EM der Berufe: Die „Roten Bären“ sind los - Medaillenchancen für Ostbelgier


Das belgische Team für die Berufe-EM, die vom 26. bis 28. September in Budapest stattfindet, wurde am Mittwoch im Schloss von La Hulpe (bei Brüssel) vorgestellt. Es ist die zweitgrößte Delegation nach der EM 2012 im eigenen Land (Spa-Francorchamps) mit 36 Teilnehmern. Und wie im Sport hat das Team auch einen Mannschaftsnamen erhalten: „Red Bears“ („Rote Bären“). In der ungarischen Hauptstadt stehen Wettbewerbe in 35 Berufen aus den Bereichen Kreative Kunst und Mode, Kommunikations- und Informationstechnologien, Industrie, Bauwesen, Transport und Logistik sowie Dienstleistungen auf dem Programm.

Den Bären 2018 gehören auch zwei junge Ostbelgier an: die 21-jährige Anstreicherin-Dekorateurin Sabrina Scheen aus Raeren und der gleichaltrige Kfz-Mechatroniker Maxime Sproten aus Kettenis. Wie ihre Teamkollegen hatten auch sie sich bei der Landesmeisterschaft Ende April in Malmedy qualifiziert und anschließend die Tests der physischen und psychische Belastbarkeit sowie der Teamfähigkeit („Soft-skills“) bestanden. Sie wurden technisch, mental und als Team auf den großen Showdown in Ungarn vorbereitet, um der Konkurrenz die Stirn bieten zu können und auch um zu „Botschaftern ihres Berufs“ zu werden – wie Francis Hourant, Direktor der Organisation Worldskills Belgium, sich ausdrückt.

Das belgische Team sei klar für die „Arena in Budapest“, beteuert Hourant. Für ihn sind die Euro- und Worldskills – die EM und die WM wechseln sich im jährlichen Rhythmus ab – „der Gral für alle handwerklichen Berufe“. Sie seien mehr als nur ein Wettbewerb und ein Kampf um Medaillen. „Die Worldskills sind zum ersten eine Aufwertung der Berufe.“, erläutert Hourant uns. „Zweitens sind sie eine Plattform für Experten aus verschiedenen Ländern, um sich über Techniken, Ausbildung, neue Materialien usw. auszutauschen. Und drittens sind die Worldskills generell ein Ort des Austauschs. So finden in Budapest Konferenzen über Herausforderungen wie die Digitaltechnik statt.“

Dass die Jugendlichen in Budapest außergewöhnliche Tage erleben, kann Eric Robert, Leiter des Expertisezentrums für Talente und Arbeitsmarkt beim Arbeitgeberverband Agoria, nur bestätigen. Und sein Appell an die Teilnehmer ist denn auch deutlich: „Seid stolz auf das, was ihr dort verwirklichen werdet. Die Konkurrenz ist hart, der Stress enorm, aber habt keine Angst. Und vergesst nicht: Diese EM ist nicht das Ziel, sie ist nur eine Etappe. Alles, was ihr dort lernt und erlebt, solltet ihr kapitalisieren, um die Welt zu verändern.“

Die Erwartungen an die „Roten Bären“ sind hoch. Louis Amory, Präsident von World-skills Belgium, hofft auf ein „besseres Ergebnis als bei den zwei letzten Euroskills“: vier Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille sowie neun Exzellenzmedaillen in Göteborg 2016; drei mal Gold, drei mal Silber, drei mal Bronze und sechs Exzellenzmedaillen 2014 in Lille. Im internationalen Vergleich sieht Hourant Belgien in Europa auf Platz fünf bis sieben und in der Welt im Mittelfeld – um Rang 25. „Das ist nicht schlecht“, sagt Loic Forthome (24), Goldmedaillengewinner der EM 2016 und Präsident von Worldskills Belgium Almuni (Ehemalige). „Aber wir können es besser, und das sollten wir zeigen. Die Top 5 in Europa und die Top 20 der Welt sollten anvisiert werden.“

