Gianni Infantino ist nicht Sepp Blatter. Das ist wichtig. Gegen Infantino ist kein Korruptionssystem nachgewiesen worden wie jenes, das die FIFA unter Havelange und Blatter vergiftete. Der alte FIFA-Skandal roch nach Stimmenkauf, Schmiergeld, Vermarktungsrechten und Umschlägen, die vermutlich nie für Panini-Bilder gedacht waren. Infantinos Problem ist subtiler. Es geht weniger um den braunen Umschlag als um den roten Teppich.
2016 trat Infantino als Reformer an. Nach dem Zusammenbruch der Blatter-FIFA sollte die Macht verteilt, die Ethik gestärkt, der Präsident gezähmt werden. Es gab neue Statuten, einen FIFA-Council, Amtszeitbegrenzungen, Compliance, Menschenrechte. Alles klang nach moderner Amtsführung. Doch seither lässt sich auch eine Gegenbewegung beobachten: unabhängige Kontrolleure wurden ausgetauscht, der Ethikkodex entschärft, große Entscheidungen wieder sehr stark über Konsens, Akklamation und präsidiale Regie gesteuert. Die Macht ist nicht einfach zurück in dieselbe alte Schublade gewandert. Sie trägt nur einen besseren Anzug.

Infantinos FIFA wächst. Mehr WM-Teilnehmer, mehr Klub-WM, mehr Turniere, mehr Geld, mehr Entwicklungsmittel. Das klingt demokratisch, weil mehr Verbände etwas bekommen. Zugleich schafft es Abhängigkeit. Wer verteilt, wird gebraucht. Wer gebraucht wird, wird gewählt. Und wer gewählt wird, darf wieder verteilen. So funktioniert Macht sehr ordentlich, ganz ohne dass jemand laut „Zentralismus“ rufen muss. In diesem Licht wirkt auch Infantinos Nähe zu Donald Trump nicht wie ein Betriebsunfall. Beide verstehen Politik als Bühne. Beide lieben große Bilder, große Worte und noch größere Pokale. Die FIFA eröffnete ein Büro im Trump Tower. Trump bekam von Infantino den neuen FIFA-Friedenspreis. Im Weißen Haus standen beide mit der WM-Trophäe, als hätte der Fußball dort seinen diplomatischen Dienstsitz eröffnet. Für Trump ist die WM eine globale Inszenierung amerikanischer Größe.
Für Infantino ist Trump der Gastgeberpräsident des wichtigsten Turnierzyklus seiner Amtszeit. Man braucht einander. Das macht die Beziehung erklärbar. Aber nicht unproblematisch. Denn die FIFA predigt politische Neutralität. Gleichzeitig sieht ihr Präsident immer häufiger aus wie ein Außenminister des Balles, nur ohne Parlament, Opposition und Haushaltsausschuss. Besonders heikel wurde es, als Trump nach eigener Darstellung Infantino wegen der Roten Karte gegen Folarin Balogun kontaktierte und die Sperre später ausgesetzt wurde. Selbst wenn alles formal korrekt gewesen sein sollte: Der Eindruck ist verheerend. Wenn ein Staatschef beim FIFA-Präsidenten anruft und kurz darauf ein Spieler seines Landes doch spielen darf, dann braucht man keine Verschwörungstheorie mehr. Dann reicht die Optik.
Vielleicht ist das die neue Qualität der Infantino-FIFA: Sie versteckt Macht nicht mehr, sie inszeniert sie. Sie sagt nicht: Der Präsident entscheidet alles. Sie zeigt nur ständig, dass an ihm kaum jemand vorbeikommt. Aus dem Verband wurde ein Hofstaat mit Ball. Und wer wissen will, warum Infantino und Trump sich so gut verstehen, muss vielleicht gar nicht lange suchen. Beide mögen Institutionen am liebsten dann, wenn sie in ihrer Nähe kleiner wirken.
In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

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