Als Han Kang die feierliche Nachricht erhielt, saß sie gerade am Abendtisch mit ihrem Sohn. Die frohe Kunde treffe sie gänzlich unerwartet, schilderte die 53-Jährige dem Akademiesprecher Mats Malm am Telefon. Mit dem beschaulichen Leben in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul dürfte es für sie vorerst vorbei sein: Mit dem Gewinn des Literaturnobelpreises steigt die Autorin endgültig zur populärsten Autorin ihres Heimatlandes auf.
Geboren wurde sie in der südlichen Stadt Gwangju, mit neun Jahren bereits zog die Familie in die Hauptstadt Seoul. Han wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, ihre Jugend war geprägt von etlichen Umzügen und Schulwechseln. Die einzige Konstante in jener Zeit, das erzählt sie später in Interviews, waren die Bücher. Ihr Vater, der 1939 geborene Han Seung-won, ist ebenfalls Autor. Tagsüber unterrichtete er als Lehrer, abends saß er laut Han bis tief in die Nacht vor seiner Schreibmaschine.
In Seoul besuchte Han Kang schließlich die renommierte Yonsei Universität, wo sie koreanische Literatur studierte. Erste Gedichtspublikationen folgten Anfang der 90er Jahre, später wandte sie sich der Prosa zu. Zehn Jahre unterrichtete sie Kreatives Schreiben am Seoul Institute of the Arts, seither lebt sie als freie Schriftstellerin in der südkoreanischen Hauptstadt.
Booker Literaturpreis für „Die Vegetarierin“
Han Kang gilt insbesondere im Ausland als literarische Stimme Südkoreas. Ihren Durchbruch schaffte die 53-Jährige mit „Die Vegetarierin“, der Roman erhielt 2016 den renommierten Booker Preis für die englische Übersetzung. In dem Werk, das bereits 2007 in Südkorea erschien, geht es um die beklemmende Geschichte einer Frau, die eines Tages überraschend beschließt, kein Fleisch mehr zu essen – und mit ihrer Entscheidung sowohl von ihrem Ehemann als auch ihrem autoritären Vater gewaltsam zurückgewiesen wird. Die Protagonistin wird schlussendlich magersüchtig, durchlebt Psychose-artige Zustände und träumt von einer Existenz als Pflanze. Auf Deutsch ist das Buch im Aufbau Verlag erschienen.
„Mich interessieren Frauen, die innerlich schreien, bersten, aufbegehren“, sagte Han einst dem Schweizer Onlinemagazin „Republik“. Von der Kritik wurde das dreiteilige Familiendrama „Die Vegetarierin“ begeistert aufgenommen.
Ihr Werk behandelt oftmals dunkle Themen. Es geht um Schmerzerfahrungen, Traumata und psychische Grenzerfahrungen. Nicht selten zeichnet Han Kang in ihren Romanen ein kritisches Bild der patriarchal geprägten Gesellschaft ihres Heimatlandes und ihrer turbulenten Geschichte.
Traumatisches Erlebnis in Kindheit prägt ihr Werk
Wie sie im Nachwort eines ihrer Romane schilderte, entdeckte sie einst als Kind im Arbeitszimmer ihres Vaters ein Bildband, das verkehrt herum im Regal stand. Neugierig zog sie das Buch heraus und entdeckte darin ein Foto, das sie zutiefst erschütterte: Darauf war ein junges Mädchen zu sehen, dessen Gesicht von einem Bajonett aufgeschlitzt worden war. Das historische Dokument handelte von der Demokratiebewegung in ihrer Heimatstadt Gwangju, die 1980 blutig vom südkoreanischen Militär niedergeschlagen wurde. Jenes Foto hat Han Kang zutiefst geprägt.
Auch in ihrem literarischen Werk sollte das kollektive Trauma von Gwangju Eingang finden. Im 2014 in Südkorea erschienenen „Sonyeoni onda“ („Menschenwerk“) schilderte sie das brutale Massaker gegen die Studentenbewegung. „Was Menschen zur Gewalt treibt, hat mich schon in meiner Kindheit interessiert“, sagte sie einmal in einem Interview mit dem Magazin „Frankfurter Allgemeine Quarterly“.
Wann immer Han Kang öffentlich auftritt, beeindruckt ihre intensive, einnehmende Aura. Dabei ist ihr Äußeres meist unscheinbar, ihre Kleidung stets grau oder schwarz gedeckt. Während Interviews spricht die Schriftstellerin leise, geradezu flüsternd. Sie lässt lange Pausen vor ihren Antworten, wählt ihre Worte mit Bedacht.
„Schreiben ist auch mein Glück“
In ihrem Heimatland gilt Han Kang seit Jahren bereits als am meisten gelesene Autorin. Etliche heimische Literaturpreise konnte sie gewinnen, darunter 1999 den Korean Novel Award.
Ende der Nullerjahre hatte Han mit einer Schreibblockade zu kämpfen, die sie wie aus dem Nichts ereilte, und die sie nur mit meditativer Geduld überwinden konnte. Es wirkt, als ob sie in ihrem Werk oft um Worte ringen muss. Dennoch sagt sie über ihre Existenz als Schriftstellerin: „Schreiben ist auch mein Glück“.

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