Irene Janetzky: die erste Radiostimme der Ostbelgier

<p>Ein ikonisches Bild: Irene Janetzky im Gespräch mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatssekretär Walter Hallstein bei einem Staatsempfang 1956 in Brüssel.</p>
Ein ikonisches Bild: Irene Janetzky im Gespräch mit Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatssekretär Walter Hallstein bei einem Staatsempfang 1956 in Brüssel. | Foto: BRF-Archiv

BRF-Direktor Alain Kniebs hat dieser fast vergessenen Pionierin eine Biografie gewidmet. Das Buch aus dem Grenz-Echo Verlag (GEV) erzählt die Geschichte einer Frau, die nie laut war, aber viel bewirkte – und deren Lebensweg zugleich ein Stück ostbelgischer Zeitgeschichte spiegelt. „Mich faszinierte die Frage, wie man ausgerechnet direkt nach der Besatzung und Annektierung durch Nazideutschland auf die Idee kommen konnte: Wir machen jetzt eine Radiosendung in deutscher Sprache“, erklärt Alain Kniebs dem GrenzEcho.

Ein Anfang ohne Netz und doppelten Boden

Das Buch trägt den Untertitel „Ein Leben im Zeichen des Belgischen Rundfunks“ – und dieser ist wörtlich zu nehmen. Denn als am 1. Oktober 1945 die erste Sendung in deutscher Sprache des Belgischen Rundfunks (damals noch Radiodiffusion Nationale Belge) ausgestrahlt wurde, stand eine 31-jährige Frau am Mikrofon, die wenige Wochen zuvor noch niemand kannte: Irene Janetzky.

<p>Die späten 1960er Jahre: Das BHF-Team mit Martha Riffon, Peter Moutschen, Rose-Anne Demaert, Hubert Jenniges und Irene Janetzky (v.l.).</p>
Die späten 1960er Jahre: Das BHF-Team mit Martha Riffon, Peter Moutschen, Rose-Anne Demaert, Hubert Jenniges und Irene Janetzky (v.l.). | Foto: BRF-Archiv

Allein, ohne Kollegen in der Redaktion, ohne technisches Team, ohne Absicherung auf Dauer. Und doch wurde diese improvisierte halbstündige Sendung zum Ausgangspunkt einer Erfolgsgeschichte – für sie persönlich, aber auch für die kulturelle Sichtbarkeit der Ostbelgier. Janetzkys Lebensweg war alles andere als geradlinig. Geboren 1914 in Duisburg, verlor sie ihren Vater im Ersten Weltkrieg. Aufgewachsen in Malmedy, sprachbegabt und weltoffen, lernte sie Englisch in Eastbourne und Italienisch in Florenz. Früh stand sie vor der Aufgabe, sich in einer von Männern dominierten Welt zu behaupten.

<p>Drei Rundfunkfrauen unter sich: Inge Gerckens, Irene Janetzky und Alice Grünebaum (v.l.) prägten seit den 1950er Jahren das Programm, aufgenommen 1986 in Eupen bei Grünebaums Verabschiedung vom BRF.</p>
Drei Rundfunkfrauen unter sich: Inge Gerckens, Irene Janetzky und Alice Grünebaum (v.l.) prägten seit den 1950er Jahren das Programm, aufgenommen 1986 in Eupen bei Grünebaums Verabschiedung vom BRF. | Foto: BRF-Archiv

Ihre Ehe mit einem Gendarmerieoffizier aus Flandern scheiterte. 1945, allein mit zwei Söhnen, suchte sie nach einer neuen Perspektive und fand sie im Rundfunk. Dabei war zu Beginn nichts glamourös: ein Schreibtisch in der hintersten Ecke der Redaktion, ein Füllfederhalter, Papier und die Anweisung, ab sofort eine tägliche Sendung in deutscher Sprache zu gestalten. „Débrouillez-vous – sehen Sie zu, dass Sie fertig werden“, habe ihr damaliger Direktor Théo Fleischman gesagt, schreibt Alain Kniebs. Für viele Menschen in Eupen, Malmedy oder St.Vith war es nach dem Krieg ein besonderes Erlebnis, abends um halb sieben Radio auf Deutsch zu hören. Irene Janetzky las Nachrichten, schrieb Hintergrundbeiträge, stellte klassische Musikprogramme zusammen. Sie führte Hörergrüße ein, beantwortete Briefe persönlich und wurde für viele Menschen schnell zu einer festen Bezugsperson im Radio. Doch ihre Rolle ging weit über Nähe und Alltagsbegleitung hinaus. Janetzkys Arbeit hatte eine politische Dimension.

