Im Zentrum des Mehrteilers steht der 13-jährige Jamie Miller, der seine gleichaltrige Mitschülerin Katie tötet. Jamies romantisches Interesse an Katie wird von dieser nicht erwidert; seine Tat wird mit dieser Absage und der anschließenden Ausgrenzung begründet, die seine Gewalttat legitimieren soll. Eine Begründung, die tief in der Ideologie der „Incel Culture“ verwurzelt ist – und die auch in der Serie als solche benannt wird. Bei „Incels“ handelt es sich um Männer, die sich systematisch von Frauen abgewiesen sehen und demnach unfreiwillig im Zölibat leben. Der Begriff ist aus dem Englischen zusammengesetzt – aus „involuntary“ und „celibate“. Der vermeintliche Ursprung ihres Leidens wird dabei in einer liberalisierten und vom Feminismus geprägten Welt gesehen, in der Frauen sich von einem angeblichen Anrecht der Männer auf Sex emanzipiert haben – und somit von den Incels als Feindbild deklariert werden. Organisiert sind sie vor allem in Internetforen und auf Social-Media-Plattformen: In Form von Kommentaren und Postings werden frauenfeindliche Ideologien verbreitet.
Auch wenn es sich um kein neues Thema handelt, hat die aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Serie politisch Wellen geschlagen: In Großbritannien ließ Premierminister Keir Starmer veranlassen, die Serie in Schulen zu zeigen. Um möglichst vielen Jugendlichen Zugang zur Serie und der Thematik zu ermöglichen, wurde „Adolescence“ in Absprache mit dem Streaminganbieter Netflix kostenlos zur Verfügung gestellt, wie die BBC berichtet. Dass es sich dabei um einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung handelt, ist unbestreitbar. Dass schon im Kindesalter ein größerer Fokus auf die Stärkung der Medienkompetenz gelegt werden muss, ist unvermeidbar. Ob das allein aber ausreicht, um die ständig wachsende Flut an misogyner Hetze zu stoppen, bleibt fraglich. In Deutschland gibt es immer wieder Versuche, auch politisch gegen Frauenhass vorzugehen. 2021 ist das „Gesetz zur Verbesserung des Persönlichkeitsschutzes bei Bildaufnahmen“ in Kraft getreten. Demnach ist das bewusste Aufnehmen von Geschlechtsteilen und die damit verbundene Verletzung der Intimsphäre strafbar. Außerdem gab es im vergangenen Jahr eine Großrazzia in elf Bundesländern. Durchsucht und vernommen wurden dabei insgesamt 45 mutmaßliche Verfasser von misogynen Kommentaren und Postings im Internet.
Zwar werden Maßnahmen ergriffen, wenn es konkret um die Bekämpfung von Incel-Foren geht – doch ist die Resonanz ernüchternd. Im Fokus steht vor allem das Problem der unklaren Zuständigkeit der Behörden, wie auch der NDR in einer Recherche aufzeigt. Demnach ist laut Bundeskriminalamt (BKA) eigentlich das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) zuständig. Dieses gibt allerdings selbst auf Nachfrage an, die Incel-Bewegung derzeit nicht zu beobachten. Der Titel „Adolescence“ macht es deutlich: Besonders die „Adoleszenten“ – die vulnerablen Mitglieder der Gesellschaft – müssen möglichst früh aufgeklärt und in den Diskurs eingebunden werden. Dafür braucht es auf politischer Ebene konkrete Maßnahmen zur Förderung von Medienkompetenz an Schulen. Gleichzeitig müssen gerade Internetforen und der Zugang zu ihnen stärker reguliert werden.
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Projektes „Media and Me“. Während drei Tagen erhalten Teilnehmer ab 16 Jahren unter anderem Einblicke in die Abläufe der GrenzEcho-Redaktion und erstellen journalistische Texte zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

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