Denn: Brasilien ist nicht mehr Brasilien. Seit dem letzten WM-Triumph 2002 gab es für die einstige Großmacht viel Pathos, viele Tränen und viele angekündigte Neuanfänge, aber keinen sechsten Stern. Der Wendepunkt trägt ein Ergebnis: das 1:7 im Halbfinale der Heim-WM gegen Deutschland. Das Mineiraço – benannt nach dem Stadion Mineirão in Belo Horizonte und in Anlehnung an das legendäre Maracanazo von 1950 – war mehr als eine Niederlage. Es war der Abend, an dem Brasilien seine Aura verlor. Aus „sete a um“ wurde eine Redewendung für Katastrophen. Zeitungen erschienen mit schwarzen Titelseiten. Ein Land begriff, dass der Mythos allein keine Spiele mehr gewinnen kann. 1950 stand Brasilien nach der Niederlage gegen Uruguay im entscheidenden letzten Spiel der Heim-WM im Maracanã schon einmal am Boden. Das weiße Trikot verschwand, Gelb wurde zur neuen Farbe, und später folgten die WM-Titel 1958 und 1962.
Nach 2014 verlief die Geschichte anders. Trainer kamen und gingen, Spielergenerationen wurden ausgetauscht, Hoffnungen geweckt und wieder enttäuscht. Der Copa-América-Sieg 2019 und die starken Jahre unter Tite erwiesen sich als Zwischenblüte. Zwölf Jahre nach dem 1:7 ist Brasilien weiter denn je von der Weltspitze entfernt. An guten Fußballern mangelt es Brasilien nicht. Vinícius Júnior ist Weltklasse, Endrick ein Ausnahmetalent, Raphinha kann Spiele entscheiden. Doch sie werden an Pelé, Garrincha, Jairzinho, Zico, Sócrates, Romário, Rivaldo, Ronaldo, Ronaldinho und Kaká gemessen – das waren Spieler, die Epochen prägten. Neymar hätte diese Lücke schließen können. Er erzielte mehr Länderspieltore als Pelé, doch seine Karriere nahm einen anderen Verlauf. Spätestens mit seinem Wechsel zu Paris Saint-Germain verlor sie an Strahlkraft. Er wurde zwar zum teuersten Fußballer der Welt, aber nicht größer.

Statt aus Messis Schatten zu treten, verschwand er in einer Liga, die ihm nur selten die ganz großen Prüfungen bot. Verletzungen, Fehlentscheidungen und verpasste Chancen prägten eine Karriere, die brillant begann, aber unvollendet geblieben ist. In Brasilien reicht es nun mal nicht, Rekorde zu sammeln. Die ganz Großen gewinnen Weltmeisterschaften oder prägen sie. Neymar tat weder das eine noch das andere. Er ist nicht der Grund für den Niedergang der Seleção, aber sein Symbol: riesiges Talent, riesige Erwartungen, aber am Ende kein WM-Pokal. Was heißt das? Brasilien sollte wieder über ein neues Trikot nachdenken. Nach dem Maracanazo verschwand Weiß, Gelb wurde zur Farbe der Weltmeister. Nach dem Mineiraço blieb Gelb, doch sein Glanz ging verloren. Brasilien hat nicht die falsche Trikotfarbe, sondern den falschen Blick auf sich selbst.In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.
In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

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