<p>Irene Janetzky gab den Menschen in Ostbelgien nach dem Zweiten Weltkrieg eine Stimme im Radio, als viele die deutsche Sprache in Belgien lieber verdrängt hätten.</p>
Irene Janetzky gab den Menschen in Ostbelgien nach dem Zweiten Weltkrieg eine Stimme im Radio, als viele die deutsche Sprache in Belgien lieber verdrängt hätten. | Foto: BRF-Archiv

In einer Zeit, in der in Brüssel viele die deutsche Sprache lieber aus dem Rundfunk verbannt hätten, machte sie sie hörbar und sichtbar. „Sie hat gekämpft wie eine Löwin“, so Alain Kniebs im Gespräch mit dem GrenzEcho. „Vielleicht war sie keine brillante Journalistin, aber eine Brückenbauerin, die mit Erfolg für die deutsche Sprache und Kultur in Belgien geworben hat.“ Sie sei keine Frau der großen Gesten gewesen, sondern der leisen, klugen Überzeugungskraft. Mit Charme, Ausstrahlung und einem sicheren Gespür für Wirkung habe sie es verstanden, sich in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen, schreibt Alain Kniebs. Der BRF-Direktor bettet die Lebensgeschichte seiner Protagonistin in die großen Linien der Zeitgeschichte ein: die schwierige Lage der damaligen Ostkantone nach 1945, den Druck zur „Belgicisation“, die Konflikte zwischen Brüssel und Eupen, aber auch die Hoffnung auf kulturelle Anerkennung. Besonders eindrücklich schildert er Janetzkys Hartnäckigkeit in Krisenzeiten: Als 1954 die neue Regierung drastisch sparen und die deutschsprachigen Sendungen streichen wollte, suchte Janetzky kurzerhand den Premierminister persönlich auf und überzeugte ihn, das Programm nicht einzustellen. Mit der Zeit professionalisierte sich Janetzkys Arbeit. Sie führte Interviews, berichtete über Kultur und Politik und wurde immer mehr zu einer Institution. Doch sie stieß auch auf Widerstände: Protestbriefe aus der Wallonie, die Sendungen in „der Sprache des Aggressors“ kritisierten. Technische Probleme, durch die der Empfang lange unbefriedigend blieb. Sie hielt durch, und ihre Beharrlichkeit zahlte sich aus.

„Kein Denkmal, sondern eine Annäherung“

Alain Kniebs betont: „Ich wollte kein Denkmal errichten, sondern eine Annäherung schaffen. Irene Janetzky war keine makellose Heldin, sondern ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Aber sie hat mit ihrem Durchhaltewillen ein Feuer am Köcheln gehalten, das in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg leicht hätte erlöschen können.“

<p>Irene Janetzky fand im St.Vither Familiengrab ihres Stiefvaters Bernhard Willems ihre letzte Ruhe, obwohl sie mit der Stadt kaum biografische Berührungspunkte hatte.</p>
Irene Janetzky fand im St.Vither Familiengrab ihres Stiefvaters Bernhard Willems ihre letzte Ruhe, obwohl sie mit der Stadt kaum biografische Berührungspunkte hatte. | Foto: Christian Schmitz

Dass Janetzky heute fast vergessen ist, wirkt angesichts ihrer Lebensleistung paradox. Sie liegt im Familiengrab ihres Stiefvaters Bernhard Willems in St.Vith, obwohl sie mit der Stadt kaum biografische Berührungspunkte hatte. „Wenn man den Grabstein sieht, fragt man sich wirklich, wie sie dorthin kam“, sagt Alain Kniebs. Umso wichtiger sei es nun, ihre Geschichte wieder ans Licht zu holen. „Ich fände es großartig, wenn irgendwann eine Straße in Eupen, Malmedy oder St.Vith nach ihr benannt würde. Damit sie nicht ganz verschwindet.“

Alain Kniebs: Irene Janetzky. Ein Leben im Zeichen des Belgischen Rundfunks, Eupen 2025, erschienen im Grenz-Echo Verlag (GEV); ISBN 978-3-86712-210-8; weitere Infos: www.gev.be

INFO

Am 20. November 2025, um 19 Uhr, findet eine Lesung im BRF-Funkhaus in Eupen statt: Autor Alain Kniebs erinnert dabei an Irene Janetzky. Ergänzt wird dieser Abend durch Erinnerungen von Rudi Klinkenberg, langjähriger Leiter des BRF-Studios in Brüssel. Für den musikalischen Rahmen sorgt Pianistin Vanessa Margret, durch den Abend führt Robin Emonts. Der Eintritt ist frei.

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