Die Zeitungszustellung durch die Post galt über Jahrzehnte als verlässlicher Standard. Was genau ist der Grund dafür, dass diese Zusammenarbeit nun endet?
Olivier Verdin: Ende 2023 hat die Föderalregierung beschlossen, die Konzession für die Verteilung der Tagespresse in Belgien, die bis dahin in den Händen der belgischen Post (Bpost) lag, nicht zu verlängern. Bpost ließ die Verleger dann Anfang 2024 wissen, dass kein Interesse mehr an der Verteilung von Zeitungen besteht. Den Verlegern blieb daher keine andere Möglichkeit, als sich nach anderen Partnern umzusehen oder die Verteilung selbst in die Hand zu nehmen.
Wie lief dieser Ausstieg konkret ab?
Sylvie Heeren: Die landesweite Umstellung einer so wichtigen sowie komplizierten Zustellung und Logistik kann nicht über Nacht erfolgen. Daher handelten die Verleger einen sogenannten Ausstiegskalender mit Bpost aus, in dem festgehalten wurde, in welcher Region und ab welchem Tag die Zeitungen nicht mehr durch Bpost ausgetragen werden. Dieser Umstellungsprozess begann im Oktober 2025 und endet im März 2027. Für die Deutschsprachige Gemeinschaft wurde festgelegt, dass sich die Zustellung im Süden ab dem 27. April 2026 ändert und im Norden – Stand heute – am 14. September 2026.
Sie sprechen von massiv gestiegenen Kosten. Können Sie konkretisieren, was sich im Vergleich zum früheren System verändert hat und warum die Zustellung so viel teurer geworden ist?
Olivier Verdin: Das Ende der Konzession hatte auch zur Folge, dass die Subventionen zugunsten von Bpost für die Verteilung der Tagespresse ab Juli 2024 wegfielen. Dies verteuerte die Kosten für die Verteilung um mehr als das Dreifache. Die Föderalregierung gestand den Verlegern bis Ende 2026 zwar einen Steuerkredit für die Abonnementzeitungen zu, dieser federt jedoch nur einen Teil der tatsächlichen Verteilungskosten ab.
Gab es ernsthafte Alternativen zur Eigenzustellung? Warum kamen private Anbieter beispielsweise für das GrenzEcho nicht infrage?
Sylvie Heeren: Nicht wirklich. Es gibt im Landesinneren beziehungsweise in Ballungszentren zwar andere Gesellschaften, die auch in diesem Metier tätig sind, allerdings sind diese an ländlicheren Gegenden wie Ostbelgien nicht interessiert. Zudem wissen wir aus Erfahrung, dass die Qualität der Zustellung bei diesen Gesellschaften unseren Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Somit blieb uns in der Tat nur noch eine Option: die Verteilung selbst in die Hand nehmen.
Die Entscheidung, die Zustellung selbst zu übernehmen, ist ein sehr großer Schritt. Was waren die größten Herausforderungen beim Aufbau dieser eigenen Struktur?
Olivier Verdin: Absolut. Da wir durch unsere hauseigene Gesellschaft GE Distribution Services bereits seit fünf Jahren den Wochenspiegel im Norden der DG verteilen, ist dieses Metier für uns kein absolutes Neuland. Allerdings ist die Verteilung von Tageszeitungen noch eine ganz andere Hausnummer, da alle Zeitungen bis 8.30 Uhr in allen Briefkästen sein müssen. Die größte Herausforderung war die Suche nach Personal, das bereit ist, an sechs Tagen pro Woche von 4 Uhr bis 8.30 Uhr zu arbeiten – bei Wind und Wetter, versteht sich. Aber auch die Erstellung der Touren, die dem Kriterium „beste Qualität im vorgegebenen Zeitfenster“ entspricht, war nicht einfach.
Wie genau funktioniert die neue Zustellung organisatorisch? Was unterscheidet sie im Kern vom bisherigen System über Bpost – aus Sicht des Unternehmens und aus Sicht der Leser?
