Viele Opfergruppen des Nationalsozialismus erfuhren erst spät eine moralische und juristische Anerkennung und Rehabilitation. Dies gilt unter anderem für die Opfer der Zwangssterilisationen und der sogenannten Euthanasie. Sie gerieten in die Fänge einer Medizin und Ärzteschaft, die ihren Berufsethos durch „rassenhygienische“ Vorstellungen verrieten.
Während die meisten der in diese Verbrechen involvierten Ärztinnen und Ärzte ihre Karrieren nach 1945 fortsetzen konnten, blieb das den Opfern angetane Unrecht bestehen. Knapp 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs verabschiedete der Deutsche Bundestag im Januar 2025 einen historischen Antrag, in dem festgestellt wurde, „dass die Opfer der NS-Euthanasie und die Opfer von Zwangssterilisation als Verfolgte des NS-Regimes anzuerkennen sind.“ Dies markiert die späte Anerkennung einer allzu oft marginalisierten Opfergruppe. Zwischen 1939 und 1945 wurden insgesamt rund 200.000 Frauen, Männer und Kinder aus psychiatrischen Einrichtungen des Deutschen Reichs in mehreren verdeckten Aktionen ermordet. Hinzu kamen fast 100.000 weitere Morde an Psychiatriepatienten in den eroberten Gebieten Europas.
Zwangssterilisation als ein staatlich verordnetes Unrecht
Schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten war 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (Erbgesundheitsgesetz) erlassen worden. Dieses schrieb die Zwangssterilisation u.a. bei Schizophrenie und „angeborenem Schwachsinn“ vor.

Infolge der Einführung des Gesetzes wurden 400.000 Deutsche unter dem NS-Regime zwangssterilisiert. Die „Euthanasie“-Verbrechen und Zwangssterilisierungen fanden dabei auch im Regierungsbezirk Aachen statt. Die neueste Ausgabe der Zeitschrift „we, the six million – Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus im westlichen Rheinland“ widmet sich ebendiesem Themenkomplex in aller Ausführlichkeit und aus regionalhistorischer Perspektive. In zehn Artikeln geht es um Orte in Aachen, Monschau, Jülich und Düren, an denen Richter, Ärzte und Pflegepersonal zu Täterinnen und Tätern wurden. Vor allem aber geht es um die Menschen, Biographien und Schicksale hinter den abstrakten Opferzahlen. So beschreibt Dieter Lenzen, der bereits mehrere Bücher zu Themen der NS-Lokalgeschichte veröffentlicht hat, Zwangssterilisationsmaßnahmen und Euthanasieverbrechen im ehemaligen Kreis Monschau. Der pensionierte Pädagoge Harry Seipolt, der sich schon seit Jahrzehnten mit den NS-Euthanasie-Verbrechen in der Region beschäftigt, was in zahlreichen Publikationen mündete, thematisiert in seinem Beitrag die Verschleppung und Ermordung von Patientinnen und Patienten der Anstalt Gangelt. In den Beiträgen des RWTH-Historikers Christian Bremen steht die Rheinische Provinzial Pflege- und Heilanstalt Düren im Mittelpunkt. Er arbeitet zusammen mit einigen seiner Studentinnen und Studenten Patientenschicksale in ebendieser Klinik auf. Entstanden sind eindringliche Porträts von Menschen, deren Schicksale sprachlos machen. „Pass nur auf, sonst kommst du nach Düren!“, sollen mahnende Eltern in der Region ihren unartigen Kindern damals als Mahnung mit auf den Weg gegeben haben. Rene Porger schließlich nimmt sich einer Einzelbiographie an, die zeigt, wie schnell man als zu „unangepasst“ gebrandmarkt und in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen werden konnte.

Alles in allem gelingt dem Autorenteam ein eindringlicher Rundumblick über einen nach wie vor viel zu unbekannten Aspekt regionaler Geschichte des Nationalsozialismus und einen wichtigen und durch seine Aufmachung mit zahlreichen Bildern sehr eingängigen Zugang zum Thema der Euthanasie-Verbrechen. Die Zeitschrift „we, the six million“ erscheint seit dem Jahr 2023 in der edition_aixact und umfasst mittlerweile vier Ausgaben zu den Themen „Flucht und Vertreibung“, „Die Verfolgung queerer Menschen während der NS-Zeit“ sowie „Euthanasieverbrechen im Regierungsbezirk Aachen“. Darüber hinaus ist eine englischsprachige Sonderausgabe erschienen. (red/sc)

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