Carlo Lejeune: „Heute kann man über alles reden“

Herausgeber ist der ostbelgische Historiker Carlo Lejeune. Mit ihm führten wir folgendes Gespräch:

Worin bestand die große Herausforderung bei der Erstellung des neuen Bandes?

Das 19. Jahrhundert ist ein Jahrhundert, das von den Menschen stark beobachtet und dokumentiert worden ist. Die Verwaltungen haben umfangreiche Verwaltungsakten angelegt, haben umfangreiche Statistiken erhoben. Die Presse berichtet umfangreich, Museen stellen dar. Die Quellenlage ist recht gut. In unserer Region ist das 19. Jahrhundert mit Ausnahme der Dorf- und Gemeindegeschichten und der Ausstellung „Eupen. Gestern war heute“ relativ wenig von Historikern beleuchtet worden. Diese wertvollen Arbeiten werden nun in einen Gesamtzusammenhang gestellt. Die Region ist zudem fast immer als Grenzregion betrachtet worden. Wir haben uns aber bemüht, sie als „Zwischenregion“ anzusehen, die nicht an den Grenzen krankt, sondern diese als Herausforderung aktiv und überschreitend mitgestaltet.

Wie hat sich die Deutschsprachige Gemeinschaft im 19.Jahrhundert entwickelt?

Es gibt sehr große regionale Unterschiede. Auf der einen Seite gibt es das Eupener Land, in dem für die Textilindustrie ab 1815 eine völlig neue Situation entsteht. Neue Märkte müssen erobert werden, und es zeigt sich, dass die Industrie nicht ausreichend konkurrenzfähig ist. Das führt zu einem erheblichen Rückgang der Arbeitsplätze. Außerdem war Eupen nach 1865 nicht direkt ans Eisenbahnnetz angeschlossen. Im Vergleich zu anderen Städten zwischen Maas und Rhein stagnierte Eupen. Malmedy als Handelsstadt stagnierte ebenfalls weitgehend, wohingegen sich St.Vith nach dem Bau der Vennbahn zu einem völlig neuen Typ Stadt entwickelte, zu einem Eisenbahnzentrum. Die Bevölkerungszahl stieg sprunghaft an.

Das heißt für die Region insgesamt?

Insgesamt haben wir es mit einer Region zu tun, die von der Industrialisierung nur indirekt profitiert. Anpassungsprozesse sind nötig. Hierdurch entsteht Druck: zwischen der schnellen Veränderung in der Großregion und der wirtschaftlichen und strukturellen Rückständigkeit. In diesem Zwiespalt werden die Kräfte der Beharrung besonders deutlich.

Für das heutige Ostbelgien bedeutete das 19. Jahrhundert die Zeit unter der Herrschaft Preußens. Ist diese Epoche vielleicht auch deshalb so schlecht beleuchtet, weil man sie aus belgischer Sicht verdrängen wollte?

In jedem unserer Bände von „Grenzerfahrungen“ geht das erste Kapital sozusagen als unsichtbare Matrix der Frage nach, wie der Mensch mit Zeit und Raum umgeht. Und das letzte Kapital behandelt den Menschen und wie er mit der Geschichte umgeht. Wir müssen feststellen, dass das 19.Jahrhundert eine Zeit ist, die von Fachhistorikern bisher stiefmütterlich behandelt worden ist. Es ist ein Zeitabschnitt, der nach 1920 Teil einer politischen Geschichtsschreibung wurde. Die nationalistisch-politische Interpretation hat dazu geführt, dass es unterschiedliche Sichtweisen auf das 19. Jahrhundert gibt. Egal, ob das jetzt die belgizistische oder die deutsche Geschichtsschreibung ist. Das hat aber vor allem nach 1945 zu einer Distanzierung geführt. Vor allem in der Eifel haben die Dorf- und Gemeindechroniken dieses Tabu aufgebrochen, auch weil die Quellenlage sehr gut war. Diese fruchtbaren und wichtigen Bemühungen haben wir mit unserem Band dadurch bereichert, indem wir versuchen, einen Blick von oben über die größere Region zu werfen und die Dinge, die schon da waren, in einem größeren Zusammenhang einzuordnen.

Der vierte Band verspricht spannend zu werden, wenn man sich anschaut, welche Zeit behandelt wird. Ist das auch wieder eine besondere Herausforderung?

Der vierte Band der Reihe „Grenzerfahrungen“ umfasst die Zeit zwischen 1919 und 1945. Beides sind Übergangsdaten, weshalb wir darüber hinausgreifen werden. Das Jahr 1920 hat mit der „Volksbefragung“ und der Angliederung an Belgien das Schicksal der Region stark geprägt. Als Historiker haben wir den Vorteil, dass über diesen Zeitraum relativ viel geforscht und geschrieben worden ist. Wir haben ein Konzept entworfen, über das wir einen neuen Zugang zu dieser bewegten Zeit schaffen wollen.

Wie wollen Sie das denn anstellen?

Ein Ansatz von mehreren ist der biografische: Lebensläufe sollen als Beispiel dienen. Was können wir aus ihnen lesen? Wir wollen auch autobiografische Quellen nutzen. Auf diese Weise können wir Gefühle und Meinungen einzelner Personen wiedergeben. Wir wollen Quellen unterschiedlicher Herkunft nebeneinander stellen. Dies ermöglicht ein Gespür für die Vielfalt des Alltags und der Erlebniswelten, die bislang so in der politischen Geschichtsschreibung noch nicht zum Tragen gekommen sind.

Früher hat es oft geheißen, die ostbelgische Geschichtsschreibung sei mit vielen Tabus behaftet. Was denken Sie: Sind heute alle Tabus durchbrochen?

Ich denke, dass mittlerweile alle Tabus durchbrochen sind. Heute kann man über alles reden. Es gibt allerdings noch immer Themen, die gesellschaftliche Tabus darstellen – nicht nur in Ostbelgien. Denken Sie beispielsweise an das Thema Missbrauch. Es gehört nun mal dazu, dass Menschen lieber über positive Dinge sprechen und nachdenken, statt über Themen, die möglicherweise mit einem Trauma verbunden sind.

Carlo Lejeune (Hrsg.): Grenzerfahrungen. Eine Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, Band 3: Code civil, beschleunigte Moderne und Dynamiken des Beharrens (1794-1919), erscheint im Grenz-Echo Verlag, ISBN: 978-3-86712-115-6, 304 Seiten; Informationen unter www.gev.be.

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