„Auf die Spitze getrieben“: Ex-Eynattener Erik Wudtke krönt sich mit U19 zum Weltmeister

„Dass es spannend werden würde, war uns klar. Bei einer WM gibt es fast nur enge Spiele – aber wir haben es wirklich auf die Spitze getrieben“, stand Erik Wudtke selbst zwei Tage nach dem Triumph am Nil noch unter dem Eindruck des Nervenkrimis.

Seit vergangenem Sommer leitet er die deutsche U19-Nationalmannschaft. In seiner aktiven Spielerzeit hatte der 53-Jährige Anfang des Jahrtausends die erfolgreichste Zeit des HC Eynatten miterlebt und mitgestaltet. Zusätzlich zu zwei Meisterschaften (2000 und 2001) sowie dem Pokalsieg 2000 wurde Wudtke im selben Jahr als belgischer Handballer des Jahres ausgezeichnet. Bis zum Frühjahr trug sein Sohn Kian (22) das Trikot der KTSV Eupen.

Selbst das Siebenmeterwerfen ging in die Verlängerung.

Lange befand sich die DHB-Auswahl am späten Sonntagabend gegen Spanien im Rückstand, drehte den Spieß zehn Minuten vor dem Ende um. Sowohl in der Schlussphase der regulären Spielzeit als auch in der Verlängerung ließen beide Teams Chancen auf den Sieg liegen. Rasmus Ankermann rettete Deutschland drei Sekunden vor Ende der zweiten Verlängerung ins Siebenmeterwerfen. Auch dort fand sich nach jeweils fünf Schützen auf beiden Seiten noch kein Sieger, es ging im „Sudden Death“ weiter – der nächste Fehler entschied das Turnier.

<p>Mit dem ehemaligen Eynattener Erik Wudtke an der Seitenlinie krönten sich die deutschen U19-Handballer zum Weltmeister.</p>
Mit dem ehemaligen Eynattener Erik Wudtke an der Seitenlinie krönten sich die deutschen U19-Handballer zum Weltmeister. | Foto: dpa

Wudtke und sein Team griffen auf Psychospielchen zurück, wechselten den Torhüter. Nachdem Finn Knaack bereits zwei Siebenmeter entschärft hatte, kam Anel Durmic aufs Feld – und parierte den entscheidenden Wurf. Mehr noch: Er hielt ihn sogar fest. „Mit dem Tausch haben wir den Druck beim Gegner erhöht und ihm ein anderes Bild geboten. Die Spanier hatten sich ja mittlerweile Finns Bewegungen gemerkt. Die Taktik ist aufgegangen“, freute sich der Trainer, der den Moment des Triumphes Revue passieren ließ: „Was einem da durch den Kopf geht? Gar nichts. Ich weiß noch, dass ich vor dem Siebenmeterwerfen meinen Puls gemessen habe – da war er noch zweistellig. Ich bleibe da eher ruhig, weil ich weiß, dass die Spieler eher in schwierigen Momenten zu ihrem Trainer schauen als in guten. Rund eine Minute vor dem Ende lagen wir noch mit drei Toren zurück, da brauchen sie jemanden, der an sie glaubt und das auch ausstrahlt. Und keinen, der schon verzweifelt ist oder unnötige Hektik reinbringt.“

Beim DHB arbeitete Erik Wudtke in den vergangenen zehn Jahren als Co- oder Cheftrainer verschiedener Mannschaften. Als Assistent von Alfred Gislason holte der mittlerweile in Hamburg lebende gebürtige Aachener 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris Silber mit der A-Nationalmannschaft. Noch im März hatte die U19 ein Trainingslager in Eynatten und Eupen absolviert und die KTSV in einem Freundschaftsspiel mit 39:28 besiegt. Auch dabei schärfte er die künftige Weltmeistertruppe. Bronze in Kairo sicherte sich Dänemark dank eines 33:31 gegen Schweden.

