Ein entsprechender Gesetzesvorschlag aus Brüssel soll nicht nur die Rechte der Fahrgäste stärken, sondern auch mehr Menschen zum Umstieg auf die Bahn bewegen. Unterstützung kommt dabei auch aus Belgien – während die Bahnbranche teils heftige Kritik übt. Kern des Vorschlags ist ein europäisches „Durchgangsticket“ für internationale Zugreisen.
Wer künftig etwa von Brüssel über Paris nach Barcelona reist, soll die gesamte Verbindung in einem einzigen Buchungsvorgang kaufen können, selbst wenn unterschiedliche Bahngesellschaften beteiligt sind. Bislang ist das oft kompliziert. Internationale Reisen müssen häufig über mehrere Plattformen und mit getrennten Tickets gebucht werden. Das Problem: Verpasst ein Reisender wegen einer Verspätung seinen Anschlusszug, besteht bisher oft kein Anspruch darauf, kostenlos den nächsten Zug zu nehmen. Denn rechtlich gelten die Teilstrecken vielfach als getrennte Verträge.
In Zukunft soll es mehr Rechte geben bei verpassten Anschlüssen
Nach dem Willen der EU-Kommission soll sich das ändern. Werden mehrere Zugverbindungen gemeinsam auf einer Plattform gebucht, sollen sie künftig automatisch als ein einziges Ticket gelten. Dadurch hätten Reisende deutlich stärkere Rechte. Verpasst jemand wegen einer Verspätung im Ausland den Anschluss, müsste die verantwortliche Bahngesellschaft künftig ohne Zusatzkosten eine alternative Weiterreise organisieren oder den Ticketpreis erstatten. Zudem wären Entschädigungen vorgesehen: 25 Prozent des Ticketpreises ab einer Stunde Verspätung, 50 Prozent ab zwei Stunden. Falls nötig, müssten Bahnunternehmen auch Mahlzeiten oder Hotelübernachtungen bereitstellen. EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas sprach von einem „Gamechanger“ für den europäischen Bahnverkehr. Reisende würden immer wieder über dieselben Probleme klagen: komplizierte Buchungen, unübersichtliche Preise und unklare Rechte bei verpassten Anschlüssen. Deshalb will die EU-Kommission auch die Ticketplattformen stärker regulieren. Große Bahngesellschaften sollen verpflichtet werden, auf ihren Plattformen auch Tickets anderer Anbieter zu verkaufen – sofern diese das wünschen. Gleichzeitig müssten unabhängige Ticketdienste Zugang zu den Angeboten der Bahnbetreiber erhalten. Die Kommission verspricht sich davon mehr Transparenz, mehr Wettbewerb und langfristig günstigere Preise. Außerdem sollen Plattformen Verbindungen künftig neutral darstellen – etwa nach Preis, Reisezeit oder CO₂-Ausstoß.
In Belgien stößt der Vorstoß bei mehreren Europaabgeordneten auf Zustimmung. Sara Mathieu von den flämischen Grünen sprach von einem wichtigen Schritt nach jahrelangem politischen Druck. Gleichzeitig warnte sie davor, dass Mitgliedstaaten mit starken nationalen Bahngesellschaften versuchen könnten, die Reform abzuschwächen. Auch Kathleen Van Brempt (Vooruit) stellte sich hinter die Pläne der EU-Kommission. Bahnreisen müssten endlich zu einer „glaubwürdigen, komfortablen und bezahlbaren Alternative“ werden, erklärte sie. Widerstand kommt dagegen aus der Bahnbranche selbst. Der europäische Bahnverband CER kritisierte die Vorschläge als „beispiellosen Eingriff“ in den Markt. CER-Direktor Alberto Mazzola verglich die Pläne mit einer hypothetischen Verpflichtung für Lufthansa, Tickets von Ryanair zu verkaufen. Die EU-Kommission hält dagegen, dass die neuen Regeln langfristig allen zugutekommen würden – auch den Bahnunternehmen selbst. Sie rechnet mit einem deutlichen Anstieg der Fahrgastzahlen. Bevor die Reform in Kraft treten kann, müssen allerdings noch das Europäische Parlament und die EU-Mitgliedstaaten zustimmen. Sollte es eine Einigung geben, hätten die Bahngesellschaften anschließend ein Jahr Zeit, die neuen Regeln umzusetzen. (belga/sc)

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