„Ergriffen und beeindruckt“: Dechant Schmitz spricht zu Franziskus

Das Programm des Papstes begann am Samstag zu früher Stunde. In der Nuntiatur, wo er während des Besuchs wohnt, zelebrierte er eine Messe und empfing anschließend hohe Vertreter von EU-Behörden. Bevor er nach Koekelberg fuhr, besuchte er in der Kirche von Saint-Gilles (Brüssel) einen Verein, der sich wochentags um benachteiligte Menschen, vor allem Obdachlose, kümmert. Bei einem von der Pfarrei organisierten Frühstück für Benachteiligte unterhielt sich Franziskus eine halbe Stunde lang mit einigen Menschen. Dieser Besuch war nicht Teil des offiziellen Programms. Ebenfalls privater Natur war der Besuch der Königlichen Krypta in Laeken zusammen mit König Philippe, Königin Mathilde und König Albert II.

<p>Der Papst teilt in Saint-Gilles das Frühstück mit benachteiligten Menschen.</p>
Der Papst teilt in Saint-Gilles das Frühstück mit benachteiligten Menschen. | Foto: afp

Vor der Basilika von Koekelberg, der fünftgrößten Kirche weltweit, wurde das Oberhaupt der katholischen Kirche von zahlreichen Menschen gegrüßt. In dem voll besetzten Gotteshaus traf er unter anderem mit Bischöfen, Priestern und anderen Vertretern der Kirche zusammen. Sechs Personen wandten sich kurz an den Papst: ein Priester, ein Pastoralreferent, ein Theologe, ein Ordensmann, ein Gefängnisseelsorger und ein Verantwortlicher für den Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche. Auf deren spezifische Fragen ging Franziskus im Anschluss ein.

Im Namen aller belgischen Priester sprach der Eupener Dechant Helmut Schmitz (auf Deutsch). Hier der Wortlaut seiner Grußrede:

Lieber Papst Franziskus

Es ist mir eine große Ehre und Freude zugleich, auch im Namen meiner Mitbrüder einige Worte an Sie zu richten. Ich heiße Helmut Schmitz und bin als ältestes von sieben Kindern in einer Bäckerfamilie in Eupen aufgewachsen. Seit meiner Jugend bin ich mit Charles de Foucauld Gemeinschaften unterwegs. Die ersten 15 Jahre meines priesterlichen Dienstes habe ich in Louvain-la-Neuve verbracht, jetzt bin ich seit 23 Jahren Pfarrer und Dechant in Eupen-Kelmis.

Die Pfarrer, aber auch die Gläubigen stehen wegen der veränderten Pfarrstrukturen vor immer größeren Herausforderungen. Dennoch macht es den meisten meiner Mitbrüder und mir weiterhin große Freude, im Namen Christi mit Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten Freud und Leid zu teilen und mit ihnen die Nähe des barmherzigen Gottes zu feiern. In Zeiten großer Unsicherheit wollen wir – wie Don Bosco sagte – „Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen“.

In diesem Sinne danken wir Ihnen, lieber Papst Franziskus, für die Einladung zum synodalen Weg, den wir seit zwei, drei Jahren mit unseren Gemeinden beschreiten und der so manche neue Energie in unserer alten Kirche freisetzt. Auf diesem Weg wollen wir gemeinsam mit allen Menschen guten Willens unseren Beitrag zu einer friedlichen, gerechten Gesellschaft leisten und so immer besser Kirche Jesu Christi werden.

Meine Frage: Wie kann ein Pfarrer Ihrer Meinung nach seine Gemeinde am besten auf diesem Weg mitnehmen? Welches ist seine ureigene Rolle dabei?

Herzlichen Dank für Ihren Besuch und Ihre mutmachenden Gesten und Worte.

 

Franziskus: „Mut zu einer kirchlichen Umkehr“

Papst Franziskus plädierte in seiner Ansprache – auf Italienisch – für drei zentrale Werte, um die sich die Kirche bewegen sollte: Evangelisierung, Freude und Barmherzigkeit. Das Christentum, so der Kirchenvater, befinde sich derzeit in einer Minderheitenposition, und genau dieser Kontext verlange von den Priestern Mut. Dabei riet er den Gläubigen, sich nicht um Reformen zu sorgen, die „in“ sind, sondern sich eine Frage zu stellen: „Wie können wir das Evangelium in eine dem Glauben entfremdete Gesellschaft bringen?“ Wörtlich sagte Franziskus: „Wir haben uns von einem Christentum, das in einem gastlichen gesellschaftlichen Rahmen angesiedelt war, zu einem „Minderheitschristentum“, oder besser, zu einem Christentum des Zeugnisses entwickelt. Dies erfordert den Mut zu einer kirchlichen Umkehr, um jene pastoralen Transformationsprozesse in Gang zu setzen, die auch die Gewohnheiten, die Stile, die Ausdrucksweisen des Glaubens betreffen, damit sie wirklich im Dienst der Evangelisierung stehen. Ich möchte Helmut sagen: Dieser Mut wird auch von den Priestern verlangt. Priester zu sein, die nicht einfach ein Erbe aus der Vergangenheit bewahren oder verwalten, sondern Seelsorger, die Jesus Christus lieben und die darauf achten, die – oft impliziten – Fragen des Evangeliums zu erfassen, während sie mit dem heiligen Volk Gottes gehen, ein bisschen an der Spitze, ein bisschen in der Mitte und ein bisschen am Schluss.“

