[Media and Me] Im Turm von Babel: Ist Mehrsprachigkeit ein Fluch oder ein Segen?

<p>Großer Turmbau von Babel (1563). Ein Gemälde von Pieter Bruegel der Ältere aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien.</p>
Großer Turmbau von Babel (1563). Ein Gemälde von Pieter Bruegel der Ältere aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. | Foto: Wikipedia

Dabei ist die Hauptstadt Brüssel der einzige Teil, der als offiziell zweisprachig gilt. Dort genießen Französisch und Niederländisch den gleichen amtlichen Stellenwert. Wer sich also in Belgien bewegt, wird unmittelbar mit mehreren Sprachen konfrontiert und muss verschiedene Sprachen zumindest verstehen, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Welche Vorteile hat die Mehrsprachigkeit und was sind vielleicht auch ihre Nachteile?

Von den Vorteilen der Mehrsprachigkeit scheinen in erster Linie vor allem Kinder und ältere Menschen zu profitieren. Gaston Dorren erklärte 2016 in der populärwissenschaftlichen Zeitschrift „Onze Taal“, dass sich bei mehrsprachigen Personen die ersten Symptome von Alzheimer im Durchschnitt erst vier Jahre später äußern als bei Personen, die nur einer Sprache mächtig sind. Mehrsprachige Kinder sind kreativer und fangen früher an zu lesen. Die Vorteile der Mehrsprachigkeit beschränken sich allerdings nicht nur auf diese Personengruppen. Einmal erlernte Sprachen bleiben auch im Erwachsenenalter von großem Vorteil, und Sprecher mehrerer Sprachen profitieren von zahlreichen kognitiven Vorteilen. Sie sind zum Beispiel besser in der Lage, wichtige von nebensächlichen Informationen zu unterscheiden. Mehrsprachigkeit fördert auch das Einfühlungsvermögen und die Konzentrationsspanne. Daneben weist Mehrsprachigkeit viele soziokulturelle Vorteile auf. Polyglotte, wie mehrsprachige Menschen auch genannt werden, haben Zugang zu Büchern in unterschiedlichsten Sprachen und können mit vielen anderen Menschen kommunizieren.

<p>Die Objekte zeigen, was es in verschiedenen Sprachen regnen kann. Im Englischen sind es zum Beispiel Katze und Hunde. Aus der Ausstellung „Babel heureuse – plus d’une langue“ von Barbara Cassin und Gilles Genot im Lëtzebuerg City Museum.</p>
Die Objekte zeigen, was es in verschiedenen Sprachen regnen kann. Im Englischen sind es zum Beispiel Katze und Hunde. Aus der Ausstellung „Babel heureuse – plus d’une langue“ von Barbara Cassin und Gilles Genot im Lëtzebuerg City Museum. | Foto: Anka Notermans

Andererseits befürchten Eltern und Lehrkräfte mehrsprachiger Kinder oft eine Lernschwäche infolge von Mehrsprachigkeit. Es besteht die Angst, dass sich die verschiedenen Sprachen gegenseitig im Weg stehen. Prof. Dr. Elma Blom (Universität Utrecht) betont jedoch, dass Lernschwächen nicht zwangsläufig auf Mehrsprachigkeit zurückzuführen sind. Sie stehen ihrer Forschung nach nämlich auch oft in Zusammenhang mit dem Bildungsniveau der Eltern. Falls die Lernschwäche aber tatsächlich auf die Mehrsprachigkeit zurückzuführen ist, holen die Kinder diese schnell auf und profitieren ab diesem Moment vor allem von Vorteilen im Vergleich zu ihren einsprachigen Mitschülern. Jedoch kann die Mehrsprachigkeit sich in bestimmten Fällen negativ auf das Gefühl der Zugehörigkeit und auf die Identität auswirken. Prof. Dr. Orhan Agirdag (KU Löwen) sagt sinngemäß: „Hirnzellen diskriminieren zwar nicht, aber unsere Gesellschaft tut das schon. Es scheint, als würden die Vorteile nicht für alle Sprachen gelten, sondern nur für Statussprachen wie Französisch, Englisch oder Deutsch.“ Wenn eine Sprache also keinen hohen Stellenwert genießt, können Personen das Gefühl bekommen, dass die Gesellschaft diese Sprache nicht wertschätzt, was zu Verunsicherung bei der mehrsprachigen Person führen kann.

Laut vielen Experten überwiegen die Vorteile der Mehrsprachigkeit – vor allem langfristig – allerdings ihre Nachteile. Bei mehrsprachigen Kindern ist zu beachten, dass sie in allen Sprachen gut unterrichtet werden, damit sie die Möglichkeit haben, die verschiedenen Sprachen gut zu entwickeln. Das macht diese Kinder dann zu unverzichtbaren Personen in unserer globalen Gesellschaft. Letztendlich profitieren nicht nur sie, sondern auch wir als gesamte Gesellschaft von ihrer Mehrsprachigkeit und ihren interkulturellen Kompetenzen.


Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Projektes „Media and Me“. Während drei Tagen erhalten Teilnehmer ab 16 Jahren unter anderem Einblicke in die Abläufe der GrenzEcho-Redaktion und erstellen journalistische Texte zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

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