„Der WSR musste schnell feststellen, dass eine solide Zahlenbasis fehlt, um über alle nötigen Informationen zum Thema zu verfügen. Darüber hinaus ist klar, dass Armut erstens nicht nur mit Zahlen definiert werden kann und zweitens viele Gesichter hat und daher nicht immer auf den ersten Blick sichtbar ist“, so WSR-Präsident Marc Niessen in einem Kommuniqué. Aus diesen Gründen habe der WSR beschlossen, die im Zwischenbericht Armut identifizierten Risikogruppen unter die Lupe zu nehmen, um deren Situation mit qualitativen Daten genauer zu schildern.
Erstmalige Analyse der Altersarmut in der DG
Im ersten „Sonderbericht Armut“ hat sich der WSR zunächst mit der Situation der älteren Menschen beschäftigt. Hiesige Fachleute, die aus unterschiedlichen Bereichen kommen und in ihrem Alltag direkt mit der Thematik Armut, insbesondere bei älteren Menschen, in Berührung kommen, wurden interviewt. Insgesamt hätten sich 19 Organisationen für einen Austausch bereit erklärt, heißt es. Aus diesen Gesprächen entstand Anfang 2022 ein Bericht mit entsprechenden Erkenntnissen: Eine detaillierte Beschreibung der Ist-Situation aus Sicht der Befragten sowie Lösungsansätze aus der Praxis und möglichen Handlungsempfehlungen.
„Heutzutage ist jeder fünfte Ostbelgier älter als 65 Jahre. Insgesamt zählt die Deutschsprachige Gemeinschaft fast 16.000 Senioren. Mehr als zweitausend von ihnen leben in finanzieller oder sozialer Armut, oder sind akut davon bedroht. Nach Einschätzung der Experten, die der WSR in seiner Studie interviewt hat, liegt die Dunkelziffer sogar noch höher“, ordnet Marc Niessen ein.
Soziale Armut: die eigentliche Armut in der DG
Neben der finanziellen Armut erweist sich laut WSR die soziale Armut als die eigentliche Altersarmut in unserer Region. Darunter verstehe man die Situation von Menschen, die keine oder sehr wenige Sozialkontakte sowie kein persönliches „Netzwerk“ haben (Familie, Freunde, Nachbarn), Senioren, die isoliert leben. Auch die fehlende Teilhabe an der Gesellschaft, eine schlechte Mobilität und der Verlust an Autonomie aufgrund der Digitalisierung der Dienste und der Gesellschaft könnten zur sozialen Armut beitragen. Die soziale Armut könne Menschen mit oder ohne Geld betreffen.
Die Interviews hätten einen hohen sozialen Druck an den Tag gebracht, der manche Senioren, die sich für ihre prekäre Lage schämen, dazu bringe, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen und „versteckt“ in schlechten Bedingungen zu leben. Die Kleinheit der DG und insbesondere mancher Dörfer verschärfe diese Situationen noch. Deswegen sei Altersarmut – sowie auch Armut im Allgemeinen – in der DG so schwer zu entdecken.
Die Studie zeige darüber hinaus, dass das Gleichgewicht zwischen Wohlstand und Armut (sei es finanziell oder sozial) sehr zerbrechlich ist. Manche Lebensereignisse, wie eine Trennung, eine Krankheit oder der Tod des Lebenspartners, können unter Umständen der Auslöser für prekäre Lebensbedingungen sein.
Die Information der Senioren als absolute Priorität
Auf Basis dieser Erkenntnisse formulierte der WSR Handlungsempfehlungen in zwölf Hauptbereichen. Darunter wurden zum Beispiel eine verstärkte Information der Senioren über die bestehenden Hilfsdienste und -angebote, die Sensibilisierung der Hausärzte für das Thema Armut, die Verbesserung der Mobilität, die (Re-)Aktivierung der Seniorenbeiräte und die Überwindung des „digitalen Analphabetismus“ als wichtige Maßnahmen identifiziert. Dabei hat sich die Information der Senioren als eine absolute Priorität erwiesen. Eine verstärkte und gezielte Kommunikation über bestehende Hilfsangebote sei vonnöten.
Auch die Vernetzung der verschiedenen Akteure im sozialen und Seniorenbereich wurde seitens des WSR als eine Priorität identifiziert. „Eine verstärkte Kommunikation und engere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Hilfsdiensten und weiteren Akteuren (darunter z.B. Hausärzte, Krankenkassen, Sozialdienste,…) würden nämlich die Identifizierung und somit auch die Beratung und die Begleitung der bedürftigen Menschen extrem vereinfachen“, so der Wortlaut. (red/svm)
Weitere Resultate und Handlungsempfehlungen aus der Analyse der Altersarmut in der Deutschsprachigen Gemeinschaft sind als Download auf der Website des Wirtschafts-und Sozialrates zu finden.
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