Der Charme des schrägen Geschmacks

Die Schönheit von Autodesign liegt im Ermessen des Betrachters wie auch hier beim Ford Scorpio der zweiten Generation.
Die Schönheit von Autodesign liegt im Ermessen des Betrachters wie auch hier beim Ford Scorpio der zweiten Generation. | Ford-Werke GmbH /dpa

Ferdinand Filter hat mit seinem Auto viel einstecken müssen. Denn seit der Norddeutsche eine Fiat Multipla fährt, gab es wegen des skurrilen Designs des italienischen Vans immer wieder dumme Sprüche von Passanten. Seiner Begeisterung hat das keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Filter fährt seinen „Walfisch auf Rädern“ mit Stolz und Liebe und lobt bis heute das effiziente Raumkonzept.

Mittlerweile hat er viele Gleichgesinnte um sich geschart. Denn der Rendsburger ist Mitglied im Ersten Multipla Fiat Club Deutschland und lässt schon deshalb auf den italienischen Sonderling nichts kommen. „Man hasst ihn oder man liebt ihn“, sagt er und lässt keinen Zweifel, zu welcher Fraktion er gehört: „Die Multipla mag futuristisch sein. Aber es gibt wenige Autos, die so durchdacht sind“, lobt er den Van mit sechs Sitzen in zwei Reihen und dem eigenwilligen Fischgesicht.

Die Autogeschichte ist voll von solchen Fahrzeugen, die zu ihrer Zeit nie sich richtig vom Markt angenommen wurden und es später trotzdem zu begehrten Liebhabern gebracht haben, wenn auch häufig nur in einem kleinen Kreis. Dazu zählen berühmte Beispiele wie die gesamte Modellpalette der 1958 eingeführten Ford-Marke Edsel, genauso wie der Renault Avantime (2001-2003) als futuristische Luxusausgabe der Großraumlimousine Espace, der VW Golf Country (1991-1992) als Vorläufer der aktuellen SUV-Welle oder der BMW Z1 (1989-1991) mit seinen eigenwilligen versenkbaren Türen.

Und selbst Volumenmodelle wie die zweite Generation des Ford Scorpio (1994-1998), der Fiat Regata (1983-1990) oder der Opel Signum (2003-2005) tun sich in der Szene bisweilen schwer.

Das ist kein Wunder, sagt der Design-Professor Paolo Tumminelli aus Köln und zitiert den legendären Designer Raymond Loewy: „Hässlichkeit verkauft sich schlecht.“ Schon er habe erkannt, dass Produkte, die zu neu aussähen und damit ganz anders seien, die meisten Kunden abstoßen. „In diesem Sinne ist Schönheit immer Mittelmaß“, sagt Tumminelli. Hässlichkeit ist für ihn polar und ambivalent: „Entweder wirklich ästhetisch ungünstig (letzter Fiat Croma) oder konzeptionell unverständlich (Fiat Multipla) – oder beides (Mercedes R-Klasse).“

Allerdings liege darin auch eine Chance, glaubt der Design-Professor: Tumminelli glaubt, dass viele Menschen bewusst die von Medien und der Masse propagierten Trends ablehnen und dies durch unkonventionelle Kaufentscheidungen ausdrücken. Hässlichkeit etwa bedeute ihnen Freiheit. Zwangsläufig ergebe sich daraus eine Fangemeinde derjenigen, die sich dem Mainstream– bewusst oder unbewusst – entziehen.

Schön, attraktiv?

Design-Professor Lutz Fügener von der Hochschule Pforzheim macht an Fahrzeugen wie diesen zudem den Unterschied zwischen Schönheit und Attraktivität fest, die man bei der Bewertung eines Autos nicht verwechseln dürfe: „Es ist die Attraktivität, die ein Produkt verkauft.“ So gab es durchaus Autos, bei denen man einen Konsens über ihre Schönheit erreichen kann, die jedoch als Produkt nicht attraktiv genug waren, um sie erfolgreich zu verkaufen, sagt Fügener und nennt als Beispiel den 2005 präsentierten Alfa Brera.

