„Preisanstieg wie seit zwölf Jahren nicht mehr“

<p>Mit bis zu fünf Prozent höheren Preisen ist in den Supermärkten zu rechnen.</p>
Mit bis zu fünf Prozent höheren Preisen ist in den Supermärkten zu rechnen. | Foto: Photo News

Schon seit einigen Monaten wissen die belgischen Verbraucher, dass in den Geschäften im Zuge der hohen Inflation alles teurer wird, und das bestätigt jetzt auch der Verband Comeos. „Im Handel wird alles ein bisschen teurer werden“, sagt der Ökonom Wim Van Edom in „Le Soir“ auf Basis von Rückmeldungen der Supermärkte im Land. „Diese Preiserhöhungen werden nicht alle Produkte betreffen. Außerdem werden einige Preise stagnieren und andere sinken“, ergänzt der Experte, kündigt jedoch an, dass „die größte Verteuerung der vergangenen zwölf Jahre eine ganze Reihe von Gütern des täglichen Lebens betreffen werden“.

In welchem Ausmaß, kann Comeos zum jetzigen Zeitpunkt schwer sagen, da die jährlichen Preisverhandlungen zwischen Einzelhändlern und Herstellern noch nicht abgeschlossen sind. Wim Van Edom versucht zu beruhigen: „Man sollte allerdings nicht mit so dramatischen Preiserhöhungen rechnen, wie sie zuletzt in den Medien aufgrund von Produktrücknahmen kursierten.“

Nun, die Supermärkte selbst rechnen mit einem Anstieg von fünf Prozent für 2022, während die Inflation für Lebensmittel (ohne Alkohol) im September noch leicht negativ war (-1 %). Vor etwa zehn Tagen berichtete das Wirtschaftsmagazin „Trends“ über auffällige Beobachtungen des Datenspezialisten Daltix: Bei Carrefour hätten die Preise Anfang Januar um 4,4 % und bei Delhaize um 3 % höher gelegen als zu Beginn der Pandemie. Das Marktforschungsunternehmen Nielsen geht davon aus, dass „die Preise zwischen drei und fünf Prozent steigen könnten. Derartige Verteuerungen seien auch während der Wirtschaftskrise 2008 und 2009 beobachtet worden, heißt es.

Von „Le Soir“ befragt, bestätigen die drei größten Supermarktketten in Belgien die schlechten Nachrichten für die Brieftaschen der Verbraucher: ein Anstieg, dessen Konturen laut Comeos noch unklar sind und der durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren im Zusammenhang mit der Coronakrise verursacht wird. Gemeint seien höhere Rohstoffpreise, Energiepreise und Lohnkosten, zitiert das Brüsseler Blatt die Delhaize-Sprecherin Karima Ghozzi. „In den Regalen haben wir unsere Preise seit dem Sommer gehalten, indem wir unsere Margen gesenkt haben. Aber jetzt ist das nicht mehr zumutbar. Erhöhungen sind bereits sichtbar, vor allem in der Bäckereiabteilung: plus 5 % seit dem 3. Januar.“

Bei Carrefour „haben wir beschlossen, die Erhöhungen, die uns unsere Lieferanten aufzwingen, so weit wie möglich zu begrenzen. Aber es ist nicht immer möglich“, erklärt Sprecherin Siryn Stambouli. Ihre Kollegin bei Colruyt, Nathalie Roisin, verweist auf die Haselnusskrise in der Türkei sowie die hohen Getreide-, Öl- und Kaffeepreise, die sich wahrscheinlich auf den Preis für den Endkunden auswirken. Aber: „Wir erwarten, dass, wenn die Energie- und Rohstoffpreise wieder fallen, auch die Lieferanten ihre Preise senken werden.“ Die Verhandlungen mit den Produzenten sind besonders angespannt. Will heißen: In anderen Kategorien als den genannten will der Einzelhandel Preiserhöhungen nicht akzeptieren. „Im Interesse der Verbraucher werden wir dafür sorgen, dass es keine unverantwortlichen Preiserhöhungen auf dem Markt gibt“, sagt Roisin.

So sieht es auch Comeos. „Die Marge von Nestlé ist von 14,8 % im Jahr 2019 auf 16,9 % im Jahr 2020 und 17,5 % im Jahr 2021 gestiegen. Die von Lotus Bakeries lag im vergangenen Jahr bei 17,65 % und wird 2022 bei 16,77 % liegen. Und das alles trotz steigender Energiepreise“, erklärt Van Edom in „Le Soir“ und fragt sich, ob nicht einige Anbieter die Krise nutzen, um ihre Gewinnspannen zu erhöhen.