„Diese Mannschaft hat einfach einen super Charakter“, reagierte A-Nationaltrainer Alfred Gislason auf den Final-Krimi: „Ein phänomenaler Titel für eine Mannschaft, von der wir uns sehr viel versprochen haben.“ Er habe auf dem Weg dorthin „auch in der Breite eine super Leistung“ gesehen, fügte der Isländer an.

Dabei bewiesen Wudtkes „Jungs“ einige Male Comeback-Qualitäten. Noch nicht beim lockeren Auftaktsieg gegen Aufwärmgegner Uruguay (39:22), sondern ab dem schwachen Auftritt gegen die Färöer Inseln. Beim 28:28 habe Deutschland seinen Faden verloren, gab Wudtke zu. Entsprechend entscheidend kündigte sich das letzte Gruppenspiel gegen Slowenien an. Es ging um die Qualifikation zur Hauptrunde, andernfalls wäre die DHB-Sieben in die Verliererrunde abgestiegen. „Deshalb haben wir uns für maximalen Druck entschieden und den Spielern gesagt: Entweder wir machen uns zu den Deppen der Nation, oder wir zeigen, dass wir mit dem Druck umgehen können.“

Der belgische Verband zeichnete Erik Wudtke 2001 als Handballer des Jahres aus.

Seine Mannschaft lieferte die richtige Antwort, zog wegen des Sieges gegen Slowenien (30:25) nicht nur in die Hauptrunde ein, sondern setzte sich dort gegen die großen Kaliber aus Frankreich (26:21) und Norwegen durch (27:24). Denn wessen A-Nationalteam im Welthandball zu den dicken Nummern gehört, redet im Normalfall auch bei den Nachwuchsturnieren ein Wörtchen um den Titel mit, wie Erik Wudtke erklärte: „Da gibt es so gut wie keine Ausnahme. Während Dänemark, Frankreich, Schweden und Spanien bei den Senioren allerdings nochmal ein Stück besser als alle anderen sind, befinden sich die Teams in der Jugend näher beieinander.“

Eine Beobachtung, die sich in den Ergebnissen der K.o.-Phase widerspiegelt. Ab dem Viertelfinale fiel kein Sieg so „deutlich“ aus wie das 33:30 der Spanier gegen Schweden in der Vorschlussrunde. Entsprechend hauchdünn setzte sich Deutschland gegen Ungarn (32:31) und Dänemark (32:30) durch, ehe das Finale gegen Spanien ohnehin für Schweißausbrüche auf den Tribünen sorgte. „Dass wir mit dem angesprochenen Druck umgehen können und eine gute K.o.-Mannschaft sind, hat sich immer mehr in den Köpfen der Spieler festgesetzt“, freute sich Wudtke über den Titel.

Generell ist Deutschland nach Frankreich, Spanien und Dänemark erst die vierte Nation im Männerhandball, die sowohl bei den Senioren als auch mit der U17 und U19 WM-Gold einheimste.

<p>Mit dem Klassenerhalt in der Super Handball League verabschiedete sich Kian Wudtke im Mai aus Eupen.</p>
Mit dem Klassenerhalt in der Super Handball League verabschiedete sich Kian Wudtke im Mai aus Eupen. | Foto: Bernd Roskamp

Kian Wudtke läuft nun in Hamburg auf die Platte

Wenn die KTSV Eupen am 6. September in Den Haag in ihre vierte Saison in der Super Handball League startet, muss sie unter anderem auf Kian Wudtke verzichten. Als einer von mehreren Abgängen verließ der 22-Jährige die Weserstadt im Sommer und zog mit seinem Vater Erik nach Hamburg. Dort heuerte der Rückraumspieler/Linksaußen bei der Handballabteilung des HSV Hamburg an (nicht zu verwechseln mit dem HSV aus dem Fußball) und läuft fortan in der Regionalliga Nord auf.

„Dennoch nutzt er jede Gelegenheit, nach Belgien zurückzukehren, ist an jedem Wochenende ohne Vorbereitungsspiel ‚runtergefahren‘. Er ist ein richtiger Ostbelgier“, berichtet Erik Wudtke über seinen Sohn, der seit 2023 das Eupener Trikot getragen hatte und in Kelmis aufwuchs.

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