„12 Monkeys“: Wie ein Science-Fiction-Film zur Diagnose unserer Zeit wurde

<p>Mit einem Kronenkorken im Auge scherzt Regisseur Terry Gilliam (rechts) neben Schauspieler Bruce Willis vor Beginn einer Pressekonferenz bei der Berlinale anlässlich der Vorstellung ihres Films „12 Monkeys“. Der Streifen kam Anfang 1996 in die europäischen Kinos.</p>
Mit einem Kronenkorken im Auge scherzt Regisseur Terry Gilliam (rechts) neben Schauspieler Bruce Willis vor Beginn einer Pressekonferenz bei der Berlinale anlässlich der Vorstellung ihres Films „12 Monkeys“. Der Streifen kam Anfang 1996 in die europäischen Kinos. | Archivfoto: picture alliance/dpa

30 Jahre später erscheint „12 Monkeys“ nicht mehr nur als Science-Fiction, sondern als Kommentar zur Realität. Spätestens Corona hat gezeigt, wie verletzlich unsere globalisierte Welt ist. Die eigentliche Erschütterung lag jedoch nicht nur im Virus selbst, sondern im Umgang mit ihm. Wissenschaftliche Erkenntnisse standen neben Verschwörungserzählungen, seriöse Analysen neben massenhaft verbreiteten Falschinformationen.

Ja, Politik und Medien haben seinerzeit Fehler gemacht. Entscheidend war jedoch etwas anderes: Das Fehlen von Fakten war nicht das Problem, sondern ihre Konkurrenz. Im Kern geht es auch in dem Film „12 Monkeys“ nicht um die Seuche, sondern um die Frage, was noch gilt. James Cole, der Mann aus der Zukunft, weiß, was geschehen wird. Er warnt, wird aber nicht ernst genommen, weil ihm niemand glaubt. Wahrheit zählt nicht für sich, sondern nur, wenn sie ins eigene Denken passt. Das prägt auch unsere Gegenwart, unser Zeitalter der Desinformation. Lügen gab es schon immer. Neu ist aber die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Der Unterschied ist entscheidend: Der Lügner kennt die Wahrheit, versucht aber, sie zu verdecken. Wem die Wahrheit gleichgültig ist, der will nicht überzeugen, sondern wirken. Nicht was stimmt, zählt, sondern was Aufmerksamkeit erzeugt.

Mit Donald Trump hat diese Haltung internationale Sichtbarkeit gewonnen. Offenkundige Unwahrheiten werden demonstrativ vorgetragen. Widersprüche gelten nicht als Problem, sondern als Mittel. Auch in Europa finden sich Nachahmer. Wer am lautesten ist, prägt die Wirklichkeit. Hier schließt sich der Kreis zu „12 Monkeys“. Auch dort scheitert nicht das Wissen, sondern die Bereitschaft, es verbindlich werden zu lassen. Wahrheit ist da, sie setzt sich nur nicht durch: „12 Monkeys“ ist ein Meisterwerk. Terry Gilliam hat keinen reinen Endzeit-Thriller gedreht, sondern einen Film über Wahrheit und Wirklichkeit. Geblieben ist eine unbequeme Einsicht: Gesellschaften zerbrechen nicht nur an Katastrophen. Sie zerbrechen, wenn der Unterschied zwischen wahr und falsch zur Verhandlungssache wird.

Kommentare

  • Ob auch die ostbelgischen Gegenpoler, die auf der Basis ihrer, von ihnen selbst erfundenen Wahrheit, diesem Kommentar zustimmen werden, ist höchst unwahrscheinlich. Sie sind derart in ihrem Confirmation Bias gefangen, dass ihnen jegliche Fähigkeit, Fakten anzuerkennen, die nicht ihn ihr krudes Weltbild passen, abhanden gekommen ist.

    Das, was Trump mit unvorstellbarer zerstörerischer und spaltender Energie vorexerziert, wird bis tief hinein in die Gesellschaft - mit welcher Motivation auch immer - kopiert.
    Die Frage scheint deshalb nicht zu sein, ob Gesellschaften angesichts der Unfähigkeit den Diskurs auf der Basis von belastbaren Fakten zu führen und aufgrund eines systemisch reaktionären Grundverhaltens zerbrechen, sondern wann dies der Fall ist.

    Vielleicht leben wir in einer Epoche, in der uns nicht nur in Echtzeit vorgeführt wird, wie ein Despot im Nadelstreifenanzug die Demokratie einer Weltmacht zerstört und bereit ist, die Welt mit in den Abgrund zu ziehen, sondern wie Teile der Gesellschaft diese Entwicklung stützen und selber befördern.

    All dies erinnert an das, was in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland passiert ist, als die Basis für ein friedliches Zusammenleben (auf unterschiedlichen Ebenen) von den faschistischen Machthabern, aber auch einer sie stützenden Gesellschaft im Zeitraffer zerstört wurde.
    Gab es damals glücklicherweise noch weltpolitische Akteure, die spät, aber nicht zu spät erkannt haben, dass weiteres Zuschauen die Welt ins Verderben führt, sind zum jetzigen Zeitpunkt keine Kräfte sichtbar, die in diesen zerstörerischen Prozess eingreifen könnten.

    Im Gegenteil. Die EU, als potentieller Verteidiger einer regelbasierten Ordnung hätte allein aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht das Potential, als Regulativ zu wirken und versagt bisher sowohl im Ukraine Konflikt als auch im Umgang mit dem Faschisten im Weißen Haus (mit wenigen Ausnahmen) kläglich.

    Auch wenn „12 Monkeys“ laut Kommentator kein Endzeit-Thriller war, hat die aktuelle weltpolitische und gesellschaftliche Realität das Zeug, zu einem solchen Thriller zu mutieren.

    Das Ganze nicht auf Zelluloid, sondern in Fleisch und… Blut.

Kommentar verfassen

1 Comment