Sylvie Heeren: Wir haben über GE Distribution Services elf Personen eingestellt. Zwei Damen und acht Herren werden ab dem kommenden Montag, 27. April, je eine Tour in der Eifel übernehmen, und ein Mitarbeiter wird die gesamte Koordination der Verteilung vor Ort gewährleisten und dafür sorgen, dass jeden Morgen alle Zusteller die Zeitungen ihrer Tour erhalten und in der vorgegebenen Zeit verteilen. Grundsätzlich unterscheidet sich die Arbeit nicht viel von der, die Bpost jahrzehntelang zu unserer vollsten Zufriedenheit durchgeführt hat. Aus unserer Sicht ist es so, dass wir mit dieser neuen Aktivität auch ein neues Kapitel öffnen und mit Freude und Stolz einer großen Herausforderung entgegensehen. Auch für die Leser ändert sich nicht allzu viel. Wie bisher auch werden alle Tageszeitungen – übrigens nicht nur das GrenzEcho – bis 8.30 Uhr verteilt. Allerdings können sich die Zustellzeiten innerhalb des vorgegebenen Zeitfensters verschieben. Diese sind zum einen abhängig vom Wohnort der einzelnen Zusteller, aber auch vom Startpunkt der Touren. Dieser ist aktuell noch in St.Vith, ab dem 27. April jedoch in Amel.
Welche Rolle spielen die Zusteller in diesem neuen Modell? Verändert sich dadurch auch der Anspruch an Qualität und Nähe zum Leser?
Sylvie Heeren: Die Zusteller spielen die wichtigste Rolle in der neuen Verteilung. Sie sind das Bindeglied zwischen dem GrenzEcho und seinen Abonnenten. In ihrer Verantwortung liegt es, alle Zeitungen zeitig zuzustellen und somit die bewährte Qualität aufrechtzuerhalten. Das ist kein einfacher Job, und damit das auch ab dem ersten Tag klappt, sind die neuen Kolleginnen und Kollegen bereits seit dem 9. April mit ihren beschrifteten Firmenfahrzeugen in den Dörfern unterwegs, um ihre Tour zu verinnerlichen. Gelegentlich werden sie auch Produkte in die Briefkästen der Abonnenten stecken, beispielsweise Flyer und an diesem Freitag auch das GE-Magazin. Ab September 2026 kommen dann zehn weitere Zusteller für die Nordgemeinden hinzu.
Ein zentraler Punkt ist die Vereinbarung mit der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft. Können Sie erklären, worum es sich dabei genau handelt?
Olivier Verdin: Als klar wurde, dass wir die Verteilung selbst in die Hand nehmen müssen, um die Leser in Ostbelgien auch weiterhin mit einer gedruckten Zeitung zu beliefern und zudem die Unterstützung der Föderalregierung in absehbarer Zeit entfallen wird, sind wir an die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft herangetreten, um die überaus schwierige Problematik dieser Situation zu erläutern und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Um die flächendeckende Zustellung der Zeitung in unserer ländlichen Region zu einem für die Kunden annehmbaren Preis zu sichern, hat die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft beschlossen, GE Distribution Services in den kommenden vier Jahren finanziell zu unterstützen. Für diese Unterstützung sind wir sehr dankbar, da sich der Preis für die Abonnements sonst enorm verteuert hätte.
Inwiefern geht es bei dieser Förderung nicht nur um die Tageszeitung selbst, sondern um eine breitere Verteilstruktur – etwa für Gemeinden, Vereine oder andere Einrichtungen?
Olivier Verdin: Aus den Gesprächen mit der Regierung ist die Idee entstanden, dass unsere Gesellschaft GE Distribution Services auch als Dienstleister für gemeinnützige Vereinigungen, Vereine, Gemeinden, Schulen usw. fungieren könnte. In der Folge verpflichtet sich die Verteilergesellschaft im Rahmen der Förderung, gedruckte Informationen besagter Institutionen ebenfalls zu verteilen.
Mit Blick in die Zukunft: Ist die Eigenzustellung ein dauerhaftes Modell oder sehen Sie darin eine Übergangslösung in einer sich wandelnden Medienlandschaft?
Olivier Verdin: Es ist richtig, dass sich die Medienlandschaft sehr schnell verändert und auch die Nutzung digitaler Medien im Eiltempo voranschreitet. Die Print-Abonnenten des GrenzEcho machen jedoch immer noch den Löwenanteil der Kunden aus, und für sie ist der tägliche Erhalt des GrenzEcho sehr wichtig – dessen sind wir uns sehr bewusst. Und an Streiktagen wie zuletzt noch mehr. Somit ist die Verteilung in Eigenregie aktuell das einzig richtige Modell.

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