Gastgeber unter Verdacht: Kontroversen der Turniergeschichte

<p>Argentiniens Mario Kempes (links) und Daniel Bertoni jubeln im WM-Finale 1978 gegen die Niederlande (Endstand 3:1). Die Rolle des Gastgebers bei diesem Turnier ist bis heute Gegenstand von Diskussionen.</p>
Argentiniens Mario Kempes (links) und Daniel Bertoni jubeln im WM-Finale 1978 gegen die Niederlande (Endstand 3:1). Die Rolle des Gastgebers bei diesem Turnier ist bis heute Gegenstand von Diskussionen. | Foto: afp

Ein Blick auf die WM-Turniere der letzten 50 Jahre zeigt allerdings, dass sich der Heimvorteil nicht immer auf die Unterstützung der eigenen Fans beschränkte. Das bekannteste Beispiel stammt aus Argentinien 1978. Die Militärjunta nutzte die WM als Propagandabühne. Vor dem entscheidenden Spiel gegen Peru wusste die „Albiceleste“ genau, welches Ergebnis zum Finaleinzug nötig war. Brasilien hatte bereits gespielt, Argentinien musste mit mindestens vier Toren Unterschied gewinnen. Peru – zuvor eine der Überraschungen des Turniers – brach völlig ein. Am Ende stand es 6:0. Danach tauchten immer neue Hinweise auf politische Einflussnahme, wirtschaftliche Gegenleistungen und Absprachen auf. Eindeutig bewiesen wurde eine Manipulation nie. Die Indizien sind jedoch so zahlreich, dass der Verdacht weit über das Reich der Verschwörungstheorien hinausgeht. Dem Weltmeistertitel Argentiniens von 1978 haftet bis heute ein erheblicher Makel an.

Auch Spanien wurde bei seiner Heim-WM 1982 begünstigt. Die Iberer kamen überhaupt nicht in Tritt. Bereits beim Auftakt gegen Honduras rettete ein umstrittener Elfmeter ein 1:1. Wenige Tage später profitierte Spanien gegen Jugoslawien erneut von einer fragwürdigen Elfmeterentscheidung, da das Foul außerhalb des Strafraums stattfand. Der verschossene Elfer von Ufarte hätte die Diskussion eigentlich beendet. Stattdessen begann sie erst richtig: Der Schiedsrichter ließ wiederholen, weil Torhüter Pantelic die Linie zu früh verlassen hatte. Das entsprach zwar dem Regelwerk, wurde Anfang der 1980er Jahre aber längst nicht so konsequent geahndet wie heute. Im zweiten Versuch traf Juanito zum Ausgleich, Spanien gewann später 2:1. Genutzt hat es letztlich aber wenig: In der zweiten Finalrunde schieden die Spanier nach einer 1:2-Pleite gegen Deutschland und einem torlosen Unentschieden gegen England aus.

Besonders auffällig waren die Ereignisse bei der WM 2002. Diesmal stand Co-Gastgeber Südkorea im Mittelpunkt. Im Achtelfinale gegen Italien sorgten ein umstrittener Platzverweis gegen Totti und eine höchst fragwürdige Abseitsentscheidung gegen Tommasi, der freie Bahn zum Tor gehabt hätte, für Diskussionen. Aus heutiger Sicht ist diese Partie ein starkes Plädoyer für den oft gescholtenen Videoschiedsrichter. Viele der umstrittenen Szenen wären wohl überprüft und korrigiert worden. Spätestens im Viertelfinale gegen Spanien fiel es schwer, die Ereignisse noch als bloße Verkettung unglücklicher Entscheidungen abzutun. Gleich zwei spanische Treffer wurden nicht anerkannt. Besonders die zweite Szene sorgte für Debatten: Nach einer Flanke von Joaquin traf Morientes per Kopf, doch der Linienrichter hatte zuvor auf Aus entschieden. Fernsehbilder machten deutlich, dass die Entscheidung falsch war. Südkorea gewann schließlich im Elfmeterschießen und zog ins Halbfinale ein.

Dass ausgerechnet Gastgeber immer wieder im Zentrum der größten Kontroversen stehen, dürfte mehr als nur ein Zufall sein. Die Frage, wo Heimvorteil endet und Bevorzugung beginnt, begleitet die WM bis heute.


In der Kolumne „Nachspielzeit“ blickt die GrenzEcho-Redaktion während der Fußball-Weltmeisterschaft auf die Geschichten des Turniers – auf und neben dem Platz.

Kommentare

Kommentar verfassen

0 Comment