Zu viel Alkohol und zu wenig Animation

Eigentlich hätten die 13 Wölflinge im Alter von acht bis zwölf, gemeinsam mit ihren Leitern, erst am heutigen Tag den Heimweg nach Embourg antreten müssen. Dem sollte jedoch nicht so sein. Schon am Samstag mussten die Kinder das Lager verlassen. Die Ursache hierfür war ein besorgter Anrufer, der beim wallonischen Pfadfinderverband Alarm schlug, wie Pressesprecher Geoffroy Crepin erklärt: „Diese Person hatte einen unangemessenen Umgang mit Alkohol in diesem Lager beobachten können. Unmittelbar danach haben wir ein Verbandsmitglied vor Ort entsand. Dort hat dieses mit dem Einheitsleiter feststellen können, dass die Leiter zu viel Alkohol konsumierten und nicht mehr imstande waren, die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten.“

„Man sollte den Vorfall nicht auf alle Einheiten verallgemeinern.“

Es sollte jedoch nicht das einzige Problem sein: „Die Qualität der Animation war zudem sehr schlecht.“ Beide Parteien waren sich einig: Eine Räumung des Camps ist das einzig sinnvolle.

Für das fünfköpfige Animationsteam („Staff“) hat dieser Vorfall natürlich Konsequenzen: Der Verband sprach eine vorübergehende Suspendierung von 30 Tagen aus. Am Ende dieser Frist wird über einen möglichen Ausschluss der fünf Leiter aus der Pfadfinderbewegung debattiert werden.In den Internetforen der Tageszeitungen (so auch auf der Facebook-Seite des GrenzEcho) wird dieser Vorfall kontrovers diskutiert.

Die einen sprechen „vom Missbrauch des Vertrauens der Eltern“, andere gar von „der traurigen Realität der heutigen Jugend“. Viele sind aber auch der Meinung, dass man das Ereignis nicht zu schnell verallgemeinern sollte. „Eine solche Lagerräumung kommt äußerst selten vor. Von 1.750 Lager in diesem Jahr ist es lediglich das zweite, dass wegen exzessiven Alkoholkonsums, geräumt werden musste“, so Geoffroy Crepin.

Das ist auch die Meinung der Eupener Pfadfindereinheiten, die oft in der Eifel zu Gast sind.

„Um derartige Probleme zu vermeiden, befolgen wir zum einen den Verhaltenskodex des wallonischen Dachverbandes (siehe Hintergrund) und zum anderen werden wir vom Dienst für Kind und Familie (DKF) verpflichtet, einen lagerinternen Kodex aufzusetzen, der unter anderem den Umgang mit dem Alkohol regelt. Den Kodex lassen wir sowohl dem DKF als auch den Eltern zukommen“, so Lukas Reul, Einheitsleiter der Pfadfinder St.Martin aus Eupen.

Diese Prozedur hat einen ganz simplen Grund: Die Einheiten möchten von der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) Subsidien erhalten. „Erst wenn alle Zuschusskriterien erfüllt sind und die Kontrolle bei den Lagerbesuchen der DKF positiv ausfällt, wird die Finanzspritze gewährt“, erklärt Christian Jaminon vom DG-Ministerium. Zu bemerken sei, dass neben dem DKF oft auch die Einheitsleiter als auch die Vereinigung „Hohe Seen“, Bindeglied zwischen den lokalen Gruppen und dem Dachverband, regelmäßig Stichproben in den Lagern durchführen.

Konkret besagt zum Beispiel der lagerinterne Kodex der Wölflinge der Einheit St.Martin, dass „sich alle Leiter dazu verpflichten den Alkoholkonsum in Maßen zu halten. Das bedeutet, nach dem zu Bettgehen der Kinder, dürfen die Leiter lediglich zwei bis drei Bier trinken. Pro Abend verpflichten sich jedoch zwei (volljährige) Leiter gänzlich auf Alkohol zu verzichten. Spätestens beim Frühstück sind alle Leiter ausgeschlafen und nüchtern bei den Kindern präsent.“

Jeden Abend bleiben ein bis zwei Leiter komplett nüchtern.

Ähnlich sieht es auch bei St.Franziskus-Pfadfindern Eupen aus, wie Einheitsleiterin Marina Kniebs schildert: „Abends trinken wir meist gemütlich zusammen was. Dabei bestimmen wir aber immer ein bis zwei sogenannte ‚Bobs‘, die keinen Alkohol konsumieren und auch die Einzigen sind, die nachts Kontakt mit den Kindern haben. Das heißt jedoch nicht, dass die anderen sich währenddessen hemmungslos betrinken.“

Beide bekräftigen zudem, dass es sich bei den konsumierten Getränken nie um harten Alkohol, sondern lediglich meist um Bier handelt. Und es funktioniert: „In sieben Jahren als Einheitsleiterin ist noch nie etwas wegen des Alkohols passiert“, so Marina Kniebs weiter. Falls die Leiter dennoch das Bedürfnis verspüren etwas ausgelassener zu feiern, gibt es für Lukas Reul eine simple Lösung: „Manche fahren einfach einige Tage vor Lagerbeginn hin oder bleiben eben etwas länger und nutzen diese Abende zum Feiern.“

Den Alkohol, „eine von der Gesellschaft akzeptierte Droge“, wie Geoffroy Crepin sie nennt, komplett aus den Lagern zu verbannen, halten alle Parteien für eine schlechte Lösung: „Wir wollen bei den Pfadfindern verantwortungsbewusste Menschen schaffen, die mit allen gesellschaftlichen Phänomenen klarkommen. Da gehört der Alkohol eben auch dazu“, so Daniel Brüll von „Hohe Seen“.

Geoffrey Crepin bedauert die Verantwortungslosigkeit der Leiter in Wallerode sehr: „Es ist schade, dass eine Minderheit negativ auffällt und so ein schlechtes Bild auf die komplette Pfadfindervereinigung wirft.“

Das denkt auch Lucas Reul, der lieber das Engagement seiner Leiter hervorhebt: „Sie opfern ihre Freiheit und machen einen super Job. Daher genießen sie mein vollstes Vertrauen. Und das rund um die Uhr!“

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