Vor dem Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft 2026 gegen Liechtenstein am Donnerstagabend (20.45 Uhr) in Vaduz sprach der Mittelfeldprofi von Aston Villa über Rudi Garcia, den Weg zum Turnier nach Nordamerika und seine persönlichen Aufgaben.
Youri Tielemans, zum dritten Mal hat Rudi Garcia die Roten Teufel zusammengerufen. Wie bewerten Sie das neue Kapitel unter dem neuen Nationaltrainer?
Die Mannschaft ist ziemlich jung – wenn auch nicht unbedingt neu, weil viele Spieler schon seit einer gewissen Zeit dabei sind. Aber wir wissen, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben und Erfahrung sammeln müssen. Jeder läuft für einen großen Klub auf, die meisten als Stammspieler. Jetzt müssen wir auf dem Platz zusammenfinden, um unsere Leistungen zeigen zu können. Wir wollen eine positive Dynamik herstellen und als Gruppe wachsen.
Bei seiner Ankunft hat der Trainer Sie direkt als einen der Anführer bezeichnet.
Ich brauchte zwar keine Bestätigung, aber es freute mich natürlich zu hören, dass er auf mich zählt. Zumal er die Gruppe zu Beginn noch nicht so gut kannte. Jeder will zu den Führungsspielern bei der Nationalmannschaft gehören, aber das ist ein natürlicher Prozess. Ich bin schon seit Langem dabei (seit 2015, A. d. R.) und zähle zu den Ältesten. Ich weiß, wie der Hase läuft. Meine Rolle ist es, die Neuen an die Hand zu nehmen.
Wie beschreiben Sie den Garcia-Stil?
Er ist ein sehr stolzer Mensch, der weiß, was er macht. Man spürt seine Erfahrung. Zudem ist seine Kommunikation sehr direkt und er klar in seiner Herangehensweise. Jeder Spieler weiß, was er zu tun hat. Sein Stil ist allerdings schwer zu beschreiben, weil er sich auch an die verfügbaren Spieler und die Mischung aus Älteren und Jungen anpassen muss. Im Moment macht er seine Sache jedenfalls gut.
Belgien startete mühsam mit einer Bilanz von 4/6 Punkten und einem Schrecken gegen Wales (4:3) in die WM-Qualifikation...
...Das war ein wahnsinniges Spiel. An diesem Tag haben wir zwar all unsere Qualitäten gezeigt, aber auch all unsere Schwächen offenbart. In den ersten 30 Minuten lief es super, wir waren in Topform und haben sehr gut kommuniziert. Dann hat uns das Gegentor vor der Pause aus der Bahn geworfen und zweifeln lassen. Als Team bildeten wir keine Einheit mehr, liefen in Konter rein und konnten den Ball nicht mehr halten. Glücklicherweise hatten wir diese mentale Stärke, diese Reaktionsfähigkeit, um den Sieg zu erkämpfen. Wir werden die zweite Halbzeit analysieren und die Lehren ziehen, damit so etwas nicht wieder passiert. Mental kann uns dieses Spiel aber für die Zukunft helfen.

Würde eine verpasste WM 2026 als Versagen angesehen werden?
Da stimme ich zu, weil wir sehr viel Qualität in der Mannschaft und Spieler auf hohem Niveau haben. Die WM ist ein Muss. Dennoch habe ich Respekt vor unseren Gegnern, vor allem vor Wales, das im Juni seinen Status als große Fußballnation mit vielen Spielern in der Premier League unter Beweis gestellt hat. Unser größter Test wird die Partie in Cardiff im Oktober. Aber die anderen Mannschaften werden uns das Leben ebenfalls nicht leicht machen – da müssen wir wachsam sein.
Sie befinden sich zwischen der „Goldenen Generation“ und der neuen mit den jungen Spielern. Bilden Sie die Nahtstelle im Team?
Die ältere Generation um all die ehemaligen Topspieler noch gekannt zu haben, ist super. Mir hilft das bei meiner Aufgabe, den Jungen zu erklären, wie die Nationalmannschaft funktioniert, welche Mentalität sie brauchen und welchen Stolz dieses Trikot mit sich bringt – mit Jan Vertonghen als Vorbild, der als Rekordnationalspieler (157 Einsätze, A. d. R.) immer mit einem Lächeln dabei war. Diese Einstellung muss man haben, wenn Belgien eines Tages mal etwas gewinnen will.
Gehen die Fans nach den berauschenden Jahren zu ungeduldig mit den jungen Teufeln um?
Das ist ja nicht nur in Belgien der Fall, so ist Fußball heutzutage. Man erwartet, dass die Jungen direkt ihre Leistung bringen, weil sie schon sehr früh bei den Profis einsteigen. Sie sollen jedes Wochenende „performen“, in jedem Spiel überragen. Dabei müssen sie doch erst einmal gewisse Erfahrungswerte sammeln. Ich habe es ja selber erlebt: Mit 16 habe ich bei den Senioren begonnen, mit 17, 18, 19 wurde von mir erwartet, die Mannschaft zu führen. Mir persönlich passte das, weil ich schon immer gerne und natürlich Verantwortung übernommen habe. Das ist einfach meine Art. Aber es ist klar, dass viele junge Leute nicht so ticken, man soll sie sich in ihrem Tempo entwickeln lassen. In Belgien herrscht viel Druck auf den Nachwuchsspielern, und das ist normal, schließlich will jeder gewinnen. Aber wir müssen realistisch bleiben: Vielleicht gehört Belgien trotz der WM-Bronzemedaille 2018 nicht zu den großen Fußballnationen der Welt. Wir haben den Wunsch, etwas zu gewinnen, dürfen jedoch nichts überstürzen. Bis das Team zusammengewachsen und alles perfekt ist, kann noch Zeit vergehen.
Normalerweise sind Sie der nächste Rote Teufel, der die Marke von 100 Länderspielen knackt (aktuell 77).
Das wäre schön, ich klopfe auf Holz (lacht). So weit ist diese Marke nicht mehr entfernt. Ich wäre natürlich glücklich, aber es ist kein Ziel, das ich absolut erreichen muss. Generell versuche ich, nicht allzu viele Gedanken an solchen Dingen zu verschwenden, sondern einfach nur gut zu spielen und der Mannschaft zu helfen.
Halten Sie es für möglich, Jan Vertonghens Rekord zu knacken?
Natürlich ist es möglich, aber dann müsste ich noch zehn Jahre für die Teufel spielen – das ist ganz schön lang (lacht). Andererseits gibt es ja mittlerweile immer mehr Spiele. Man weiß nie, wann die Verbände uns den nächsten neuen Wettbewerb vor die Nase setzen. (lm/tf)

Kommentare
Kommentar verfassen
0 Comment
Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.
AnmeldenRegistrieren