Warum sind Familien so kompliziert? Und wie findet man wieder zueinander, wenn man sich entfremdet hat? Diese Fragen stehen im Zentrum von „Sentimental Value“ – und das Drama hat beim Europäischen Filmpreis groß abgeräumt.
Der Film des norwegischen Regisseurs Joachim Trier wurde in Berlin gleich sechs Mal ausgezeichnet, unter anderem als bester europäischer Film. Fünf Auszeichnungen gewann der Roadmovie „Sirât“. Wie schon bei „Der schlimmste Mensch der Welt“ erzählt Trier auch diesmal eine fein gezeichnete, zwischenmenschliche Geschichte. „Sentimental Value“ handelt von einem gealterten Regisseur und seinem schwierigen Verhältnis zu seinen beiden Töchtern. Die Hauptdarsteller Stellan Skarsgård und Renate Reinsve wurden jeweils als bester Schauspieler und beste Schauspielerin ausgezeichnet. Trier selbst erhielt die Preise für Regie und Drehbuch. Reinsve bedankte sich sichtlich bewegt bei ihren Schwestern: „Ohne euch hätte ich es nirgendwohin geschafft.“
Skarsgård hatte kürzlich bereits einen Golden Globe gewonnen – folgt nun der Oscar? „Sentimental Value“ werden gute Chancen als bester internationaler Film eingeräumt. Die Oscar-Nominierungen werden am Donnerstag bekanntgegeben. Der Europäische Filmpreis wird wechselweise in Berlin und einer anderen europäischen Stadt verliehen. In diesem Jahr kamen rund 1.000 Gäste ins Haus der Kulturen der Welt, darunter Mads Mikkelsen und Juliette Binoche, die Präsidentin der Europäischen Filmakademie ist. Die Eröffnungsrede hielt der iranische Regisseur Jafar Panahi, der eindringlich vor der Normalisierung von Gewalt warnte und Filmschaffende aufrief, Haltung zu zeigen. Auch geopolitische Fragen spielten eine Rolle: Auf Nachfrage zum Streit um Grönland reagierte Skarsgård mit deutlichen Worten. Die Idee, die Insel den USA einzuverleiben, sei „ziemlich absurd“. Trier betonte, Grönland gehöre den Grönländern – das Völkerrecht müsse respektiert werden, sonst drohe ein gefährlicher Dominoeffekt.
Aus belgischer Sicht verlief der Abend mit gemischten Gefühlen. Der renommierte Kameramann Manuel Dacosse war in der Kategorie beste Kamera für den Film „L’Étranger“ nominiert, ging jedoch leer aus. Der Preis ging an Mauro Herce für seine Arbeit an „Sirât“. „L’Étranger“ wurde vom französischen Regisseur François Ozon inszeniert und basiert auf dem gleichnamigen Roman von Albert Camus aus dem Jahr 1942. Der Film ist eine Co-Produktion mit dem belgischen Unternehmen Scope Pictures und markiert bereits die fünfte Zusammenarbeit zwischen Ozon und Dacosse. Den Ehrenpreis für das Lebenswerk erhielt die norwegische Schauspielerin und Regisseurin Liv Ullmann. Als bester Dokumentarfilm wurde „Fiume o Morte!“ von Igor Bezinović ausgezeichnet, bester Animationsfilm wurde „Arco“. Ausgezeichnet wurden zudem Maren Ade, Janine Jackowski und Jonas Dornbach von der Berliner Produktionsfirma Komplizen Film. Für ihren Beitrag zur internationalen Strahlkraft des europäischen Kinos wurde die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher geehrt.
Die European Film Awards gelten als „europäische Oscars“. Erstmals fand die Verleihung nicht im Dezember, sondern im Januar statt. Im Vorjahr hatte mit „Flow“ bereits eine belgische Koproduktion den Animationspreis gewonnen. (belga/dpa/sc)

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