Fakt ist aber auch, dass die Lebensmittelindustrie unter Druck steht. Der Wirtschaftswissenschaftler muss zugeben, dass die Preise für Verpackungen in die Höhe schnellen. Und die steigenden Energiepreise treffen energieintensive Lebensmittel wie Tiefkühlkost, Schmorgerichte oder Gerichte mit Zutaten, die von weit her kommen und daher teurer transportiert werden müssen. Hinzu kommen steigende Löhne, die aufgrund der galoppierenden Inflation wahrscheinlich innerhalb weniger Monate ein zweites Mal indexiert werden, und es drohe eine Inflationsspirale, warnt Van Edom. Zumal sich auch im Non-Food-Handel Erhöhungen ankündigen. Bei Möbeln war dies bereits im November letzten Jahres zu spüren (+2,91 % im Vergleich zu November 2020). Elektronik und Haushaltsgeräte blieben dagegen relativ verschont. Zumindest bis jetzt... Die Preise in der Industrie sind seit Anfang 2021 konsequent gestiegen. Im gleichen Zeitraum sei Kupfer um 44 %, Primärkunststoff um 49 % und Eisen um 63 % gestiegen, so der Comeos-Ökonom unter Berufung auf Daten der Nationalbank. „Da aber die Produktionskette im Non-Food-Bereich länger ist als im Lebensmittelbereich, ist mit langsameren Auswirkungen auf die Ladenpreise zu rechnen.“

Die Verteuerung in Möbel-, Heimwerker- und Elektrogeschäften ist demnach nicht mehr aufzuhalten. So kündigte Ikea jüngst an, seine Preise weltweit um neun Prozent erhöhen zu wollen. Die Gründe dafür sind der Anstieg der Rohstoffpreise, die Verknappung vieler Rohstoffe (auch bei Halbleitern) und die Explosion der Seefrachtgebühren. Zwischen 2020 und heute haben sich die Kosten für Container mehr als verdoppelt.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Coronokrise noch nicht ausgestanden ist und für weitere böse Überraschungen sorgen könnte. Selbst die Omikron-Variante, die langfristig zu einer Beruhigung der Pandemie und einem Übergang zu einer Endemie führen könnte, ist keine gute Nachricht für die Verbraucher: „Wenn die Wirtschaft wieder anzieht und die Menschen mehr konsumieren, wird dies die Preise durch den Effekt eines zu geringen Angebots und einer zu großen Nachfrage nach oben drücken, wie wir es bereits im letzten Jahr gesehen haben“, befürchtet Wim Van Edom in „Le Soir“.

Eine Stabilisierung der Preise erwartet Comeos nicht vor dem Sommer. Bis dahin müssen die Verbraucher also in den sauren Apfel beißen. Arbeitnehmer profitieren von einer Lohnindexierung, die den Schock der Preisinflation im Einzelhandel abfedern wird. Wenn ihr Einkommen im mittleren oder oberen Bereich liegt und sie über ein wenig mobilisierbare Ersparnisse verfügen, dürften sie die Erhöhung des Kassenzettels nicht allzu sehr spüren. Anders dürfte das sein für Arbeitnehmer in prekären Verhältnissen und für Menschen unterhalb der Armutsgrenze.

Brotpreis ist bereits stark angestiegen

Während der Preisanstieg bei den großen Einzelhandelsketten derzeit schwer abzuschätzen ist, verfügen die Bäcker bereits über recht klare Zahlen. „Im Durchschnitt muss man für ein geschnittenes Weißbrot von 800 g mit 10 bis 15 Cent mehr rechnen. Für ein Vollkornbrot sind es 20 Cent mehr“, sagt Albert Denoncin, Präsident des Bäckereiverbands, in „Le Soir“. „Zu Beginn des Jahres hat unser gesamter Sektor die Preise angehoben.“

Und das aus gutem Grund. Der Preis für Weizen – und damit auch für Mehl – ist seit September buchstäblich in die Höhe geschossen, vor allem aufgrund der starken Nachfrage aus China. Dasselbe gilt für Strom, Gas und Heizöl, mit dem die Öfen beheizt werden. „Eine kleine Bäckerei, die 150 Brote pro Tag herstellt, verbraucht alle zwei Monate 5.000 m3 Heizöl“, so Albert Denoncin, der außerdem auf die steigenden Löhne und Kosten für Verpackungspapier verweist. Nicht zu vergessen die Verknappung und damit Verteuerung von Butter.

Wird sich der Verbraucher deshalb den verbilligten Produkten aus Großbäckereien zuwenden? „Die Kunden wollen weiterhin Qualitätsbrot kaufen“, antwortet Albert Denoncin. „Sie sind sogar zunehmend auf der Suche nach Expertise, lokalen und nachhaltigen Produkten. Sie sind bereit, einen Aufpreis zu zahlen, um etwas anderes als standardisiertes, tiefgefrorenes oder sogar aus dem Ausland kommendes Brot zu essen.“ Ob das reicht, um Lockrufen der großen Handelsketten zu widerstehen? In Frankreich beispielsweise laufen die Bäcker Sturm gegen die Werbeaktion der Leclerc-Supermärkte, den Preis für eine Baguette auf 29 Cent festzusetzen – auf ein Drittel des Durchschnittspreises in den Bäckereien. Angeblich um die Kaufkraft der Franzosen zu schützen. Lesen Sie dazu auch unseren Bericht auf Seite 15. (gz)

(gz)

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