Mehr als die Hälfte der Langzeitkranken in Belgien könnte laut einem internen Bericht tatsächlich arbeiten. Zu diesem Schluss kommen Inspektoren in einer Analyse, die über Jahre hinweg geheim gehalten wurde. Demnach seien die Krankenkassen bei der Gewährung von Leistungen zu großzügig gewesen.
Der Bericht wurde von der Rechercheeinheit der Zeitung „Het Laatste Nieuws“ nach Hinweisen von Whistleblowern aufgedeckt. Dabei stellte sich heraus, dass selbst Sozialminister Frank Vandenbroucke (Vooruit) lange Zeit nichts von dem Dokument wusste.
Ende 2019 hatten drei Ärzte-Inspektoren des Landesinstituts für Kranken- und Invalidenversicherung (Likiv/Inami) mehrere Hundert Dossiers untersucht. Konkret ging es um 290 Belgier, die seit mehr als einem Jahr krankgeschrieben waren, erst kurz zuvor als arbeitsunfähig erklärt worden waren und Leistungen über ihre Krankenkasse erhielten. Die Auswahl galt als repräsentativ hinsichtlich Alter, Geschlecht und Wohnort.
Das Ergebnis fiel deutlich aus: 59 Prozent der überprüften Personen wurden als tatsächlich arbeitsfähig eingestuft. In 172 Fällen wurden die Leistungen umgehend eingestellt. Besonders auffällig ist diese Zahl vor dem Hintergrund, dass die Betroffenen zuvor bereits von Ärzten der Krankenkassen kontrolliert worden waren.
Der Bericht wurde nie veröffentlicht. Laut Minister Vandenbroucke erhielt sein Kabinett das Dokument erst im Dezember 2024. Er nehme die Angelegenheit ernst, erklärte er, verwies jedoch darauf, dass die damals Verantwortlichen beim Inami inzwischen nicht mehr im Amt seien.
Die Krankenkassen weisen die Ergebnisse zurück. Die Methodik der Untersuchung sei fehlerhaft gewesen, erklärte Luc Van Gorp im Namen der Branche. Die Inspektoren seien zu grob vorgegangen. So sei etwa bei psychischen Erkrankungen angenommen worden, dass keine Arbeitsunfähigkeit vorliege, wenn keine Medikamente verschrieben wurden. Dabei sei eine medikamentöse Behandlung in vielen Fällen nicht notwendig, die Betroffenen seien dennoch krank. (belga/rt)

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