Kaufen konnte man sich davon in vergangenen Turnieren genauso wenig wie jetzt, was die Gemüter offensichtlich erhitzt. Nach dem Spiel bezeichnete Kapitän Kevin De Bruyne eine Frage nach eben dieser „goldenen Generation“ von Spielern als „dumm“: „Unsere? Und Sie sagen, dass Frankreich, England, Spanien und Deutschland keine haben? Okay.“ Doch diese Debatte lenkt von den eigentlichen Problemen des Teams ab – denn die Art und Weise des Ausscheidens gegen die französische Mannschaft wirft Fragen auf.
Zwar wurden die Roten Teufel von der Equipe Tricolore nicht gerade an die Wand gespielt, spielten sich aber selbst viel zu wenige Chancen heraus. Die Offensive wirkte träge, uninspiriert, harmlos. Die Folge: Der letztendliche Ertrag fiel in diesem Spiel genauso mager aus wie in großen Teilen des restlichen Turniers. Spätestens hier muss jetzt die Trainerfrage gestellt werden, denn zumindest bis zum Spiel gegen Frankreich war diese Herangehensweise vorprogrammiert. Domenico Tedesco stand nie für mitreißenden Power-Fußball, wie ihn bei dieser Europameisterschaft beispielsweise Spanien hocheindrucksvoll vorführt. Ein Blick auf seine bisherige Trainerlaufbahn festigt diesen Eindruck. Tedescos stärkste Phase spielte sich in der Saison 2017/18 ab, als er den FC Schalke 04 in seiner Debütsaison als Erstligatrainer dank defensiver Stabilität und maximaler Effizienz in der Offensive sensationell zur Vizemeisterschaft führte – Qualitäten, die er als belgischer Nationaltrainer nicht konstant in der Mannschaft etablieren konnte. Der Leistungsabfall kam jedoch ähnlich schnell wie der vorherige Erfolg und in der darauffolgenden Saison war Tedesco seinen Job los. Seine zweite Station in der deutschen Bundesliga spielte sich ähnlich ab: Tedesco übernahm das kriselnde RB Leipzig, welches er – ähnlich wie kurz nach seinem Amtsantritt in Belgien – in kurzer Zeit stabilisierte. Es folgte der Gewinn des DFB-Pokals, Tedescos bisher einzigem großen Titel als Trainer. Doch wie zuvor auch brach die Mannschaft in der darauffolgenden Saison rapide ein. Tedesco wurde durch Marco Rose ersetzt, der erst das volle Potenzial der Mannschaft entfachen konnte. Nun stellt sich die Frage: Braucht es nach den enttäuschenden Leistungen bei der Europameisterschaft einen ähnlichen Ablauf?
Falsch wäre es jedenfalls, Domenico Tedesco für jedes einzelne Problem der belgischen Nationalmannschaft persönlich verantwortlich zu machen. Die „goldene Generation“ ist nicht mehr so stark wie noch vor einigen Jahren; besonders Defensiv-Routiniers wie Jan Vertonghen sind in die Jahre gekommen. Insgesamt kann die Defensive nicht mit dem Prunkstück des Kaders, Mittelfeld und Angriff, mithalten. Zwar stehen einige junge talentierte Verteidiger bereit, doch ihnen fehlt mitunter noch die Erfahrung, um entsprechende Rollen im Team einzunehmen. Über diese Dinge hat Tedesco keine Kontrolle – und trägt doch eine Mitschuld. Es drängt sich die Frage auf, warum er angesichts der verhältnismäßig schwach besetzten Defensive und der hochtalentierten Offensive lange auf seinen pragmatischen „Safety first“-Ansatz beharrt hat. Und dann wäre da noch das Thema Thibaut Courtois: Der Weltklasse-Torhüter hatte sich im Juni 2023 mit seinem Nationaltrainer zerstritten, nachdem dieser ihn in Abwesenheit von Kevin De Bruyne für ein Spiel nicht zum Kapitän ernannte. Über die genauen Details des Streits kursieren bis heute Gerüchte. In dieser Hinsicht ist es nur berechtigt, sich zu fragen, ob nach dem enttäuschenden Turnier-Aus eventuell weitere Zerwürfnisse zwischen Trainer und Mannschaft entstehen könnten.
Grundsätzlich ist es fraglich, ob Tedesco zu nachhaltigen Veränderungen fähig ist. Obwohl er im Achtelfinale gegen Frankreich von seiner üblichen Taktik abwich und gleich vier Offensivakteure aufbot, machte sich diese Änderung nur auf dem Aufstellungsbogen bemerkbar. Bedenkt man, dass Tedesco nur während seiner Zeit bei Spartak Moskau von 2019 bis 2021 eine überzeugende Offensive auf den Rasen bringen konnte, entstehen erhebliche Zweifel. Am Ende der Partie gegen Frankreich wies die Statistik nur fünf Torschüsse für die belgische Mannschaft und ganze 19 für die Auswahl Frankreichs auf, die unter Trainer Didier Deschamps auch nicht gerade die Sterne vom Himmel spielt. Es scheint also so, als hätte Tedesco nicht nur einen unpassenden Spielstil für die belgische Nationalmannschaft, sondern wäre auch noch unfähig, diesen erfolgreich anzupassen.
Zumal die Zukunft des Teams mehr denn je ungewiss ist, sollte der belgische Fußballverband nach dieser Negativerfahrung die Reißleine ziehen und sich sportlich neu aufstellen. Ein neuer Trainer mit frischem Wind könnte sowohl eine bessere taktische Herangehensweise etablieren, die sich für die Spieler natürlicher anfühlt, als auch die zweifellos extrem talentierten Offensivspieler besser einsetzen. So müsste Kevin De Bruyne nicht mehr den Alleinunterhalter im Mittelfeld spielen. Zudem könnte Thibaut Courtois ins Team zurückkehren, der bei der Europameisterschaft von Koen Casteels gut vertreten wurde, aber als Unterschiedsspieler und charakterlicher Anführer der Mannschaft einiges zu geben hat. All das wäre mit Domenico Tedesco als Trainer wohl nur schwer bis unmöglich umsetzbar. Zu viel ist passiert.
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Projektes „Media and Me“. Während drei Tagen erhalten Teilnehmer ab 16 Jahren unter anderem Einblicke in die Abläufe der GrenzEcho-Redaktion und erstellen journalistische Texte zu aktuellen gesellschaftlichen Themen.

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