Zum Abschluss wurde es allerdings noch einmal richtig spannend: Mit 121 Punkten Vorsprung auf die Engländerin Katarina Johnson-Thompson ging Thiam auf die abschließenden 800 Meter, das entspricht genau 8,2 Sekunden Vorsprung. Die Britin flitzte gleich los und erlief sich schnell einen kleinen Vorsprung auf die Belgierin.
Dann die Schrecksekunde nach 200 Meter: Thiam stolperte auf der regennassen Laufbahn, konnte aber weiterlaufen. Auch wenn Johnson-Thompson vorne hinter der klar führenden Anna Hall (USA) mächtig Dampf machte – die acht Sekunden holte sie nicht mehr auf. Nafi Thiam, bei der es phasenweise wirkte, als würde sie nach dem Stolperer nicht „ganz rund“ laufen, ließ sich von der starken Konkurrenz zu einer neuen persönlichen Bestzeit treiben (Steigerung um über eine Sekunde), biss sich durch – und holte erneut Gold. 6.880 Punkte sammelte die 29-Jährige Namurerin. Johnson-Thompson kam auf 6.844 Punkte.

„Das ist verrückt“, staunte das „Goldkind“: „Jeder Olympiasieg war anders. Diesmal ist es ganz besonders, diesen Erfolg vor den Augen meiner Familie und meiner Freunde zu feiern. Ich habe wirklich bis ganz zum Ende kämpfen müssen, das war ein richtiger Wettstreit. Ich bin sehr stolz, drei Goldmedaillen gewonnen zu haben.“
Dahinter jubelte die laufstarke Noor Vidts mit 6.707 Punkten als Dritte. Erwartungsgemäß holte sie die fünf Punkte Rückstand auf die Schweizerin Annik Kälin mühelos auf und wies am Ende 68 Vorsprung auf die Viertplatzierte auf.

Ausschlaggebend für den erneuten Olympiasieg war allerdings nicht ihre Paradedisziplin Hochsprung. Zwar gewann Thiam die zweite Disziplin, allerdings lediglich aufgrund der geringeren Anzahl an Fehlversuchen gegenüber der überraschend starken Johnson-Thompson. Beide übersprangen 1,92 Meter, beide scheiterten an 1,95 Metern. Zwar gewann Thiam das Kugelstoßen und übernahm die Gesamtführung, musste diese aber nach dem 200-Meter-Lauf, mit dem der ersten Wettkampftag endete, wieder an die Britin abgeben.
Mit 48 Punkten Rückstand auf Johnson-Thompson startete die 29-Jährige in den zweiten Tag. Die erste Disziplin brachte nur eine geringfügige Verbesserung: Mit 6,41 Metern sprang Thiam nur einen Zentimeter weiter als Johnson-Thompson und machte damit ganze drei Punkte gut.

Die Vorentscheidung zu Gunsten der Europameisterin fiel im Speerwurf. Zwar erreichte Johnson-Thompson mit 45,49 Metern eine neue Saisonbestleistung, doch Thiam, die regelmäßig über 50 Meter wirft, konterte gleich im ersten von drei Versuchen mit 54,04 Metern – ebenfalls eine Saisonbestleistung. Damit machte Thiam 166 Punkte gut und übernahm wieder die Gesamtführung. 121 Punkte Vorsprung waren ein gutes Polster, aber eines, das verteidigt werden musste.
Das wusste Thiam und kämpfte sich tapfer ins Ziel. Nachdem Johnson-Thompson die Ziellinie überquert hatte, begann das Zählen. Vier, fünf, sechs – dann war auch Thiam im Ziel und fiel vollkommen erschöpft zu Boden. Wissend, dass sie mit ihrer dritten Goldmedaille hintereinander Unglaubliches geschafft hatte.

Und das nach einer langen Leidenszeit mit verschiedenen Verletzungen. Thiam ging ein hohes Risiko ein, kurierte sich erst richtig aus. Spät qualifizierte sie sich für Olympia. Der Europameistertitel vor wenigen Wochen war ein erster Fingerzeig, wohin die Reise bei Olympia gehen sollte.
„An der Form muss noch gefeilt werden, und da sind 6.850 Punkte für einen ersten Wettkampf einfach sehr gut. Darauf kann ich aufbauen. Das gibt auch Selbstvertrauen. Ich bin sicher, dass ich mich in Paris noch steigern kann“, meinte Thiam nach ihrem Coup Anfang Juni in Rom, als sie die Olympia-Norm erfüllte und gleichzeitig Europameisterin wurde. Die Steigerung in Paris fiel mit 30 Punkten gar nicht so deutlich aus, was auch am etwas enttäuschenden Hochsprung-Ergebnis lag.

Noor Vidts lässt die persönlichen Bestleistungen purzeln.
Noor Vidts, die ohne große Ambitionen nach Paris gekommen war, lieferte einen Wettkampf der Extraklasse ab. Persönliche Bestleistungen über die 100 Meter Hürden und im Speerwurf, in dem sie sich gleich dreimal bis auf 45,00 Meter im dritten Versuch verbesserte, waren der Garant dafür, dass die 28-Jährige bis zum Schluss um die Medaillen mitkämpfte. Und als sich die Chance bot, schlug die zweifache Hallen-Weltmeisterin im Fünfkampf (2022, 2o24) zu, lief auch über die 800 Meter eine neue persönliche Bestzeit, beendete die 800 Meter auf dem vierten Platz und holte letztendlich die Bronzemedaille. 2021 hatte sich Vidts in Tokio mit dem undankbaren vierten Platz begnügen müssen, nun sorgte sie gemeinsam mit Thiam für einen weiteren Medaillenabend im Siebenkampf.



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