Helmut Schmitz beeindruckt und ergriffen

Er sei sehr ergriffen, aber auch nervös gewesen, als er zum Papst sprechen durfte, bezeugt uns der Eupener Dechant. „Als Erster das Wort zu ergreifen, war schon etwas stressig, aber das Ganze war sehr beeindruckend – auch die Antwort des Papstes, zumal er dabei die sechs Redner direkt mit ihrem Namen ansprach.“ Die Gelegenheit, im Namen aller belgischen Priester und auf Deutsch vor dem Kirchenoberhaupt zu sprechen, wertet Helmut Schmitz als „ehrenvolle Aufgabe“ und als „Geste von Erzbischof Luc Terlinden an die Adresse der Deutschsprachigen Gemeinschaft“. Nach der Rede gab der Dechant die Hand des aus Argentinien stammenden Pontifex und bedankte sich auf Spanisch: „Muchas gracias“ – worauf Franziskus mit „Gracias a te“ antwortete. „Ich danke ihm, er dankt mir – da kommt die ganze Menschlichkeit des Papstes zum Ausdruck“, so Helmut Schmitz, der an Franziskus besonders schätzt, dass er Taten auf Worte folgen lässt und, wie er beim Verlassen der Basilika zeigte, in erster Linie auf die Menschen zugeht, die am Rande der Gesellschaft stehen.

„Missbrauch verursacht furchtbares Leid.“

Unter den sechs Zeugnissen, die vorgetragen wurden, befand sich auch das von Mia De Schamphelaere, ehemalige Parlamentarierin und heute Koordinatorin der niederländischsprachigen Anlaufstelle für Missbrauchsopfer in der Kirche. „Uns wurde die Möglichkeit gegeben, Wut und Trauer in konkrete Hilfe umzuwandeln“, wandte sie sich an den Papst. „Wir bieten den Opfern einen sicheren Ort, um über ihr Leid zu sprechen. Wir hören ihnen mit einem offenen Ohr und einem offenen Herzen zu und begleiten sie auf dem Weg der Anerkennung und Genesung“, so De Schamphelaere, die ebenfalls mit einigen Fragen an den Papst schloss: „Wie kann die Kirche die Wunden der Überlebenden sehen, anerkennen und daraus lernen? Wie kann jede Autorität ausgewogen bleiben und jede Politik transparent werden?“ Der Pontifex bedankte sich für die „großartige Arbeit“ der Anlaufstelle, „um Wut und Schmerz in Hilfe, Nähe und Mitgefühl zu verwandeln“. „Missbrauch verursacht furchtbares Leid und Wunden und bedroht auch den Glaubensweg“, führte er aus. „Und es braucht sehr viel Barmherzigkeit, so dass wir nicht mit einem Herz aus Stein vor dem Leid der Opfer verharren; damit wir ihnen unsere Nähe zeigen und ihnen jede mögliche Hilfe anbieten können. Denn eine Wurzel der Gewalt liegt im Missbrauch von Macht, wenn wir die Funktionen, die wir innehaben, dazu benutzen, andere zu erdrücken oder zu manipulieren.“ Der Weg zur Anerkennung und Wiedergutmachung ist genau das, womit sehr viele Missbrauchsopfer in der Kirche nicht zufrieden waren und sind.

<p>Vor der Basilika Koekelberg jubeln Zaungäste dem Papst in seinem weißen Fiat 500 zu.</p>
Vor der Basilika Koekelberg jubeln Zaungäste dem Papst in seinem weißen Fiat 500 zu. | Foto: belga

Besuch an der Universität in Neu-Löwen

Im Nachmittag, um 16.30 Uhr, wird das Oberhaupt der katholischen Kirche in der Universitätsstadt Neu-Löwen erwartet. Dort wird er in der Aula Magna mit Studenten und Professoren zusammentreffen. Sie werden über den Wandel in der Gesellschaft, unter anderem über Klima und soziale Ungleichheit, sprechen. Die Rektorin der UC Louvain, Françoise Smets, wird anschließend eine Rede zu diesem Thema halten. Auch Papst Franziskus wird zu den Anwesenden sprechen. Gegen 17.30 Uhr erscheint der Pontifex auf dem Balkon der Aula und erhält als Geschenk eine Studentenkappe (Calotte). Ab 17.45 Uhr kann die (angemeldete) Öffentlichkeit dem Kirchenoberhaupt (im Golfwagen) auf dem Parkplatz der Aula Magna zujubeln, wie es im Programm heißt.

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