Eine weitere Rolle spiele bei solch eher skurrilen Autos die Seltenheit. Nach den Gesetzmäßigkeiten der Wahrnehmung sei die Prägnanz eines Produkts ein wichtiges Kriterium für ihre Attraktion. Das sei auch der Grund, weshalb sich der VW Käfer so lange auf dem Markt gehalten habe: „Unter den vielen Mitbewerbern war er in den letzten Jahrzehnten seiner Produktion einfach unverwechselbar.“

Trotzdem zählen solche automobilen Sonderlinge oft zu den Problemfällen auf dem Liebhaber-Markt, sagt Paolo Ollig von der Old- und Youngtimer-Handelsplattform Classic Trader: „Angebotsseitig haben die Exoten den Nachteil, dass sie mitunter wegen Produktionsmängeln oder anderer Nachteile damals wirtschaftliche Misserfolge waren und entsprechend wenige Exemplare produziert wurden.“

Außerdem seien viele dieser Autos wie die meisten Klein- und Kompaktwagen aus den 1990ern „verheizt“ worden, ohne dass es wirtschaftlich und emotional sinnvoll gewesen wäre, sie als Klassiker zu konservieren. Aber der Blick in seine Datenbank bestätigt Ollig, dass sich immer Enthusiasten fänden, die sich für Autos begeistern könnten, die von der breiten Masse abgelehnt würden. Allerdings müssten Anbieter wie Interessenten etwas mehr Geduld mitbringen als bei gängigen Modellen wie Mercedes W 123 oder Porsche 911.

Zwar hat vor allem die gründliche Marktforschung der Hersteller in den vergangenen Jahren für eine sehr angepasste Modellpolitik gesorgt, Exoten sind seltener geworden. Doch immer mal wieder setzen sich Designer oder Entwickler über alle Zweifel hinweg und bauen Autos, die im besten Falle polarisieren und im schlimmsten Fall beim Publikum durchfallen. Die Coupés von BMW Z3 und Z4 sind dafür genauso Beispiele wie der Audi A2, die Shooting Brakes von Mercedes CLA und CLS oder die Cabrios von Range Rover Evoque und Nissan Murano.

Die vergleichsweise kleinen Stückzahlen mögen den Hersteller die Bilanzen verhageln. Doch für die Liebhaber sind sie ein Segen, garantieren sie ihnen doch einen raren Young- oder Oldtimer, der oft für deutlich weniger Geld zu haben ist als beliebtere Autos mit größerem Fahrzeugbestand. „Und oft genug hat der Markt später gedreht und die einstigen Außenseiter wurden plötzlich zu echten Liebhabern mit steigenden Preisen“, sagt Tumminelli.

Das ist allerdings die Ausnahme, sagt Ollig. „Denn schlussendlich sind die Rahmenbedingungen aus Angebot und Nachfrage sowohl für die häufig gehandelten Fahrzeuge als auch für die Exoten ähnlich.“ Sie seien gewissermaßen die Nische innerhalb der Nische mit dem Nachteil, dass neben dem Glamourfaktor auch Angebot und Nachfrage geringer seien. Doch dafür seien sie eben auch etwas exklusiver.

Und wie man bei Messen und auf Treffen sehen könne, gäbe es mittlerweile für nahezu alle Fahrzeuggattungen und Modelle eigene Clubs. „Für deren Mitglieder zählt am Ende die Individualität: Sie starten lieber mit dem einzigen Suzuki Swift der ersten Generation bei einer Oldtimerrallye, als mit der zehnten Pagode“.

Dass sich solche Menschen bisweilen der Kritik erwehren müssen, daran haben sie sich längst gewöhnt. Multipla-Fahrer Filter jedenfalls begegnet dem Spott am Straßenrand deshalb längst mit einem flotten Spruch: „Die Multipla ist nicht geparkt, sondern ausgestellt.“ (dpa)

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