Trotz aller Anstrengungen bleibt der Hafen von Antwerpen eines der wichtigsten Einfallstore für Kokain nach Europa. Im vergangenen Jahr beschlagnahmte der Zoll dort rund 55 Tonnen Kokain. Das ist zwar mehr als im Jahr davor, liegt aber deutlich unter den Rekordzahlen früherer Jahre. Für Driesen ist das kein Zeichen dafür, dass weniger Drogen unterwegs sind – vielmehr verlagern die Banden ihre Routen und Methoden. „Ein Teil des Schmuggels läuft inzwischen verstärkt über Spanien und Portugal“, erklärt der Polizeichef. Weltweit steigen die Sicherstellungen sogar weiter, vorwiegend in Süd- und Mittelamerika, wo Lieferungen bereits früh in der Kette abgefangen werden.
Die kriminellen Netzwerke reagieren flexibel. Sie organisieren ihre Logistik immer wieder neu und setzen zunehmend auf digitale Technologien und verschlüsselte Kommunikationskanäle. Das erschwert die Ermittlungsarbeit – trotz großer Erfolge wie im Fall der verschlüsselten Plattform Sky ECC. Die Folgen sind sichtbar: Kokain bleibt in Europa leicht verfügbar, der Straßenpreis stabil, die Reinheit sogar steigend. Die Gewinnmargen für Schmuggler und Händler sind entsprechend enorm.
Im Hafen von Antwerpen kommen weiterhin bekannte Schmuggelmethoden zum Einsatz, etwa sogenannte „Rip-off“- oder „Switch“-Techniken, bei denen Container manipuliert werden. Oft agieren internationale Banden, deren Drahtzieher aus dem Ausland operieren. Hinzu kommen neue Verfahren wie die chemische Imprägnierung: Das Kokain wird in Materialien oder Flüssigkeiten eingebunden und später wieder herausgelöst.
Besorgniserregend ist auch die zunehmende Gewaltbereitschaft. Gewalt wird gezielt ausgelagert und wie eine Dienstleistung eingekauft. Driesen spricht von „Violence as a Service“ (VAAS). Aufträge werden an externe Täter vergeben, oft für vergleichsweise geringe Beträge. Die Strukturen bleiben dadurch flexibel, die Ausführenden austauschbar – während die Auftraggeber im Hintergrund bleiben.
Neben gezielten Gewalttaten im Rahmen von Revierkämpfen oder Schuldeneintreibungen beobachtet die Polizei auch immer häufiger Nachahmungstaten ohne direkten Bezug zu internationalen Netzwerken. Allein im vergangenen Jahr eröffnete die Kriminalpolizei Antwerpen 45 Ermittlungsverfahren wegen drogenbezogener Gewalt – darunter Sprengstoffanschläge, Entführungen, Schießereien und Brandstiftungen. Antwerpen ist damit kein Einzelfall: Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in mehreren europäischen Großstädten.
Um den Netzwerken wirksamer zu begegnen, setzen Polizei und Kontrollbehörden seit Jahren verstärkt auf das Prinzip „Follow the money“ – also die Verfolgung der Geldströme statt nur der einzelnen Straftaten. Das erfordert allerdings viel Fachwissen und Personal. Deshalb investiert die föderale Kriminalpolizei in technologische Innovationen, schnellere Datenanalysen und Kooperationen mit öffentlichen und privaten Partnern.
Auch Künstliche Intelligenz (KI) gewinnt an Bedeutung. Sie soll helfen, große Datenmengen auszuwerten, Muster zu erkennen und Szenarien zu simulieren. Ziel ist es, künftig nicht nur zu reagieren, sondern auch vorauszusehen, wie sich kriminelle Netzwerke an neue Maßnahmen anpassen könnten, betont Driesen. (belga/calü)

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