Verbale Spitzen, Frotzeleien, Provokationen: Die Giftpfeilchen flogen im deutschen EM-Quartier von Tür zu Tür. Die „Anti-Handball-Aussage“ von DHB-Torhüter Andreas Wolff sorgte auf den Gängen des schicken Hotel Papirfabrikken, in dem auch Auftaktgegner Österreich untergebracht ist, für reichlich Gesprächsstoff.
„Uns spornt das nur noch mehr an“, sagte Österreichs Starspieler Nikola Bilyk in der Kronenzeitung, angestachelt von Wolffs kerniger Kampfansage. Im mit Spannung erwarteten Bruderduell zum Start der Europameisterschaft am Donnerstag (20.30 Uhr/ARD) geht es im dänischen Herning vor allem für Deutschland direkt um viel: Zehn Jahre nach dem EM-Coup von 2016 soll der Grundstein für eine erfolgreiche Medaillenmission gelegt werden.
Alfred Gislason warnt davor, sich auf der überzeugenden Vorbereitung mit zwei Siegen gegen Vizeweltmeister Kroatien auszuruhen. „Ich freue mich, dass die Jungs Selbstvertrauen getankt haben, aber das zählt nichts, das nächste Spiel ist wichtig“, sagte der Bundestrainer. Österreich sei „eine unangenehme Mannschaft“, die „sehr lange Angriffe“ spielt: „Wichtig für uns ist, dass wir unseren Spielstil durchziehen. Wir wollen Tempo machen.“
Angesichts der kniffligen Auslosung dürfen sich Kapitän Johannes Golla und Co. keinen Ausrutscher erlauben. In den weiteren Vorrundenspielen warten mit Serbien am Samstag (20.30 Uhr/ARD) und Spanien am Montag (20.30 Uhr/ZDF) zwei weitere unangenehme Aufgaben. Schon im Auftaktspiel in der Jyske Bank Boxen besteht durchaus Stolpergefahr.
Österreich stellte Deutschland in der Vergangenheit immer wieder vor Probleme. In der EM-Qualifikation im vergangenen März war die DHB-Auswahl um den Ex-Eynattener Erik Wudtke als Co-Trainer in Wien nicht über ein 26:26 hinausgekommen. Auch bei der vergangenen EM 2024 hatten die Österreicher dem deutschen Team in der Hauptrunde in Köln ein Unentschieden (22:22) abgetrotzt.
Zudem goss Wolff vor dem Wiedersehen Öl ins Feuer. „Österreich spielt absoluten Anti-Handball. Das möchte eigentlich keiner sehen. Es ist sehr unattraktiv“, hatte der Torwart gesagt. Die Replik auf die Verbalattacke folgte durch seinen THW-Kiel-Kollegen Bilyk prompt. Der Rückraumspieler ist der unumstrittene Star der Alpenhandballer von Trainer Iker Romero. Es sei „definitiv auch möglich“, Deutschland zu schlagen, sagte der Rückraumhüne.
Das deutsche Team tritt aber mit viel Zuversicht in Dänemark an. Ein Jahr nach dem enttäuschenden Viertelfinal-Aus bei der WM sieht der Olympia-Zweite vor allem die neue Breite seines Kaders als großen Trumpf.
„Ich glaube, dass es die beste Nationalmannschaft ist, in der ich je gespielt habe“, sagte der 34-jährige Wolff, einer von drei verbliebenen 2016er-Europameistern im deutschen Kader, in der Sportschau. „Das Talent, was die jungen Spieler mitbringen, gepaart mit uns älteren Hasen, ist eine interessante Mischung.“
Sieben (!) Spieler sind 23 Jahre oder jünger, dazu zählen neben Marko Grgic gleich sechs U21-Weltmeister von 2023 um Torjäger Renars Uscins. Kein anderer der Favoriten um Weltmeister und Olympiasieger Dänemark oder Titelverteidiger Frankreich, die beide in der Hauptrunde auf Deutschland als Gegner warten dürften, stellt ein derart junges Team. Zudem wird Deutschland besonders um seine Defensivoptionen beneidet. „Die Bank kann vielleicht unsere Lebensversicherung werden“, sagte Nationalmannschaftsmanager Benjamin Chatton. Diese Qualität soll für die DHB-Männer schon gegen Österreich der Schlüssel zum Sieg sein.