Auch Sabrina Scheen und Maxime Sproten hoffen insgeheim auf einen Podiumsplatz. Der Direktor des Zentrums für Aus- und Weiterbildung (ZAWM) in Eupen, Thomas Pankert, traut es ihnen zu, weiß aber auch um die starke Konkurrenz. „Ich würde mich auch über zwei Exzellenzmedaillen freuen. Das Wichtigste ist, dabei zu sein, Erfahrungen zu sammeln und nach ihrer Rückkehr Werbung für ihren Beruf zu machen. Denn sowohl Maxime als auch Sabrina sind in einem Beruf mit Arbeitskräftemangel. Dass nur zwei Ostbelgier bei der EM vertreten sind – bei der EM 2016 waren es vier, bei der WM 2017 sogar fünf – wurmt den ZAWM-Chef nicht. „Für mich ist wichtig, möglichst vielen Jugendlichen das Angebot zu machen, dass sie sich trauen, über den eigenen Tellerrand zu schauen, dass sie sich zutrauen, sich einem solchen Wettbewerb zu stellen, und dass sie das Engagement eingehen, sich darauf vorzubereiten und die Erfahrungen zu machen, die sie mit in ihre Klassen zurückbringen und mit denen sie andere anstecken, über sich hinauszuwachsen.“ Für das Gelingen von Euro- und Worldskills sei auch die Rolle der Unternehmen in der DG nicht zu unterschätzen. „Die duale Ausbildung braucht Unternehmen. Die praktischen Fähigkeiten erlernen die Jugendlichen in Betrieben, und der Wettbewerb kann nur bestehen, wenn die Betriebe dahinter stehen.“

Nachgefragt bei Maxime Sproten: „Mein Ziel ist ein Podiumsplatz“

Wie hoch sind Ihre Erwartungen für die EM in Budapest?

Mein Ziel ist auf jeden Fall ein Podiumsplatz. Welcher, das werden wir dann sehen.

Sie sind Kfz-Mechatroniker. Das ist mehr als ein einfacher Automechaniker bzw. -techniker, oder?

Früher, als noch nicht so viel Elektronik in den Fahrzeugen verbaut war, gab es den normalen Mechaniker. Heutzutage aber sind Hunderte Steuergeräte in den Autos verbaut, und das setzt Elektronikkenntnisse voraus. Die Elektronik macht den Großteil meiner Arbeit an einem Auto aus.

Wissen Sie schon, welche Aufgaben Sie in Budapest erledigen müssen?

Wir wissen schon, dass wir an Fahrzeugen der Marken Audi und Mercedes arbeiten müssen. Die zu erfüllenden Aufgaben bestehen unter anderem im Zerlegen, Vermessen und erneuten Zusammenbauen eines Motors, in der Suche nach Elektrikproblemen und in einer Achsvermessung.

Man hört, die Wettbewerbe sind ganz schön stressig für die Teilnehmer. Bereitet Ihnen das Kopfschmerzen?

Nein, weil ich schon mehrmals an ähnlichen Wettbewerben teilgenommen habe. Das Problem aber für die Kfz-Mechatroniker ist, dass in den Fahrzeugen so viele Fehler verbaut werden, dass die Teilnehmer sie nicht alle finden. Man weiß während des Wettbewerbs eigentlich nie, wo man steht. Man wird auch nie fertig.

Was sagt der Chef, Michel Renardy, zu Ihrem Abenteuer Worldskills?

Er ist sehr stolz auf mich. Er hat mich auch dorthin geführt und mich geschult.

Nachgefragt bei Sabrina Scheen: „WM-Erfahrung ist von Nutzen“

Seit fast zwei Jahren können Sie sich Ihr Leben ohne Worldskills gar nicht mehr vorstellen, oder?

Stimmt. Im Januar 2017 hatte ich meinen ersten Wettbewerb, dann das Finale der Landesmeisterschaft, schließlich die WM in Abu Dhabi. Danach habe ich mir gesagt, das kann es doch nicht gewesen sein, und habe die Chance für eine Teilnahme an der EM in diesem Jahr genutzt.

Werden die WM-Erfahrungen Ihnen in Budapest von Nutzen sein?

Ich denke schon. Man ist mit dem Ablauf einer solchen Meisterschaft vertraut, die ja vom Umfang und Aufwand nicht vergleichbar ist mit dem Finale einer belgischen Landesmeisterschaft. Ich kann besser mit dem Stress umgehen, weiß, worauf ich achten soll, wie das Bewertungssystem aufgebaut ist usw.

Welche Aufgaben werden Sie bei der EM bewältigen müssen?

Dazu gehört das Aufmalen eines großen Designs, tapezieren, eine Tür in drei Farben lackieren, eine Speed Competition und eine freie Technik.

Bei der WM gab es keine Medaille. Welches Ziel haben Sie sich dieses Mal gesetzt?

Da in meinem Beruf die Europäer sehr stark sind, erhoffe ich mir zumindest eine Exzellenzmedaille. Aber es ist mehr als nur ein Wettbewerb. Es geht auch darum, was ich daraus für mich und meinen Beruf mitnehme. Und das ist enorm. Das bekommt man nirgendwo beigebracht.

Was sagt Ihr Chef, Herr Vonhoff, dazu?

Der ist begeistert und unterstützt mich total.

  • Infos: 

euroskills2018.com

worldskillsbelgium.be