Ruanda gedenkt des Völkermords: „Niemals wieder“

<p>Zum Auftakt der Gedenkfeiern in Kigali entzündete Staatschef Paul Kagame (vorne, 2.v.l.) eine Flamme am Völkermord-Denkmal von Gisozi.</p>
Zum Auftakt der Gedenkfeiern in Kigali entzündete Staatschef Paul Kagame (vorne, 2.v.l.) eine Flamme am Völkermord-Denkmal von Gisozi. | Foto: belga

25 Jahre nach dem brutalen Völkermord in Ruanda hat das Land der mehr als 800.000 Opfer und der Überlebenden gedacht. „Die Geschichte wird sich nicht wiederholen“, versprach Präsident Paul Kagame am Sonntag bei der Gedenkveranstaltung in Kigali.

„Nicht nur wurden Körper zerstört, sondern auch die Idee von Ruanda selbst“, sagte der 61-Jährige, der maßgeblich zum Ende des Genozids 1994 beigetragen hatte. „Was hier passiert ist, wird niemals wieder passieren.“ Der Staatschef mahnte, dass Ruanda sich keine Selbstgefälligkeit leisten könne. „Das Leid, was wir durchlebt haben, sollte genug sein, um unseren Kampfgeist am Leben zu halten.“

Gäste aus aller Welt versammelten sich am Sonntag in Ruanda, um des 25. Jahrestags des Genozids zu gedenken. Angezettelt von der Hutu-Regierung und einer ihr nahe stehenden Miliz töteten Hutu damals bis zu einer Million Tutsi sowie gemäßigte Hutu - Freunde, Bekannte, Nachbarn, selbst Ehepartner und Kinder. Die Weltgemeinschaft schaute weitgehend weg. Erst als die im Exil von Tutsi gegründete Ruandische Patriotische Front (RPF) mit Kagame an der Spitze aus Uganda einmarschierte, wurde das Massaker beendet. Der Völkermord dauerte nur rund 100 Tage.

Kagame lobte, wie weit Ruanda seitdem gekommen sei. „25 Jahre später sind wir hier, alle zusammen. Verletzt und mit gebrochenen Herzen, ja, aber unbesiegt“, sagte der Staatschef. Auch warnte er jegliche Gegner im In- und Ausland, die sich mit Ruanda „anlegen“ wollten. „Niemand hat die Macht, Ruander jemals wieder gegeneinander aufzubringen.“ Die Ereignisse seien auch ein Zeichen der Hoffnung für die Welt. Denn das Land habe gezeigt: „Keine Gemeinde ist irreparabel.“

Seit dem Völkermord hat Ruanda eine bemerkenswerte Entwicklung durchlebt. Unter Kagame - der seit Ende des Genozids de facto, seit 2000 als Präsident an der Macht ist - hat das ostafrikanische Land Stabilität und großes Wirtschaftswachstum erlebt. Etliche Programme der Regierung und der Zivilgesellschaft haben die Versöhnung im Land vorangetrieben. Aber es werden auch Meinungsfreiheit, Oppositionsarbeit und die Zivilgesellschaft stark eingeschränkt. Die Behörden würden Regierungskritiker belästigen, unrechtmäßig festnehmen, sogar foltern, kritisiert etwa Human Rights Watch.

Im ganzen Land fanden am Sonntag Gedenkfeiern statt; auch in der kommenden Woche sind jeden Tag Veranstaltungen geplant.

Paul Kagame und seine Ehefrau Jeannette legten am Sonntagmorgen in der Völkermord-Gedenkstätte in Kigali Kränze nieder. Rund 250.000 Opfer liegen hier begraben. „Zeit kann niemals die dunkelsten Stunden unserer Geschichte ausradieren“, sagte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der an der Zeremonie teilnahm. „Es ist unsere Pflicht, uns zu erinnern.“

Ruanda war einst eine belgische Kolonie, bevor das Land 1962 seine Unabhängigkeit erlangte. Unter den Gästen der Gedenkfeierlichkeiten am Sonntag war auch Premier Charles Michel (MR). Belgien trage „einen Teil der Verantwortung“, sagte er.

