50 Jahre „Tindemans-Bericht“: Wie ein Belgier den Weg zur heutigen EU ebnete

<p>Leo Tindemans</p>
Leo Tindemans | Foto: belga

Die Staats- und Regierungschefs der damals neun Mitgliedstaaten hatten ihn beauftragt, eine Vision für die künftige Entwicklung Europas zu formulieren. Heraus kam der sogenannte „Bericht über die Europäische Union“, der ein vorwiegend wirtschaftliches Projekt erstmals klar in Richtung politische Union lenkte.

In einer Fernsehansprache fasste Tindemans seine Überzeugung so zusammen: „Die Europäische Union wird nicht die Endphase der europäischen Einigung sein, aber eine äußerst wichtige Etappe, die wir jetzt mutig verwirklichen müssen.“ Für seine Arbeit reiste Tindemans durch alle Hauptstädte der Gemeinschaft, sprach mit politischen Entscheidungsträgern, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Sein Befund fiel deutlich aus: In einer Phase wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit geriet das nur halb fertiggestellte europäische Gebäude ins Wanken. Viele Bürger zweifelten daran, ob die Politik den Integrationsprozess wirklich vollenden wolle.

Vom Wirtschaftsraum zu einer politischen Gemeinschaft

Der Bericht legte – ohne gleich eine europäische Verfassung vorzuschlagen – Ziele und konkrete Maßnahmen fest, die die EWG qualitativ verändern sollten: weg von einer reinen Wirtschaftsgemeinschaft, hin zu einer politischen Union.

Besonders betonte Tindemans: die Bedeutung einer Währungsunion – ein Gedanke, der später im Euro mündete, eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, damit Europa international mit einer Stimme spricht, eine mögliche Mehrheitsentscheidung bei außenpolitischen Fragen – ein Vorschlag, der damals politisch nicht durchsetzbar war und die Idee einer europäischen Rüstungsagentur. Gleichzeitig stellte Tindemans fest, dass die USA für Europa zugleich „Verbündete, Partner und manchmal auch Konkurrenten“ seien.

Der Regierungschef sprach sich außerdem für mehr Rechte des Europäischen Parlaments aus, das kurz darauf erstmals direkt gewählt wurde – unter anderem mit einem Initiativrecht, das das Parlament bis heute nicht besitzt.

Europa müsse „eine Gemeinschaft der Bürger und ihrer Rechte“ sein, schrieb Tindemans, und dürfe nicht nur ein technokratisches oder wirtschaftliches Projekt bleiben. Er regte auch verstärkte Studentenaustausche an – ein Gedanke, der später Programme wie Erasmus mit inspirierte.

Der Tindemans-Bericht gilt bis heute als Schlüsseltext der europäischen Integration. Viele Ideen wurden später in unterschiedlicher Form wieder aufgegriffen, andere scheiterten am fehlenden politischen Willen der Mitgliedstaaten. Fest steht: Tindemans half, den Blick der Gemeinschaft zu weiten – von gemeinsamen Märkten hin zu der politischen Union, die wir heute als Europäische Union kennen. (belga/nc)

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