Ein neuer Blick auf den Terrorismus

„Hier müssen wir eine Preisverleihung machen“, war sich der Organisator des Euregio-Schüler Literaturpreises Oliver Vogt sicher, als er den Umbau des Alten Schlachthofes in Eupen mitbekam und dessen Konzept kennenlernte. Denn dieser Ort der jungen Kultur eignet sich wie kaum ein anderer, einen Literaturpreis zu verleihen, über den Schüler aus der Euregio bestimmen. Extra über den großen Teich ist der frankokanadische Autor Larry Tremblay gekommen, um den Preis aus Schülerhand für seinen Roman im Rahmen einer Feierstunde entgegenzunehmen. Mitpreisträgerinnen sind seine beiden Übersetzerinnen Angela Sandmann (deutsch) und Gertrud Maes (niederländisch). Tremblays Roman handelt von Bruderliebe und Terrorismus zugleich: Als die Großeltern bei einem Luftangriff ums Leben kommen, soll einer der jugendlichen Zwillinge Amed und Aziz aus Rache zum Märtyrer werden. Für den Kanadier selbst geht es in seinem Werk um Werte und Moral. „Meine Helden sind Kinder, denen Hass beigebracht wird und die für Entmenschlichung stehen“, sagte er dem GrenzEcho. Im Text lässt Tremblay bewusst den Handlungsort und die Religion offen. Zweitplatzierter Roman ist „Das große Wunder“ des Österreichers Thomas Glavinic.

„Mit einfachen, aber treffenden Worten bietet uns der Autor einen neuen Blick auf das aktuelle Thema des Terrorismus. Eingetaucht im Familienalltag, entdeckt man die Realität der von Mördern manipulierten Familien, die zu einem Terroranschlag getrieben werden“, würdigte die Schülerin Marianne Melen aus Verviers den Roman in ihrer Laudatio.

Ein Jahr lang haben sich die Schüler, darunter auch aus dem Königlichen Athenäum Eupen und der Bischöflichen Schule St. Vith mit je zwei Büchern von frankophonen, deutschsprachigen und niederländischsprachigen Autoren auseinandergesetzt und eine Bewertung getroffen. Bereits im Vorfeld präsentierten sich die Schriftsteller bei Lesungen und Schulbesuchen.

„Mit einfachen, aber treffenden Worten bietet uns der Autor einen neuen Blick auf das aktuelle Thema des Terrorismus.“

„Es war interessant, einmal sich der Thematik der Selbstmordattentate einmal von der ‚anderen Seite‘ zu nähern“, sagt Svenja Seifert aus Übach-Palenberg. Auch in den Niederlanden hat das Buch Anhänger gefunden. „Das Buch ist aktuell und sehr berührend“, sagt Janna Bergmans aus Maastricht. Dass es trotz der Thematik zu einem versöhnlichen Ende kommt, hat die Schülerin bewegt. Die Aktion „Euregio liest“ mit der Preisverleihung ist auch aus Lehrerperspektive eine fantastische Sache. „Die Schüler lesen ohne Notendruck und können bei den Begegnungen mit den Schülern aus der Euregio ihre Fremdsprachenkenntnisse in die Praxis umsetzen“, sagt Friederike Färber vom Carolus-Magnus-Gymnasium Übach Palenberg. Vor allem aus der Begegnung mit den Autoren profitieren die Schüler. Der Autor würdigte in seiner Rede die Einmaligkeit der Aktion. Nirgendwo sonst gebe es einen Preis, wo eine Schülerjury Werke in drei Sprachen beurteile. „Damit ist der Preis schon ein Aufruf zum Dialog zwischen den Völkern, zwischen den Kulturen, zwischen den Blicken auf die Welt“, sagte er in seiner Dankesrede. Den Preis nehme er „mit einem immensen Vergnügen und einer lang anhaltenden Freude“ entgegen.

Auch die Politik nimmt den Euregio-Literaturpreis ernst. Für Kulturministerin Isabelle Weykmans resultiert solch ein Preis letztlich aus der guten Zusammenarbeit aller Partner in allen drei Ländern. Durch die grenzüberschreitende Begegnung und Entscheidungsfindung können die Schüler „mindestens eine gemeinsame, eine intensive und eine hoffentlich positive Erfahrung“ teilen, sagte sie in ihrer Rede. Begleitet wurde die Feierstunde mit Musik des Eupener Geigers Paul Pankert sowie BoraAbdiu und Vincent Mertens aus Lüttich. Natürlich lies es sich der sympathische Kanadier nicht nehmen, auch beim abschließenden Buffet sich fotografieren zu lassen und mit seinen Lesern ins Gespräch zu kommen.

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