2016 wurde van de Velde schuldig gesprochen und zu vier Jahren Haft verurteilt, nachdem er 2014 eine Minderjährige vergewaltigt hatte. Der damals 19-jährige Niederländer flog nach England und besuchte in Milton Keynes ein zwölfjähriges Mädchen, als ihre Mutter nicht zu Hause war. Das Treffen wurde über Facebook arrangiert. Zuerst erfolgte ein Kontaktabbruch, als das Mädchen gestand, zwölf anstatt 16 Jahre alt zu sein. Kurze Zeit später kam es durch van de Velde nicht nur wieder zur Kontaktaufnahme, sondern auch zur Tat. Er verabreichte dem Mädchen Alkohol und vergewaltigte sie dreifach.
Insgesamt war van de Velde nur 13 Monate in Haft. Das erste Jahr verbrachte er in England im Gefängnis. Anschließend durfte er nach Vereinbarung mit der niederländischen Justiz in sein Heimatland zurückkehren. Dort wurde seine Haftzeit an die niederländische Rechtsprechung angepasst. Im Gegensatz zum englischen Recht wird in den Niederlanden Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen als „Unzucht“ betrachtet.
Ein Jahr nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hatte, nahm der Beachvolleyballer gemeinsam mit seinem damaligen Teampartner Dirk Bohlé an internationalen Turnieren teil und gehört seitdem zu den besten Beachvolleyballern des Landes. Er führte auch ein ausführliches Interview mit der niederländischen Rundfunkanstalt NOS. Dabei erklärte van de Velde, dass er seine Tat bedauere und es als „größten Fehler seines Lebens“ betrachte.
Nun tritt der 29-Jährige nach mehr als sieben Jahren Haftentlassung gemeinsam mit Teampartner Matthew Immers bei den olympischen Spielen in Paris an. Der niederländische Volleyballverband nominierte van de Velde aufgrund seiner sportlichen Leistung. Diese erklärten aber auch in einer Verkündigung, dass es sich hinter der Qualifikation um eine besondere Geschichte handle. Schließlich kam es erst seit April 2024 zu einer Entstehung des Teams.
Eine öffentliche Empörung erfolgte mit der Veröffentlichung der Olympia-Teams für Beachvolleyball. Daraus resultierte eine Online-Petition mit der Forderung, dass der verurteilte Straftäter disqualifiziert wird. Die von einer Frau aus den USA gestartete Petition richtet sich an das Internationale Olympische Komitee (IOC). Während am Dienstagvormittag (02.07.2024) über 5.000 Unterschriften gezählt wurden, kamen bereits einen Tag später (03.07.2024) mehr als 17.000 Unterschriften zusammen.
Dem niederländischen Volleyballverband war bewusst, dass die Nominierung auch international für große Aufmerksamkeit sorgen würde. Sie erklärten, dass sich van de Velde nach der Entlassung aus der Haft professionelle Hilfe gesucht habe und sich „einsichtig und reflektiert“ verhalten habe. Zudem haben Einschätzungen eines Gutachters ergeben, dass die Rückfälligkeitsrate „bei null“ liegt.
Zuspruch erhält van de Velde auch von Michel Everaert, Generaldirektor des niederländischen Volleyballverbandes. Dieser betont den vorbildlichen Charakter, den der Beachvolleyballer seit seiner Rückkehr in den Profisport auszeichnet. Das Nationale Olympische Komitee der Niederlande beruft sich auf die Richtlinien des Volleyballverbandes, die auf eine Wiedereingliederung von verurteilten Sportlern als Straftätern verweisen. Zusätzlich erfüllt er alle Voraussetzungen, um wieder in das Olympia-Team aufgenommen zu werden, so das Komitee.
Sowohl das Internationale Olympische Komitee als auch der Volleyball-Weltverband verweisen auf die Zuständigkeit der nationalen Verbände für die Nominierung der Teams in Olympia. Letztere sprachen zwar von einer „höchst schwierigen Angelegenheit“, deuteten aber auch auf die Auswahlkriterien, die erfüllt sein müssen.
Survivors Trust, eine britische Dachorganisation, die Hilfe für Opfer von Sexualstraftätern fördert, sieht dies anders. Gegenüber Sky News UK erklären sie, dass die Vergewaltigung geplant und kalkuliert war. Sie verdeutlichen, dass es van de Velde an Reue für sein Opfer mangelt und kritisieren, dass die Teilnahme an Olympia überhaupt möglich ist: „Die Erlaubnis seiner Kollegen und des Olympischen Komitees, ihn einem jungen Publikum als einen Sportler vorzustellen, zu dem man aufschauen kann, ist zutiefst beunruhigend.“
Von Anwälten und Missbrauchsopfern wird das Verhalten der Verbände kritisiert. Insgesamt wird auf die allgemeine „Erklärung der Rechte und Pflichten von Athleten“ des IOC verwiesen. Dies müssen alle Olympiateilnehmer unterzeichnen. Mit ihrer Unterschrift verpflichten sie sich, „als Vorbild zu handeln“ und „sauberen Sport“ zu fördern.
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Projektes „Media and Me“. Während drei Tagen erhalten Teilnehmer ab 16 Jahren unter anderem Einblicke in die Abläufe der GrenzEcho-Redaktion und erstellen journalistische Texte zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

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