Acht Schlösser an einem Tag: auf Radtour im Achterhoek

Karin de Rouw weiß, dass Kinderträume wahr werden können. Als Achtjährige besuchte sie mit ihrem Vater das Schlösschen Keppel bei Doetinchem und war fasziniert. „Seit dieser Zeit habe ich immer davon geträumt in einem Schloss zu wohnen“, erzählt de Rouw. Jahre verstrichen, der Wunsch blieb.

Im Jahr 2005 hörte die 57-Jährige von Schloss Vorden, einem hübschen Landsitz aus dem 15. Jahrhundert, umgeben von breiten Wassergräben, zuletzt genutzt als Rathaus des Ortes. „Da habe ich zugeschlagen und meinen Kindertraum wahrgemacht“, sagt de Rouw. Durch den Verkauf einer Druckerei hatte die Unternehmerin das nötige Geld.

Karin de Rouw ist heute glückliche Schlossherrin, aber auch Köchin, Putzfrau und Verwalterin. „Ich bin Mädchen für alles“, sagt sie. Ihr Partner Jos Hoenen, 60, unterstützt sie an den Wochenenden bei der Gartenarbeit und als versierter Schlossguide. Eine knappe Stunde dauert die Führung vom Keller bis zum Dachboden durch 25 Säle, Kammern und private Räume. Über eine steile Wendeltreppe führt der Diplomat die Besucher zur obersten Etage des Backsteingebäudes, wo auch die Gästezimmer der urigen Schlossherberge sind. „Manch einer kommt dabei aus der Puste“, sagt Hoenen.

Das Schloss von Karin de Rouw und das hübsche Landstädtchen Vorden sind Ausgangspunkt für die Acht-Schlösser-Radtour, die über 36 Kilometer auf kaum befahrenen Landstraßen, Sandpisten und schattigen Alleen durch die stille Landschaft des Achterhoek führt. Die gut gekennzeichnete Route wurde bereits 1913 geschaffen und gilt damit als der älteste touristische Radweg der Niederlande.

Mehr als 100 Jahre später ist der Achterhoek – übersetzt „die hintere Ecke“ – für viele Urlauber aus Deutschland noch immer eine unentdeckte Region. Dort ticken die Uhren sprichwörtlich langsamer als im dicht besiedelten Westen der Niederlande mit den betriebsamen Metropolen Amsterdam und Rotterdam.

Grasgrüne Kuhweiden und endlos wirkende Wälder mit knorrigen Eichen und Buchen prägen das Bild der stillen Landschaft. Nordöstlich von Arnheim gelegen, erstreckt sich der Achterhoek gerade mal rund 50 Kilometer von Westen nach Osten, von Bronkhorst an der Ijssel bis zum münsterländischen Vreden-Zwillbrock.

Der Achterhoek beheimatet rund 40 der insgesamt mehr als 700 Schlösser, Burgen, Herrenhäuser und Landsitze in den Niederlanden. So schätzt es René W. Chr. Dessing, Direktor der Stiftung Kastelen, Buitenplaatsen en Landgoederen. „Die wertvollen historischen Bauwerke rückten 2012 im nationalen Jahr der Schlösser zum ersten Mal überhaupt ins Bewusstsein einer breiten niederländischen Öffentlichkeit“, erzählt der 62 Jahre alte Kunsthistoriker. Zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert seien im Achterhoek die allermeisten Bauwerke im Auftrag des Landadels entstanden, im 18. und 19. Jahrhundert wurden sie oftmals umgebaut und erweitert.

Schloss Vorden ist das einzige Schloss an der Acht-Schlösser-Route, das seine Innenräume zur Besichtigung geöffnet hat. Die weiteren sieben Schlösser, Herrenhäuser und Landsitze können nur von außen betrachtet werden. Sie werden von den Nachkommen ihrer Erbauer bewohnt, sind im Besitz von Stiftungen oder dienen Unternehmerfamilien als private Rückzugsorte. An den weiten Wiesen von Haus Wildenborch drohen Schilder unmissverständlich mit der Härte des Gesetzes: Betreten verboten!

Der Landsitz De Wiersse ist bereits seit dem 17. Jahrhundert im Eigentum der Familiendynastie Gatacre. Die heutige Besitzerin Mary Gatacre bewohnt mit ihrem Mann und den Kindern das zierliche Schlösschen, umgeben von einem Wassergraben. An sechs Tagen im Jahr öffnet sich für Blumenfreunde die Gartenlandschaft.

„Wir haben schöne Schlösser bei uns, aber De Wiersse ist der schönste Schlossgarten im Achterhoek“, sagt Ria Olyslager, 70. Die pensionierte Lehrerin führt Gruppen durch den 16 Hektar großen, gepflegten Garten- und Landschaftspark. „Die schönsten Wochen sind im Mai zur Rhododendronblüte und im Herbst, wenn die alten Bäume ihr farbiges Blätterkleid anlegen“, sagt die Kennerin.

Außergewöhnlich ist die Kombination verschiedener Gartenstile: Vom Rosenparterre im französischen Stil aus dem Jahr 1912 über den Fontänenhof, geheimnisvolle Laubengänge, den Küchen- und Obstgarten bis zum weitläufigen englischen Landschaftspark mit fließenden Übergängen zu Kornfeldern und Kuhweiden.

Kunstfreunde machen von der Fahrradroute einen Abstecher zu einem neunten Schloss: Auf Schloss Ruurlo sind im Kunstmuseum MORE (Museum voor Modern Realisme) 50 Gemälde und weitere Arbeiten des niederländischen Malers Carel Willink (1900-1983) zu sehen. Die größte Sammlung mit Werken des neorealistischen Künstlers stammt aus dem Besitz des Industriellenpaares Monique und Hans Melchers.

Der Milliardär erwarb das Schloss 2013 und ließ es zum Kunstmuseum umbauen. Blickfang zwischen dem schlichten Bau aus dem 14. Jahrhundert und dem Landschaftspark ist ein 32 Meter langer, gläserner Brückensteg über die Schlossgräfte.

Prunkvoller Saal auf Schloss Vorden – Besucher können die Innenräume bestaunen.
Prunkvoller Saal auf Schloss Vorden – Besucher können die Innenräume bestaunen.

Schloss Ruurlo mit gläserner Brücke – hier ist ein Kunstmuseum untergebracht.
Schloss Ruurlo mit gläserner Brücke – hier ist ein Kunstmuseum untergebracht.

Unterwegs auf zwei Rädern im Achterhoek: Die Acht-Schlösser-Route ist nur angenehme 36 Kilometer lang.
Unterwegs auf zwei Rädern im Achterhoek: Die Acht-Schlösser-Route ist nur angenehme 36 Kilometer lang.

Malerisch: Fontänenrund mit Farnen im Garten des Landsitzes De Wiersse.
Malerisch: Fontänenrund mit Farnen im Garten des Landsitzes De Wiersse.

Farbenpracht: Rhododendren aus den 1920er Jahren auf dem Landsitz De Wiersse.
Farbenpracht: Rhododendren aus den 1920er Jahren auf dem Landsitz De Wiersse.

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