Frankreichs Präsidentenpalast erklärte am Sonntag, der 7. April solle künftig als Gedenktag für den Völkermord begangen werden. Zuvor hatte Staatschef Emmanuel Macron eine Kommission berufen, um die Rolle Frankreichs bei dem Genozid untersuchen zu lassen. Frankreich wird immer wieder vorgeworfen, eine aktive oder passive Rolle bei der Vorbereitung und Ausführung des Genozids gespielt zu haben. Paris und Kigali hatten in der Vergangenheit zwischenzeitlich ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen. (dpa)

Hintergrund: Völkermord in Ruanda: 800.000 Tote, darunter 22 Belgier, in 100 Tagen

·Der Völkermord in Ruanda begann am 6. April 1994 dauerte bis Mitte Juli 1994. Die umfangreichen Gewalttaten kosteten circa 800.000 bis 1.000.000 Menschen das Leben, die niedrigsten Schätzungen gehen von mindestens 500.000 Toten aus. Auch 22 belgische Staatsangehörige, darunter zehn Soldaten, mussten ihr Leben lassen. In annähernd 100 Tagen töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu, die sich am Völkermord nicht beteiligten oder sich aktiv dagegen einsetzten. Die Täter kamen aus den Reihen der ruandischen Armee, der Präsidentengarde, der Nationalpolizei (Gendarmerie) und der Verwaltung. Zudem spielten die Milizen der Impuzamugambi sowie vor allem der Interahamwe eine besonders aktive Rolle. Auch weite Teile der Hutu-Zivilbevölkerung beteiligten sich am Völkermord. Der Genozid ereignete sich im Kontext eines langjährigen Konflikts zwischen der damaligen ruandischen Regierung und der Rebellenbewegung Ruandische Patriotische Front (RPF).

·Ausgelöst wurde der Genozid durch die Ermordung von Präsident Habyarimana. Die Dassault Falcon 50, mit der er am 6. April 1994 von einer Konferenz aus Daressalam zurückkehrte, wurde gegen 20:30 Uhr beim Landeanflug auf den Flughafen von Kigali abgeschossen. Wer für den Abschuss des Flugzeugs verantwortlich war, ist bis heute nicht bekannt. Häufig wird vermutet, dass extremistische Hutu die Maschine abgeschossen hätten, weil sie mit der Verhandlungsführung des Präsidenten und dem Verhandlungsergebnis von Arusha nicht einverstanden gewesen seien. Die gegenteilige Annahme lautet, die Täter stammten aus den Reihen der RPF um Paul Kagame. Sie hätten nach einer Möglichkeit gesucht, den Konflikt mit der Hutu-Regierung nicht per Kompromiss zu beenden, sondern per Bürgerkrieg endgültig zu ihren Gunsten zu entscheiden.

·Ungefähr 30 Minuten nach dem Attentat begannen in Kigali die Morde an oppositionellen Hutu, prominenten Tutsi und Befürwortern des Arusha-Friedensabkommens. Die Täter, allen voran Mitglieder der Präsidentengarde, gingen anhand von vorbereiteten Listen vor, spürten ihre Opfer in deren Häusern auf und brachten sie um. Zu den ersten Opfern gehörte Premierministerin Agathe Uwilingiyimana. Zehn belgische Friedenssoldaten, die zu ihrem Schutz abgestellt waren, wurden gefangen genommen und anschließend getötet.

·Die internationale Gemeinschaft reagierte auf den Ausbruch der Gewalt, indem sie Ausländer aus Ruanda ausflog. Französische und belgische Soldaten führten die entsprechenden Evakuierungsmaßnahmen durch. Die Zahl der stationierten Friedenssoldaten wurde, ausgelöst durch die Ermordung der zehn belgischen Blauhelme, drastisch reduziert. Die belgischen Soldaten wurden gänzlich abgezogen. Im Verlauf und im Nachgang der Ereignisse wurden die Vereinten Nationen (UN) und Staaten wie die USA, Großbritannien und Belgien wegen ihrer Untätigkeit kritisiert. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, aus welchen Gründen eine frühzeitige humanitäre Intervention nicht erfolgte, beziehungsweise warum die vor Ort stationierten Friedenstruppen bei Ausbruch der Gewalt nicht gestärkt, sondern verkleinert wurden. Gegen Frankreich wurde überdies der Vorwurf erhoben, sich an den Verbrechen beteiligt zu haben.

·Der französische Staatschef Emmanuel Macron hat kurz vor dem 25. Jahrestag eine Kommission berufen, um die Rolle Frankreichs bei dem Genozid untersuchen zu lassen. Die Expertengruppe werde die Aufgabe haben, sich alle französischen Archive von 1990 bis 1994 in Bezug auf den Völkermord anzuschauen, teilte der Präsidentenpalast am Freitag mit. Demnach soll die Kommission, bestehend aus acht Forschern und Historikern, die Rolle Frankreichs während dieser Zeit analysieren und zu einem besseren Verständnis des Völkermords beitragen. Innerhalb von zwei Jahren müssten die Experten ihren Bericht abgeben.

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