Eigentlich sollte die rot-weiß gestreifte Rakete schon von der Nordsee aus starten, nun lagert sie in einer alten Industriehalle in Aachen. Studenten haben den 3,60 Meter langen Flugkörper namens „Aquila Maris“ (Adler des Meeres) konstruiert und gebaut. Diesen Sommer sollte es hoch hinausgehen - kurzfristig wurde der Start verschoben. „Wir sind alle ziemlich enttäuscht“, kommentiert Teamleiter Lukas Freiheit die Absage.
22 Studenten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) und der Fachhochschule Aachen bilden das Team „Aquila Maris“. Sie haben eine von mehreren Raketen für das Konsortium German Offshore Spaceport Alliance (Gosa) gebaut, dem mehrere Bremer Firmen angehören. Die Vision von Gosa: ein Weltraumbahnhof auf dem Wasser. Dann hätte Deutschland einen eigenen Zugang zum All.
Deutschland soll keinen Weltraumbahnhof wie Cape Canaveral in den USA oder Baikonur in Kasachstan bekommen. Geplant ist eine schwimmende Startplattform, ein Spezialschiff mit Startrampe. Heimathafen des Schiffs soll Bremerhaven sein. Künftig sollen europäische Microlauncher - das sind Mini-Raketen - von der schwimmenden Plattform aus starten und Satelliten in den Weltraum transportieren. Der Startpunkt befindet sich im sogenannten Entenschnabel der Ausschließlichen Deutschen Wirtschaftszone, in der Deutschland noch bestimmte Hoheitsrechte hat.
Die Testphase wurde schon mehrfach verschoben.
Die Initiative für das Vorhaben startete der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bei seinem ersten Weltraumkongress vor mehr als vier Jahren. In einer Erklärung damals hieß es, die zunehmende Kommerzialisierung der Raumfahrt, New Space genannt, sei eine große Chance auch für Deutschland. Bevor es so weit ist, muss erst mal ausprobiert werden. Die Testphase wurde schon mehrfach verschoben, diesen Sommer sollte es endlich losgehen. Ende Juni dann die Hiobsbotschaft: Der Raketenstart von einer mobilen Plattform in der Nordsee muss abermals verschoben werden. An der Technik hapere es nicht, versicherte eine Sprecherin des beteiligten Bremer Raumfahrtunternehmens OHB. Vielmehr fehlten noch Unterlagen von den Behörden. Für nächstes Jahr ist ein neuer Versuch geplant.
Angedacht ist zunächst eine sogenannte suborbitale Demo-Mission. Suborbital bedeutet, dass die Erdumlaufbahn nicht erreicht wird. Die Studenten-Rakete sollte bei dem Probeflug beispielsweise mit zweifacher Schallgeschwindigkeit von einem Schiff aus starten, zehn Kilometer hoch fliegen und anschließend im Meer landen. Schwimmflügel sollten den Flugkörper vor dem Versinken bewahren und ein GPS-Signal das Wiederfinden ermöglichen. So zumindest der ursprüngliche Plan. „Es ist total blöd, nach einem Jahr Arbeit mit 20 Leuten die fertige Rakete nicht zu starten“, beschreibt Freiheit den Gemütszustand der jungen Raketenbauer. Gemeinsam mit seinem Kommilitonen Johann Schepke hat er die Leitung inne. Ihr Team ist Teil eines 2019 von Studenten gegründeten Vereins, der schon mehrere Raketen gebaut hat. „Wir haben auch alle keine Ahnung, wir probieren es aus“, sagt Schepke.

Große Angst vorm Scheitern scheinen die jungen Entwickler nicht zu haben, die sich später auf Luft- und Raumfahrt spezialisieren wollen. In ihrem Co-Working-Space herrscht ein ständiges Hin und Her zwischen Werkstatt und Büro. In einer Ecke stehen ein Kickertisch und Packungen mit Saft - und dazwischen die Rakete „Aquila Maris“, die nun erst mal nicht abheben darf. Der Flugkörper könne nur im Sommer von der See aus starten, in der kalten Jahreszeit sei das Meer zu rau, erklärt Freiheit. Die nächste Startmöglichkeit komme erst in einem Jahr. Das Team möchte sich die Option, wieder mitzumachen, noch offenlassen. „Wir bräuchten eine Bestätigung von Gosa, dass wir dabei sind“, sagt der Maschinenbaustudent. Das Konsortium äußert sich bislang nicht dazu, nennt auch sonst keine Details zu den Plänen für nächstes Jahr. Gosa zahle den Raketenbauern nichts, sagt Freiheit. Die Kosten von 8.000 Euro tragen die RWTH Aachen und Sponsoren. Sorgen bereite ihnen jetzt eine zweckgebundene Spende über 3.000 Euro, die die Studenten für den Start der selbst entwickelten Rakete im Rahmen der Demo-Mission erhalten haben. Da der Zweck nicht erfüllt worden sei, werde der Betrag wohl zurückgefordert werden, befürchtet der 21-Jährige.
Vielleicht können die Studenten ihre Konstruktion 2025 weitab von besiedeltem Gebiet abheben lassen. Der Flug wäre dann eine Probe für den Computer, den eine andere Studentengruppe mit der Deutschen Agentur für Luft- und Raumfahrt (DLR) konstruiert hat. Wenn die Rakete erst einmal in der Luft ist, haben die Konstrukteure keine Kontrolle mehr. Die Abläufe müssen dann stimmen, unter anderem dafür, dass die Fallschirme sich zum richtigen Zeitpunkt öffnen. „Wir tun unser Bestes, aber man muss immer noch ein bisschen hoffen“, sagt Johann Schepke und lacht.
Das Studium läuft für die Raketenbauer zeitweise nur nebenbei. Das Team arbeitet eigenständig, ohne Professoren. Sie wollten die studentische Freiheit nutzen, um früh Dinge auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln, meint Lukas Freiheit. „Bei uns geht das viel einfacher und mit viel weniger Druck als später im Job.“ Als Nächstes werde das Team erst einmal „Klausuren schreiben und den Sommer genießen“. (dpa/arco)

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