Zunächst einmal eines vorweg: Wenn die jeweilige „Jugend von heute“ wirklich immer so schlecht wäre, wie die jeweilige Erwachsenenwelt schon seit unzähligen Generationen behauptet, dann hätte sich die Menschheit in den letzten Tausenden Jahren stets zurück entwickelt.
Leicht provokativ formuliert würde ich eher behaupten, dass, obwohl die Erwachsenenwelt so schlecht vorlebt, wie eine gut funktionierende, ethisch handelnde Gesellschaft aussehen könnte oder sollte, die Jugendlichen eine gewisse Resilienzfähigkeit zu haben scheinen und sich trotz all dieser Widrigkeiten und Verwirrungen weiterentwickeln und irgendwie ihren Weg finden. Natürlich haben die Jugendlichen „von heute“ ihre Probleme und Herausforderungen, ihre Süchte und Aggressionen.
Die Erwachsenen reden oftmals in abgehobener Sprache von Partizipation, Nachhaltigkeit, Transparenz, Demokratie..., doch diese Worthülsen täuschen sehr häufig, sind allzu oft inhaltsloses Gerede in Hochglanzpapierformat.
Die Erwachsenen werden die Jugendlichen aber niemals wirklich erreichen, wenn ihre Worte leer sind und wenn die Vorträge, die die Erwachsenen halten, nicht authentisch sind. Jugendliche nehmen vor allem das auf, was wir Erwachsenen echt vorleben und viel weniger das, was wir predigen. Es gibt dazu einen etwas provokanten Spruch: „Hört auf eure Kinder zu erziehen, sie machen euch eh‘ alles nach.“
Die Jugend von heute ist nicht so schlecht wie ihr Ruf: Gegenbeispiele
Die Kriminalitätsrate von Minderjährigen ist in den letzten Jahren/Jahrzehnten deutlich gesunken bei einer zeitgleich schnelleren Anzeigebereitschaft (siehe zu diesem Thema auch „Le Soir“-Ausgabe vom 23. Mai 2023).
Dies trifft nicht nur auf Belgien zu, sondern kann auch beispielsweise aus Deutschland belegt werden. Der Einsatz der Jugendlichen für die Umwelt ist gestiegen, stellen mehrere Redakteure fest. Es gibt mehr ehrenamtliches Engagement generell: Fast jeder zweite Jugendliche in Belgien ist ehrenamtlich engagiert (siehe Jugendbericht von 2024: 46 Prozent der Jugendlichen waren ehrenamtlich in Jugendorganisationen oder Sportvereinen tätig).
Sinkender Zigarettenkonsum pro Kopf gesamtgesellschaftlich, aber auch bei Jugendlichen: Entsprechend vergleichbar positive Trends gibt es beispielsweise in Deutschland, Frankreich und Belgien. Leider sucht die Industrie (von Erwachsenen geleitet und scheinbar den Erhalt von Arbeitsplätzen sichernd) immer neue Märkte wie die E-Zigaretten.
Es gibt einen sinkenden Alkoholkonsum pro Kopf. Früher – und das wissen die Älteren von uns sicherlich zu berichten - gab es massive Probleme mit Fahren unter Alkoholeinfluss: Nun ist die Tendenz seit 40 Jahren sinkend. Doch ich möchte betonen, dass der Alkoholkonsum immer noch viel zu hoch ist, da er sehr stark in unserer Kultur verankert ist. Auch liegt er höher als bei deutschen und niederländischen Nachbarn. Also müssen wir diesbezüglich wachsam bleiben.
Die Jugendlichen sind politisch engagierter als früher: Man mag es kaum glauben. Auch ich habe da manchmal meine Zweifel. Doch wenn ich mich erinnere, wie wenig politisch engagiert ich selbst beispielsweise als Jugendlicher war, so kann das vielleicht doch hinhauen. Außerdem: Was nützen da Werbekampagnen für Partizipation, wenn zu viele Skandale die Politik als Selbstbedienungsladen oder Klüngel-Club erscheinen lassen und somit eine andere Sprache sprechen? Könnte man die Einladung der Politik an die Jugend im Grunde so verstehen: Engagiert euch politisch, damit ihr es viel besser macht als wir?
Seit Jahrzehnten arbeitet die Politik gegen Politikverdrossenheit, vermutlich aber wohl eher gegen eine Politikerverdrossenheit. Wenn das Resultat der derzeitigen Lebensrealität von Jugendlichen ist, dass sie kritischer auf die Politik schauen, dann ist dies sicherlich kein Zeichen von Politikverdrossenheit, sondern ganz im Gegenteil von Interesse und kritischem Geist, was für mich eindeutig zu politischem Denken zählt.
