„Sitzenbleiben“: Kritik und Reformideen im Parlament

<p>Im PDG wurde erneut über das Sitzenbleiben diskutiert: Quoten, Reformbedarf und mehr individuelle Förderung standen im Mittelpunkt.</p>
Im PDG wurde erneut über das Sitzenbleiben diskutiert: Quoten, Reformbedarf und mehr individuelle Förderung standen im Mittelpunkt. | Illustrationsfoto: dpa

Kirsten Neycken-Bartholemy (SP) machte kritische Anmerkungen zum Sitzenbleiben. Die Französische Gemeinschaft wolle seit 2017 mit ihrem „Pacte pour un Enseignement d’excellence“ die Zahl der Klassenwiederholungen senken.

Zwar sei die Quote von 48 auf 39,5 Prozent gesunken, sie bleibe aber sehr hoch. Pädagogen kritisierten das Sitzenbleiben als ineffizient und sozial ungerecht. Auch in der DG wird das Thema im Rahmen der Vision „Ostbelgien 2040“ diskutiert. „Dazu gehört aus Sicht der SP-Fraktion zweifellos die Reform des Sitzenbleibens, das in seiner jetzigen Form nicht mehr zeitgemäß ist“, so die Abgeordnete, die Bildungsminister Jérôme Franssen (CSP) verschiedene Fragen stellte.

Dieser legte ein paar Zahlen zum Thema vor: Im Schuljahr 2024-2025 (Stand 1. April 2025) wiesen 1.206 von insgesamt 4.482 Schülerinnen und Schülern in den Sekundarschulen der DG einen Schulrückstand auf (Anteil 26,9 %). Der Großteil dieser Schüler – rund drei Viertel – hat einen Rückstand von einem Jahr (882 von 1.206). „Die konkreten Daten zur Klassenwiederholung werden derzeit noch nicht erhoben. Diese Zahlen sollen im Rahmen des geplanten Bildungsmonitorings erfasst werden“, so Franssen. Das geplante Monitoring soll das Bildungswesen mit Hilfe systematischer und datengestützter Analysen transparenter machen und so eine bessere Steuerung und Weiterentwicklung ermöglichen. Wichtig: Ein Schulrückstand bedeute nicht automatisch Sitzenbleiben, sondern könne auch durch späten Schuleintritt, Schulwechsel, längere Abwesenheiten oder neu zugezogene Schüler entstehen.

Über eine Wiederholung entscheidet der Klassenrat, der die individuelle Lernbiografie berücksichtigt und nicht pauschal, sondern anhand der konkreten Entwicklung urteilt. „Die Regierung setzt dabei auf die Unterstützung dieses pädagogischen Prozesses: Ziel ist es, Wiederholungen auf Ausnahmefälle zu begrenzen und die individuelle Förderung auszubauen.“ Mit Fortbildungen, Förderkonzepten, Differenzierung und enger Elternarbeit sollen Schulen befähigt werden, Kinder frühzeitig zu unterstützen. Das Ziel laute: Die Wiederholung von Klassen soll zunehmend an Bedeutung verlieren, „ohne jedoch das pädagogische Ermessen der Lehrkräfte im Klassenrat einzuschränken“, betonte der Minister. Zentral bleibe, Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für alle Lernenden zu fördern.

Einigkeit herrschte, dass das Sitzenbleiben eine große Herausforderung bleibt, und viele kritische Bemerkungen wurden dazu gemacht. Die Fragestellerin Kirsten Neycken-Bartholemy betonte die hohe Zahl der betroffenen Schüler und verwies auf Finnland, wo es die klassische Form gar nicht mehr gibt – stattdessen stehe dort bessere Unterstützung im Vordergrund. Der Ecolo-Abgeordnete Andreas Jerusalem bezeichnete das Sitzenbleiben als „schmerzhafte Niederlage“ für die Betroffenen und forderte Lösungen, um Wiederholungen zu vermeiden, wenngleich der Klassenrat als letzte Option bestehen bleiben müsse.

Steffi Pauels (CSP) hob hervor, dass der Begriff „Sitzenbleiben“ negativ besetzt sei; am Ende gehe es um die Kompetenzfeststellung durch den Klassenrat. In Ausnahmefällen könne eine Wiederholung möglicherweise helfen, manches Mal aber nicht. Entscheidend seien eine gute Differenzierung und individuelle Begleitung, wozu die Reform der Rahmenpläne beitragen soll. Die Ausschussvorsitzende Liesa Scholzen (ProDG) kündigte an, in zwei Wochen seien Vertreter der Autonomen Hochschule im Parlament zu Gast. Dabei gehe es auch um den aktuellen wissenschaftlichen Stand zur Klassenwiederholung.

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