Nachbarländer sorgen für belgische Note
Auch wenn die „Red Wolves“ in der Qualifikationsphase den Kroaten und den Tschechen den Vortritt lassen mussten, gibt es ein paar belgische Noten im Turnier: Bei den Niederländern soll Martin Kleijkers für Gefahr vom Kreis sorgen – der 24-Jährige spielt bei Sporting Pelt und stand Mitte September noch der KTSV Eupen gegenüber. Sein Bruder Bram, Tommie Falke (beide Pelt), Jens Dijkstra (Hasselt) und Tido Bierkens (Bocholt) stehen auf der Reserveliste.
Ebenfalls mit dabei ist Ivar Stavast, dessen Vater Gerrit erst als Torwart die Eynattener Glanzzeiten Anfang des Jahrtausends mitprägte, zum Spieler des Jahres 2001 avancierte und später unter Bruno Thevissen als Co-Trainer beim HCER fungierte.
Apropos Eynatten: Gemeinsam mit Gerrit Stavast stand damals Rückraumspieler Erik Wudtke auf der Platte, der seit 2020 als Assistent von Alfred Gislason mit der deutschen Mannschaft arbeitet. Noch im August hatte der Vater des Ex-Eupeners Kian die U19 zur Weltmeisterschaft geführt.
Fragen und Antworten zur EM
Was steht an?
Die 17. Auflage der Handball-Europameisterschaft geht in drei Ländern an vier Spielorten über die Bühne. Die Hallen stehen in Herning (Dänemark), Oslo (Norwegen) sowie Malmö und Kristianstad (jeweils Schweden). An allen Standorten finden Vorrundenspiele statt. Die zwei Hauptrundengruppen steigen in Herning und Malmö, die Finalspiele (ab 30. Januar) in Herning. Deutschland absolviert das gesamte Turnier in der Jyske Bank Boxen in Herning.
Wie ist der EM-Modus?
Die Vorrunde wird in sechs Vierergruppen ausgetragen. Die ersten beiden Mannschaften jeder Gruppe ziehen in die Hauptrunde ein, in der es dann zwei Sechsergruppen gibt. Die Punkte gegen das ebenfalls qualifizierte Team werden in die zweite Turnierphase mitgenommen. Die beiden bestplatzierten Teams der beiden Hauptrundengruppen erreichen das Halbfinale, die Drittplatzierten spielen den fünften Platz aus.
Wer sind die Favoriten?
Über allen steht Weltmeister und Olympiasieger Dänemark. Die Übermannschaft von Trainer Nikolaj Jacobsen jagt aber seit geraumer Zeit vergeblich dem EM-Titel hinterher, der bislang letzte EM-Triumph gelang einer dänischen Mannschaft vor 14 Jahren. So setzten sich bei der jüngsten EM in Deutschland im Endspiel von Köln die Franzosen durch, die ebenso wie Kroatien, Spanien oder die talentierten Isländer zum erweiterten Favoritenkreis zählen.
Wo werden die EM-Spiele übertragen?
ARD und ZDF übertragen alle deutschen EM-Auftritte live im linearen Fernsehen. Im belgischen TV läuft das Turnier nicht.
Welchen kurzfristigen Star-Ausfall gibt es zu vermelden?
Rückschlag für den Titelverteidiger: Frankreich muss kurz vor dem Start der EM den Ausfall von Nedim Remili (30) verkraften. Der Rückraumspieler des ungarischen Rekordmeisters Telekom Veszprém fehlt dem EM-Champion aufgrund einer Wadenverletzung. Guillaume Gille nominierte Aymeric Zaepfel (Pays d'Aix UC) für den Tokio-Olympiasieger und Weltmeister von 2017 nach. Die Franzosen starten am Donnerstag (18 Uhr) in Oslo gegen Tschechien in ihre Mission Titelverteidigung. Die weiteren Gegner in Vorrundengruppe C sind die Ukraine (Samstag) und Co-Gastgeber Norwegen (Montag). (sid/tf)

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