Studie warnt vor gesellschaftlicher Gewöhnung an Ungleichheit

<p>In der französischsprachigen Gemeinschaft Belgiens nehmen soziale Ungleichheiten zu, während das Vertrauen in Politik und Institutionen sinkt.</p>
In der französischsprachigen Gemeinschaft Belgiens nehmen soziale Ungleichheiten zu, während das Vertrauen in Politik und Institutionen sinkt. | Illustrationsbild: picture alliance/dpa

Der sogenannte Index des Wohlbefindens (IBE) ist demnach seit der ersten Erhebung im Jahr 2015 um 8,4 Prozent gesunken – von 56,9 auf 52,1 Punkte. Für die Studie wurden rund 1.000 frankophone Belgierinnen und Belgier befragt.

Besonders stark betroffen sind jene Bevölkerungsgruppen, die bereits vor zehn Jahren als sozial verletzlich galten. Der Wohlbefindensindex von Frauen liegt heute bei 48,7 Punkten (–11,8 Prozent seit 2015), während Männer auf 55,8 Punkte kommen (–5,1 Prozent). Menschen aus prekären sozialen Verhältnissen erreichen einen Wert von 44,1 (–11,8 Prozent), während besser gestellte Personen bei 58,5 Punkten liegen (–4,6 Prozent). Den niedrigsten Wert weisen Personen in Arbeitsunfähigkeit mit 32,6 Punkten auf (–10,4 Prozent). Erwerbstätige kommen dagegen auf 56,8 Punkte (+4,4 Prozent).

Noch deutlicher zeigt sich die Entwicklung beim Vergleich der sozialen Extreme: Zwischen 2015 und 2025 sank der Index beim sozial schwächsten Viertel der Bevölkerung um 23,1 Prozent, während er beim wohlhabendsten Viertel stabil bei rund 82 Punkten blieb. Trotz dieser Entwicklung ging der Anteil jener zurück, die soziale Ungleichheiten als unerträglich empfinden – von 73 auf 64 Prozent. Solidaris wertet dies als Hinweis auf eine zunehmende gesellschaftliche Gewöhnung an soziale Unterschiede.

Die Studie verweist zudem auf gesundheitliche Folgen. Fast zwei Drittel der Personen in Arbeitsunfähigkeit gaben an, im vergangenen Jahr aus finanziellen Gründen auf mindestens eine medizinische Behandlung verzichtet zu haben. Zudem zeigen sie doppelt so häufig Symptome einer mittel bis schweren Depression wie Erwerbstätige. Mit zunehmenden sozioökonomischen Schwierigkeiten verschlechtere sich auch die Gesundheit, was die soziale Lage weiter destabilisiere, warnt die Krankenkasse.

Auch die Wahrnehmung des Gesundheitssystems hat sich eingetrübt. Während 2015 noch 76 Prozent der Befragten angaben, das System entspreche ihren Bedürfnissen, sind es heute nur noch 66 Prozent. Der Anteil jener, die die Qualität der Versorgung als ausgezeichnet bewerten, sank im selben Zeitraum von 77 auf 67 Prozent.

Schließlich zeigt das Barometer eine deutliche Vertrauenskrise gegenüber den demokratischen Institutionen. Vier von fünf Befragten sind der Ansicht, dass politische Verantwortliche nicht für eine Verbesserung der Lebensqualität sorgen. Politische Parteien genießen lediglich acht Prozent Vertrauen, während 79 Prozent Misstrauen äußern. Nur 23 Prozent sind der Meinung, dass die belgische Demokratie sehr gut funktioniert, und 63 Prozent blicken pessimistisch auf die gesellschaftliche Entwicklung – ein Anstieg um 18 Prozentpunkte seit 2015. (belga/rt)

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