Besonders die Messerattacke auf die Kinderkrippe Fabeltjesland Anfang 2009 hat sie bis heute nicht losgelassen. In einem Interview mit den Zeitungen der Mediahuis-Gruppe spricht sie über Einsätze, die sie nachhaltig geprägt haben – von Dendermonde über die Terroranschläge in Brüssel bis hin zu Überschwemmungen und Chemieunfällen.
Winne Haenen war nicht selbst als Notärztin im Einsatz, sondern koordinierte aus den Krisenzentralen die medizinische Hilfe. Ihre Aufgabe bestand darin, Rettungsdienste, Krankenhäuser und Einsatzkräfte so zu steuern, dass Verletzte möglichst schnell versorgt werden konnten. „Meine Aufgabe war es, das Elend, das die Helfer vor Ort sahen, in Entscheidungen umzusetzen“, sagt sie. Dazu gehörte unter anderem die Verteilung der Verletzten auf geeignete Krankenhäuser oder die Entscheidung, wann zusätzliche Rettungskräfte benötigt wurden. Auch bei Großveranstaltungen setzte sie Maßstäbe. Sie entwickelte ein System, mit dem der medizinische Bedarf bei Festivals und anderen Veranstaltungen anhand verschiedener Risikofaktoren berechnet wird. Hitze oder der Konsum von Designerdrogen fließen dabei ebenso ein wie die Größe der Veranstaltung.
Als belastendsten Einsatz ihrer Laufbahn bezeichnet Haenen die Messerattacke auf die Kinderkrippe Fabeltjesland in Dendermonde im Jahr 2009. „Das war das Schlimmste, was ich in all den Jahren erlebt habe. Weil es um Kinder ging und ich nicht begreifen konnte, wie jemand so etwas tun kann.“ Am 23. Januar 2009 drang der damals 20-jährige Kim De Gelder in die Kinderkrippe ein und stach wahllos auf Kinder und Betreuerinnen ein. Zwei Säuglinge und eine Betreuerin starben noch am Tatort, ein weiteres Kind erlag später seinen schweren Verletzungen. Mehrere Kleinkinder wurden lebensgefährlich verletzt. Sie musste damals unter anderem entscheiden, wie die schwer verletzten Kleinkinder identifiziert werden konnten. Weil die Kinder weder sprechen noch ihren Namen nennen konnten, wurden sie anhand von Fotos identifiziert. „Diese Bilder vergisst man nie“, sagt Winne Haenen. Bis heute besucht sie regelmäßig die Gedenkstätte der Opfer. Die Erinnerungen hätten ihr zugleich die Kraft gegeben, ihre Arbeit fortzusetzen, sagt sie im Gespräch mit den Zeitungen.
Auch die Terroranschläge auf den Flughafen Zaventem im März 2016 zählen zu den einschneidendsten Einsätzen ihrer Karriere. Damals musste Haenen eine Entscheidung treffen, die vielen Helfern schwerfiel: Ärzte durften zunächst nicht in den Gefahrenbereich vordringen. „Unsere Ärzte hatten keinen ausreichenden persönlichen Schutz. Wäre das Gebäude eingestürzt oder hätte es eine weitere Explosion gegeben, hätten wir noch mehr Opfer gehabt.“ Zudem organisierte sie die Identifizierung schwer verletzter Opfer, damit deren Angehörige schneller informiert werden konnten. Die Zusammenarbeit mit der Justiz sei dabei nicht immer einfach gewesen. Aus zahlreichen Krisen hat Haenen nach eigenen Worten vor allem eine Lehre gezogen: Vertrauen sei in Katastrophen unverzichtbar. „Bei einem Katastrophenplan darf man die Menschen nicht belügen. Man muss nicht alles sagen, aber man muss ehrlich sein. Wer seine Glaubwürdigkeit verliert, bekommt sie nicht so einfach zurück.“ Diese Überzeugung bestätigte sich unter anderem nach dem Chemieunfall von Wetteren, als die Bevölkerung verunsichert war, weil Laborergebnisse auf sich warten ließen. Durch zusätzliche Schnelltests konnte die Unsicherheit rasch beseitigt werden. Eine persönliche Geschichte verbindet Winne Haenen mit den Terroranschlägen von Brüssel. Am Morgen des 22. März 2016 war sie eigentlich auf dem Weg zu ihrem letzten Termin vor ihrer Geschlechtsangleichung und bereits als Frau gekleidet. Noch unterwegs wurde sie in die nationale Krisenzelle zurückgerufen. Zwar habe sie sich Sorgen über mögliche Reaktionen gemacht, erzählt sie rückblickend. Doch letztlich habe nur ihre Erfahrung gezählt. „Ich wurde wegen meiner Fachkenntnis gerufen. Dort spielte das Äußere keine Rolle.“ (sc)

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