Xabi Alonso versammelte vor dem Saisonstart noch einmal alle drei Trophäen um sich. Stolz posierte der Trainer von Bayer Leverkusen mit der Meisterschale, dem DFB-Pokal und dem jüngsten Neuzugang Supercup, dann war die Traum-Saison endgültig abgehakt. „Es war wirklich schön“, sagte Alonso, „aber Fußball ist Gegenwart und Zukunft. Jetzt geht es wieder bei null los.“
Und das in einer völlig neuen Rolle: Wenn die Werkself am Freitag bei Borussia Mönchengladbach erstmals als Meister eine Saison eröffnet, sind Alonso und Co. plötzlich die Gejagten. Und in einer Art Beweispflicht: War das alles nur Zufall? Oder kann Leverkusen den Titel sogar erfolgreich verteidigen, was in 61 Jahren Bundesliga nur vier Klubs gelang?
Im Rheinland gibt es für Bayers Ausgangslage ein Sprichwort: „Einmal ist keinmal, zweimal ist Tradition“. Der Auftakt im ausverkauften Borussia-Park wird zumindest erste Aufschlüsse geben, wohin die Reise geht. Seit 2002 eröffnet der Meister offiziell die Saison, noch nie kassierte er dabei eine Niederlage. Eine Serie, die Bayer nun fortsetzen will.
Und nicht nur diese: Leverkusen blieb 2023/24 zwar als erster Klub eine komplette Saison ungeschlagen, 34 Spiele ohne Niederlage sind aber längst nicht das höchste der Gefühle. Bayern München blieb von November 2012 bis April 2014 in 53 Bundesligaspielen ungeschlagen, sogar der Hamburger SV (36 Partien) hat eine längere Serie zu bieten.
Zunächst aber gilt es, der von den entthronten Bayern angeführten Konkurrenz zum Auftakt ein Signal zu senden. So wie am vergangenen Wochenende mit dem Supercup-Sieg gegen Vizemeister VfB Stuttgart in Unterzahl. „Der Spirit ist zurück“, sagte Meistermacher Alonso, zumal sein Team einmal mehr einen Rückstand umbog: „Es war wichtig, diesen Glauben zu zeigen.“
Es war eine erste Warnung auch an die Bayern, die erstmals seit zwölf Jahren beim Eröffnungsspiel nur Zuschauer sind. Es habe sich gezeigt, „dass wir diesen Hunger nicht verloren haben“, so Alonso. Auch in der Liga werde es darum gehen, betonte Antreiber Robert Andrich, „dass uns jedes Team schlagen will“. Leverkusen tue „gut daran, demütig zu bleiben“.
Ein guter Start käme da gerade recht. So wie vor einem Jahr, als ein 3:2 gegen RB Leipzig den Grundstein für die Traumsaison legte. Eine Woche später folgte ein souveränes 3:0 in Gladbach, die Borussia ist also gewarnt. Doch es geht auch anders. Das Rückspiel (0:0) war Leverkusens einziges Saisonspiel ohne eigenes Tor. Und: Auch 2016 und 2018 startete Bayer im Borussia-Park – und verlor jeweils.
Kein Wunder, dass sich die Borussia nicht chancenlos sieht. „Zu Saisonbeginn brauchen Mannschaften immer ein bisschen, bis sie in den Flow kommen. Vielleicht liegt da unsere Chance“, sagt Roland Virkus. Meister werde am Ende aber wieder Bayer Leverkusen, da ist sich Gladbachs Sport-Geschäftsführer fast sicher, weil „sie ihren Kader kaum verändert“ haben.
Die Vorfreude auf den Auftakt bei den „Fohlen“ ist riesengroß. Vor vier Jahren war hier noch die Champions League zu Gast, seither geht es bergab am flachen Niederrhein: Nach Platz vier in der Saison 2019-20 folgten die Ränge acht, zehn, zehn und 14 in der Abschlusstabelle. Auch die Punkteausbeute sinkt von Jahr zu Jahr, von 65 auf nur noch 34 – weniger waren es zuletzt 2008/09. Die fetten Jahre sind vorbei.
Ein Trend, den Virkus stoppen will. „Der 14. Tabellenplatz kann nicht unser Anspruch sein. Ein Klub wie Borussia Mönchengladbach gehört in die erste Tabellenhälfte“, sagt der Nachfolger von Max Eberl. Seine Hoffnung: „Unsere Jungs wollen allen beweisen, dass sie besser sind.“
Das gilt auch für Gerardo Seoane. Dreimal in Folge startete die Borussia zuletzt mit einem neuen Trainer in die Saison, weil Marco Rose, Adi Hütter und Daniel Farke gingen oder gehen mussten. Seoane durfte trotz der jüngsten Abstiegssorgen bleiben. „Weil er der richtige Trainer für uns ist! Das zeigt nicht zuletzt sein Commitment für unseren Weg“, sagt Virkus: „Der Weg der Borussia ist immer, junge Spieler zu integrieren, sie zu entwickeln. Das hat er gezeigt.“
Bei vielen Buchmachern wird Seoane dennoch als erste Trainerentlassung gehandelt. Der Schweizer kann damit vor dem Wiedersehen mit seinem Ex-Klub gut leben. „An dem Tag, an dem du dich entscheidest, diesen Beruf auszuüben, weißt du: Wir alle sitzen auf einem Stuhl mit einem roten Knopf“, sagte er zuletzt dem kicker. In Gladbach spüre er aber das Vertrauen. Und Leverkusen? Die Gladbacher wollen den Meister zumindest „ein bisschen ärgern.“ (sid/leo)

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