Sollten wir die Corona-Regeln aufgeben?

<p>Omikron ist überall, nur nicht auf der Intensivstation.</p>
Omikron ist überall, nur nicht auf der Intensivstation. | Foto: picture alliance/dpa

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt weiterhin stark an, nämlich um 28 Prozent auf durchschnittlich 28.252 bestätigte Fälle pro Tag auf Wochenbasis. Am vergangenen Montag wurde ein neuer Tagesrekord aufgestellt mit 60.419 Neuinfektionen (bei 90.000 Tests) – eine Verdoppelung gegenüber dem vorigen Montag, und das ist sogar noch eine Unterschätzung, da viele nach einem Hochrisikokontakt einen Schnelltest statt eines PCR-Tests machen. Nur Letztgenannte werden offiziell registriert. „60.000 Infektionen, das ist enorm“, betont der Biostatistiker Bart Mesuere. „Die Zahl der infizierten Kinder und Jugendlichen unter 19 Jahren steigt weiter an, was aber vorerst nicht zu höheren Infektionsraten bei Eltern und Großeltern führt, wie wir sie in früheren Wellen gesehen haben. In dieser Kategorie bleibt der Anstieg vorerst begrenzt.“ Laut dem Virologen Steven Van Gucht vom Gesundheitsinstitut Sciensano ist das Virus derzeit überall zu finden. „Es fällt auf, dass zehn Prozent der Personen, die sich für eine Reise oder ein gültiges Covid Safe Ticket testen lassen – also Personen ohne Symptome – positiv sind. Früher waren das ein oder zwei Prozent.“ Etwas, was nach Ansicht des Virologen nicht von Dauer sein kann. „Wenn viele Menschen infiziert sind, geht dem Virus der Treibstoff aus. Sie bauen eine zusätzliche Immunität gegen Omikron auf, zusätzlich zur Immunität durch die Impfung. Dadurch wird es Omikron sehr schwer haben.“ Van Gucht hofft, dass wir den Höhepunkt der Infektionswelle innerhalb von ein bis zwei Wochen erreichen und noch vor Ende Januar eine Trendwende bei den Infektionen und dann bei den Krankenhauszahlen sehen werden.

Pro Tag werden durchschnittlich 232 Covid-Patienten ins Krankenhaus eingewiesen – 28 Prozent mehr als in der Vorwoche. In den Krankenhäusern liegen derzeit 2.568 Covid-Patienten, 27 Prozent mehr als vor einer Woche. Andererseits aber ist die Anzahl Intensivpatienten weiter rückläufig: Inzwischen sind es 387 – acht Prozent weniger als vor einer Woche. Bei der überwiegenden Mehrheit handelt es sich dabei um Menschen, die sich mit der Delta-Variante infiziert haben. „Etwa ein Prozent der Infizierten landet jetzt mit Covid im Krankenhaus“, sagt der Biostatistiker Tom Wenseleers. „Das ist nur noch ein Bruchteil dessen, was er mal war.“

Fazit: Omikron ist überall, nur nicht auf der Intensivstation. Da ein Zusammenbruch der Versorgung nicht unmittelbar bevorsteht, mehren sich die Rufe, die Corona-Regeln zu lockern oder sogar ganz abzuschaffen. Das größte Problem sind die Quarantänevorschriften in den Primarschulen. Kinder werden gezwungen, zu Hause zu bleiben, auch wenn sie völlig gesund sind. Dies führt zu Unverständnis und Frustration bei den Eltern. In Flandern plädiert man inzwischen dafür, allen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, solange sie keine Krankheitssymptome zeigen.

Es gibt ein weiteres Argument für Lockerungen. Die Impfungen können einer Infektion mit Omikron nur teilweise entgegenwirken. Infolgedessen machen Corona-Pässe, aber auch die Suche nach infizierten Personen und ihren Hochrisikokontakten – von denen es zu viele gibt – wenig Sinn. Sollte man dann wirklich alle Beschränkungsmaßnahmen aufheben? „Nicht so schnell“, sagt der Professor für medizinische Mikrobiologie, Bruno Verhasselt, in der Zeitung „De Tijd“. „Das Virus zirkuliert bereits am stärksten unter der berufstätigen Bevölkerung, unter jungen Menschen und Eltern von Kleinkindern. Die meisten Infektionen erfolgen durch familiäre Übertragung. Es besteht kein Zweifel, dass die Anzahl Infektionen weiter steigen wird.“ Bereits in der zweiten Januarwoche war ein starker Anstieg der Infektionszahlen bei Jugendlichen zu verzeichnen. Laut Steven Van Gucht werden bald auch die Grundschulkinder folgen. „Eine weitere Lockerung der Vorschriften würde definitiv die Schließung von Klassen und ganzen Schulen bedeuten“, sagt der Virologe. Verhasselt: „Ohne Vorschriften droht die Zahl der Infektionen in die Höhe zu schnellen. Wir wissen immer noch nicht, was Omikron mit den ältesten und schwächsten Menschen anstellen wird, weil es sie noch nicht erreicht hat. Die Pflegestationen können also immer noch schwer belastet werden, auch wenn es auf den Intensivstationen nicht so schlimm ist.“ Der Biostatistiker Niel Hens hat außerdem herausgefunden, dass die Menschen ihre sozialen Kontakte immer noch aus eigenem Antrieb stark einschränken. „Wir haben also ein etwas verzerrtes Bild der Pandemie.“