Es gehört schon seit jeher zum Jugendalter dazu, die Erwachsenenwelt in Frage zu stellen und an der einen oder anderen Fassade zu kratzen. Auch sollten politische Entscheidungen niemals als alternativlos dargestellt werden. Weshalb sollte sich sonst noch irgendwer engagieren, der nicht in das vorherrschende Denkschema passt?
Die Gesundheit von jungen Menschen ist so viel mehr als nur die körperliche Gesundheit. Die psychische Gesundheit muss eindeutig mehr in den Fokus rücken, denn es sollte dringend nachdenklich stimmen, dass in der gerade erst veröffentlichten großen Befragung der DG quasi jeder vierte Jugendliche seinen psychischen Gesundheitszustand unter der Note von 5/10 angegeben hat.
Ebenfalls äußerten in der erwähnten Studie 43 Prozent der Jugendlichen, dass während der Zeit der Corona-Maßnahmen ihre psychische Gesundheit negativ oder sehr negativ beeinflusst wurde. Die Jugendlichen haben ebenso wie alle anderen Anrecht darauf, den öffentlichen Raum zu nutzen. Während der Zeit der Corona-Maßnahmen wurde die Nutzung des öffentlichen Raumes kriminalisiert, während Sozialkontakte essentiell für die Jugend gewesen wären… und wir Erwachsenen haben damals größtenteils geschwiegen. Auch ist es häufig so, dass Jugendliche durch die Nutzung von sozialen Medien einen größeren Druck und eine höhere psychische Belastung erfahren.
Das Thema von Partydrogen bereitet mir ebenfalls Sorgen. Ich bezweifele, dass Jugendliche diesbezüglich in einer Umfrage ehrlich antworten und vermute aufgrund der Beobachtungen der Jugendarbeiter und Streetworker der Jugendszene, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegen muss, als dies bei Umfragen von Jugendlichen zugegeben wird. Es gibt auch mittlerweile Studien zu Befragungen, die deutlich darauf hinweisen, dass je illegaler eine Tätigkeit ist, selbst in einer anonymen Umfrage, es zu nicht unerheblichen Verharmlosungen oder Leugnungen bei der Beantwortung der Fragen kommt.
Eine Botschaft doppelter Natur, die ich gerne an die Eltern im Allgemeinen richten möchte: Manche Eltern können ihre Kinder nicht gut loslassen und versuchen als Helikopter-Eltern ihre Kinder auf möglichst all ihren Wegen zu überwachen.
Als Rasenmäher-Eltern gehen sie noch einen Schritt weiter und versuchen, ihren Sprösslingen den Weg überall hin zu ebnen, alle möglichen Hindernisse an ihrer statt aus dem Weg zu räumen, damit das Leben für die „Kleinen“ allzu leicht sein soll. Jugendliche brauchen hingegen Freiräume sowie eigene Herausforderungen und Verantwortung, an denen sie wachsen und somit Selbstvertrauen aufbauen können.
Um-sich-selbst-Drehen der Eltern, statt die Bedürfnisse ihrer Kinder wirklich zu sehen.
Auf der anderen Seite gibt es die Vernachlässigung, das Um-sich-selbst-Drehen der Eltern, statt die Bedürfnisse ihrer Kinder wirklich zu sehen, verbunden mit einer diffusen Erwartung, dass irgendwer in der Gesellschaft die Verantwortung für die Erziehung übernehmen möge.
Verschiedene Soziologen bescheinigen der Gesellschaft schon seit Langem krankhafte Züge. Nun möchten wir also Jugendliche in ein krankes System integrieren. Wie wäre es denn damit, dass wir Erwachsenen endlich unsere eigenen Hausaufgaben machen und die Gesellschaft so weiterentwickeln, dass die Erwachsenenwelt wirklich Vorbildfunktion hat und die Jugendlichen in eine gesunde Richtung prägt?
Oft stellen wir in unserem Arbeitsumfeld fest, dass Jugendliche sich in unserem Gesellschaftssystem verloren fühlen, alles muss beispielsweise immer schneller gehen und wer nicht in dieses Funktionsschema passt, der landet abseits der Gesellschaft. Es wäre wichtig, dass wir Jugendliche unterstützen anstatt sie mit Ballast, Verwirrung, Schuldgefühlen und Ängsten zu überschütten, indem wir Erwachsenen nicht mehr nur Mitläufer sind und uns trauen, uns mutiger offen und fair zu äußern. Natürlich brauchen Jugendliche weiterhin Halt und Grenzen von den Eltern: liebevolle Festigkeit und Vertrauen statt Ignoranz, Vernachlässigung, Kontrollsucht oder „Rasenmäherhaltung“.
Robert Wiesemes arbeitet
als Middle Manager für offene und mobile Jugendarbeit
im Jugendbüro.

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