubarsi (43., Halten)
De Bruyne (85., Halten)
Laporte (90.,Foul)
Witsel (90., Foul)
Michael Oliver, England
SoFi Stadium, Los Angeles

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