„Neue Spitzenwerte der Infektionswelle werden wahrscheinlich zu noch mehr Personalabbau im Gesundheitswesen und anderen Sektoren führen. Und es gibt schon jetzt keinen Überschuss“, sagt Verhasselt. „Es scheint mir klüger zu sein, die Omikron-Welle zeitlich weiter zu streuen, als noch höhere Spitzenwerte zuzulassen.“

Die Politiker in Belgien sind nicht für eine Vorgehensweise nach britischem Vorbild. Premierminister Alexander De Croo (Open VLD) verwies am Donnerstag im Parlament auf die steigende Anzahl Krankenhauseinweisungen: „Die Tatsache, dass so viele Menschen im Krankenhaus landen, bedeutet, dass wir immer noch nicht sagen können, dass Omikron dasselbe ist wie eine normale Grippe. Die Impfung, insbesondere die Auffrischungsimpfung, ist nach wie vor unser bestes Mittel zum Schutz.“ Corona-Kommissar Pedro Facon meint: „Wenn sich Omikron als beschleunigter Weg zu einer endemischen Situation erweist, ist eine grundlegende Überarbeitung der Politik erforderlich. Es wird eine Herausforderung sein, die Strategien – von den Tests über die Isolierung und Quarantäne bis hin zu den übrigen Maßnahmen – zu evaluieren und sie erforderlichenfalls rasch und professionell auslaufen zu lassen.“

Unterstützung für Corona-Maßnahmen schmilzt dahin

Das 39. Motivationsbarometer des Teams von Professor Maarten Vansteenkiste (UGent, Mitglied des Beirats von Gems) stellt derweil einen Wendepunkt – „eine neue Phase“ – fest. Dies sei der Omikron-Variante zu verdanken, die zwar ansteckender, aber weniger pathogen zu sein scheint, insbesondere für Personen, die dreifach geimpft sind. Die jüngste Umfrage zwischen dem 7. und 17. Januar hat ergeben, dass die Öffentlichkeit das Risiko völlig anders einschätzt. Die Motivation, die geltenden Beschränkungsmaßnahmen einzuhalten, hat sogar einen Tiefpunkt erreicht. Nur 39 Prozent der Geimpften sind stark motiviert, verglichen mit nur sieben Prozent der Ungeimpften. Selbst grundlegende Regeln wie Mundschutzpflicht, Belüftung, Abstand halten und Desinfizierung werden seltener befolgt, obwohl eine große Gruppe immer noch einen Nutzen darin sieht. Doch die Frustration über die sozial restriktiven Maßnahmen wächst, vor allem unter jungen Erwachsenen. Und die Ungeimpften fühlen sich zunehmend ausgeschlossen. „Dies weist auf die zunehmende Polarisierung zwischen den beiden Gruppen in unserer Gesellschaft hin“, heißt es in dem Bericht zum Motivationsbarometer. Eine wachsende Gruppe der Befragten ist der Ansicht, dass das Virus weiter zirkulieren sollte, um eine Gruppenimmunität aufzubauen.

Dies sind keine unwichtigen Erkenntnisse im Vorfeld eines neuen Konzertierungsausschusses an diesem Freitag. Vansteenkiste zufolge wäre es jedoch gefährlich, jetzt alle Regeln aufzugeben, weil die Motivation unter Druck steht. „Die Bürger nehmen eine Risikobewertung in einem Umfeld vor, in dem das Virus nicht frei zirkulieren kann. Das sagt nichts über die Auswirkungen aus, sobald es zu einer effektiven Lockerung kommt, zum Beispiel im Gesundheits- und Bildungswesen. In jedem Fall müssen die Regierungen ihre Maßnahmen besser motivieren.“

Das Barometer weist ferner aus, dass nur 51 Prozent für eine Impfpflicht für Erwachsene sind. Zuvor lag diese Zahl bei fast 60 Prozent. Doch inzwischen gelten die Impfstoffe als weniger wirksam und das Virus als weniger riskant. 31 Prozent der Geimpften lehnen die Pflichtimpfung ganz und gar ab. Im August waren dies nur 16 Prozent. Vansteenkiste: „Die Argumentation könnte hier lauten: Warum etwas erzwingen, wenn es ohnehin nicht notwendig ist?“ (gz)

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